Seite, Fachbereiche, Sprachen

Dieser Universal-Blog ist aus einer Seite für Geschichte, Politik und Realienkunde hervorgegangen und hat sich in Richtung Humanwissenschaften weiterentwickelt.
Fachbereiche: Geschichte (Politik, Sowi, Philosophie) - Sprachen - Biologie (Biochemie) - IT (Technik, Physik) - Wirtschaft - Recht und Blödsinn.
Sprachen (Vokabeln): Englisch, Französisch, Spanisch; Latein/Italienisch, Altgriechisch/Neugriechisch; Russisch; Chinesisch, Japanisch, Koreanisch; Arabisch, Hebräisch; Mittelägyptisch; Sanskrit/Hindi; Akkadisch; Schwedisch; keltische Sprachen, Swahili etc.
Personen-Link: http://novatlan.blogspot.de/2014/08/personen-pool.html

Sonntag, 23. Juli 2023

MEINUNG: HOMOSEXUALITÄT

Rainbow



Da zur Zeit in der Öffentlichkeit wieder ein Pro- und Contra-Kampf zum Thema Regenbogenflaggen und LGBT läuft, sehen wir uns genötigt, das Thema Homosexualität zu erörtern, auch wenn man sich mit so etwas gerne in die Nesseln setzt.

Aus unserer Sicht wird bei dieser Pro-Contra-Debatte ständig am Kern vorbei diskutiert.
Das Problem von Homosexualität sollte NICHT sein, dass sie verboten gehört.
Aus unserer Sicht ist die Sexualität eines Menschen im Normalfall Privatsache - es gibt aber Ausnahmen.
Das Problem gerade männlicher Homosexualität ist, dass sie gesundheitliche Risken birgt.
Diese werden in den Medien oft als Vorurteile abgetan, aber das stimmt nur bedingt.
Außerdem sollte die moderne Wokeness - frei nach arte - kein zur Intoleranz mutierter Progressivismus sein.
Man sollte weiterhin auch die klassische Familie achten, weil v. a. diese neben anderen Faktoren den dringend benötigten Nachwuchs bringt.


POSITIVE SEITEN DER LEGALISIERUNG VON HOMOSEXUALITÄT

Der Hauptvorteil der sogenannten Homosexuellenbefreiung ist natürlich ein Zugewinn an persönlicher Freiheit. Menschen können zu dem stehen, was und wie sie sind. Es muss zu keinen Unterdrückungshandlungen oder Heimlichkeiten und Doppelleben mehr kommen.

Ein weiterer Punkt ist auch ein Machtfaktor: Wenn Homosexualität "egal" ist, dann ist sie kein wirksamer Erpressungsfaktor mehr.
Im Kalten Krieg ging eine Menge an Informationen an die Gegenseite verloren, weil Entscheidungsträger mit ihrem homosexuellen Doppelleben erpresst werden konnten. In der Wirtschaft gab und gibt es solche Erpressungen auch.
Einige Verteidiger der Stonewall-Razzien, die heute als Keimzelle der Homobewegung gelten, führen an, dass es dabei nicht um eine Homosexuellenunterdrückung ging, sondern darum, dass Banker mit ihren Neigungen erpresst wurden und deshalb Firmengeheimnisse preisgaben.


NEGATIVE SEITEN/GEFAHREN MÄNNLICHER HOMOSEXUALITÄT

Es sollte in der Debatte um Homosexualität nicht um das Erlaubt-Sein gehen, sondern um etwas anderes: Gerade männliche Homosexualität hat auch negative Seiten, die nicht bestritten werden sollten.
Es geht im Kern darum, dass bei männlicher Homosexualität Krankheiten leichter verbreitet werden.
Das ist kein "Vorurteil", das ist Fakt. Es hängt damit zusammen, dass die Darmschleimhaut eine aufnehmende Schleimhaut ist und die Vaginalschleimhaut eine abstoßende Schleimhaut.
Möglicherweise ist ein weiterer Faktor, dass homosexuelle Beziehungen weniger stabil sind als heterosexuelle, aber das müsste man noch genauer erforschen.

Deshalb ist auch die extreme Verbeitung von AIDS, Hepatitis und anderer Krankheiten in den 1970er-Jahren kein Zufall, sondern das Ergebnis der sog. Schwulenbefreiung dieser Zeit.
Wenn ein Mann einen Mann liebt, ist das die eine Sache, wenn aber ein Mann wissentlich einen anderen ansteckt (und damit bei einem Doppelleben auch dessen Ehefrau) ist das eben nicht mehr seine Privatsache oder sein Bürgerrecht.
Das Risiko einer Ansteckung mit HIV ist bei homosexuellen Männern um ein Mehrfaches höher als bei heterosexuellen.

In den 1970ern haben sich Homosexuelle in liberalen Gegenden Nordamerikas und Europas in Kneipen, Saunas und Schwimmbädern "maximal ausgelebt", weil sie ihre neue Freiheit genießen wollten. Viele hatten ungeschützt mehrere Sexualpartner pro Tag!
Da darf man sich nicht wundern, wenn eine derartige Seuche sich rasant ausbreitet. Das ist dann nicht mehr eine Frage des "Vorurteils", sondern eine Frage der Gesetze der Medizin und der Statistik.
Man hat zu lange geglaubt, Geschlechtskrankheiten seien medizinisch überwindbar und daher eine Kleinigkeit.
Interessant ist auch, dass diese Branche "kapitalistisch" organisiert war, also eigentlich das, was die Linken sonst ablehnen. Dies hatte fatale Folgen:
  • die kapitalistische Gier heizte die Verbreitung der Krankheiten noch weiter an,
    als es die Biologie alleine hätte tun können
  • die Unternehmer von Schwuleneinrichtungen waren wichtige Anzeigenkunden für Schwulenmagezine, und übten so Druck auf, dass z. B. keine (oder kaum) kritischen Artikel über die Zusammenhänge von Bädern und AIDS erscheinen konnten. So konnten die Bäder zunächst nicht geschlossen werden.
So mussten bis heute Millionen Menschen sterben. Die Forderung nach Regenbogen-Toleranz hat also auch ihre Schattenseite, wenn man sich die Fakten anschaut. Zumindest sollten homosexuelle Männer IMMER geschützten Sex haben.


DER FALL DUGAS UND SEINE PSEUDO-REINWASCHUNG

Ein klassisches Beispiel dafür ist der franko-kanadische Steward Gaetan Dugas (20.02.53 - 30.03.84).
Er spielte eine Rolle zu Beginn der AIDS-Epidemie. In Nordamerika ist sein Fall bekannter als in Europa.
Einige Regenbogenaktivisten ("Regenbogen-Kultur-Lobby") versuchen immer noch, Dugas "freizubeweisen" von jeglicher Schuld.
Fakt ist: Dugas hat nicht - wie zunächst von einigen vermutet - als Patient Zero AIDS in die USA gebracht. Man vermutet, dass das HI-Virus zwischen 1966 und 1971 in die USA kam.
Fakt ist aber auch: Dugas hat in 10 Jahren Sex mit ungefähr 2500 Männern gehabt und das meistens ungeschützt.
Auch zu einem Zeitpunkt, als AIDS bereits bekannt war, auch wenn man das HI-Virus noch nicht genau analysiert hatte, steckte er wissentlich seine Sexualpartner mit einer wahrscheinlich tödlichen Krankheit an - und damit potenziell deren Partner und im Falle eines Doppellebens vielleicht auch noch deren Ehefrauen. Gaetan machte weiter wie bisher. Er berief sich dabei auf seine Bürgerrechte und (pseudo-)argumentierte, jemand habe den Erreger ihm gebracht, also dürfe er ihn auch an andere übertragen.
Dies berichtet die Ärztin und AIDS-Forscherin Dr. Selma Dritz, diverse Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden (CDC) und darauf deuten auch Anrufe in damaligen AIDS-Hotlines hin, in denen Homosexuelle panikartig berichtet haben, sie hätten mit einem Stewart mit französischem Akzent geschlafen, der danach auf die Mutationen (Karposi-Sarkom) auf seiner Haut zeigte und meinte, das sei Schwulenkrebs und der Partner würde es vielleicht auch bekommen.

Inzwischen ist auch eine Videoaufnahme von einer öffentlichen Informationsveranstaltung der frühen 1980er-Jahre zum Thema AIDS bekannt, in der sich (wahrscheinlich) Dugas aus dem Publikum zu Wort meldet und die offiziellen AIDS-Theorien negiert und auf absurde Erklärungsmuster zurückgreift.

Wenn beispielsweise die Doku "Killing Patient Zero" von Laurie Lynd Dugas entlasten will, basiert dies nur im Punkt "Patient Zero" (Patient Null; eigentlich Patient Out of Califormia) auf Tatsachen.
Seine Schuld bleibt weiter bestehen.



MAO ZEDONG (MAO TSE-TUNG)

 
Mao Zedong

* 26.12.1893 in Shaoshan
+ 09.09.1976 in Peking

Mao Zedong (Mao Tse-tung in WG-Umschrift; 毛澤東 / 毛泽东) war ein chinesischer Kommunist, praktischer Revolutionär, Verfasser von Schriften und Parteivorsitzender der KP. Er hatte Ehrentitel, die u. a. mit "Großer Vorsitzender" übersetzt werden können.
Mao gilt bei seinen Anhängern als Befreier Chinas vom Joch der alten Oberschicht und imperialistischer Mächte. Bei seinen Gegnern gilt er als Massenmörder, weil er seine Ideen brutal umsetzte.


JUGEND

Mao Zedong wuchs in Shaoshan als Sohn eines Bauern auf, der es durch Härte gegen sich und andere zu einem gewissen Wohlstand gebracht hat. Dies führt aber oft zu Störungen im friedlichen Umgang mit der sozialen Umwelt.

So schlug Maos Vater seinen Sohn oft und nannte ihn einen Nichtsnutz. Einmal lief Mao z. B. von Zuhause fort, kehrte dann aber wieder zurück. Sein Vater verlangte von ihm zur Wiederaufnahme in seinen Haushalt einen Kniefall. Mao kniete nur auf einem Knie.
Maos Mutter war dagegen sanft und gnädig. Mao mochte sie zwar, schloss aber aus der Familiensituation, dass man mit Sanftheit nicht weiterkommt, sondern nur mit Macht und Gewalt.

In der Schule war Mao relativ eigenwillig. Auch die Lehrer verprügelten ihn oft. Viel später - nach dem Sieg der Revolution - besuchte Mao als Revolutionsführer vor laufenden Kameras seine alte Schule und traf seinen ehemaligen Lehrer. Die Blicke beider sprachen Bände und zeigten, wie sehr sich die Machtverhältnisse geändert hatten.


NACH DEM STURZ DER MONARCHIE UND DEM ERSTEN WELTKRIEG

Sturz der Monarchie

Viele Chinesen fühlten sich unter der Ching-Dynastie unterdrückt. Die Herrscher waren eigentlich ethnische Mandschu, also Fremdherrscher. Sie hatten sich aber mit der Zeit stark an die chinesische Kultur angepasst. Der Mandschu-Zopf galt aber noch als Symbol der Mandschu-Herrschaft und wurde nach der Wende zum 20. Jhd. immer häufiger symbolisch abgeschnitten.

Um 1911/12 wurden die Mandschu von nationalchinesischen Kräften gestürzt. China wurde eine Republik.
Einer der Anführer der Aufständischen war Sun Yat-sen. Man erhoffte sich auch ein Zurückdrängen der Kolonialmächte, aber diese blieben zunächst.
Nur der Anteil des Deutschen Reiches am "Kuchen" wurde nach dessen Niederlage im Ersten Weltkrieg an die Japaner abgegeben.

In der chinesischen Gesellschaft und insbesondere unter den Intellektuellen herrschte Unzufriedenheit. Man wusste aber nicht, in welche Richtung man gehen sollte.
Nach gescheiterten Versuchen, die Monarchie wiederherzustellen, griffen verschiedene Kriegsherren bzw. "Warlords" nach der Macht und teilten China unter sich auf.


Warlords, Guomindang und die Kommunisten

Diese Warlords herrschten sehr willkürlich und vertraten (angeblich) unterschiedliche Ideologien. Ein Warlord gab sich als Christ aus und besprühte seine Soldaten mit Wasserschläuchen, um sie zu taufen.
Gegen diese Warlords sammelten die Nationalchinesen im Süden aber Kräfte, die China wieder einigen sollten. Zuerst war ihr Anführer weiterhin Sun Yat-sen, dann wurde es Tschiang Kai-shek.
Tschiang galt als begabter Militärführer, er setzte aber beim Kampf gegen politische Gegner sehr auf das Besitzbürgertum und manchmal auch auf kriminelle Strukturen (Triaden), so dass er bei Sozialreformern und besonders Sozialrevolutionären zunehmend unpopulär wurde.
Trotzdem gelang es ihm zunächst, 1927 in Schanghai die dort starken Kommunisten auszuschalten und dann in mehreren Umfassungsoffensiven die Warlords und andere Gruppen zu schlagen. Einige Warlords liefen auch zu ihm über.
Die Kommunistische Partei Chinas war 1921 in Schanghai gegründet worden und ließ sich aufgrund ihrer anfänglichen Schwäche für mehrere Jahre auf ein Bündnis mit der Kuomintang ein. Doch dieses Bündnis bekam Risse.
Als Symbol des Bruchs zwischen GMD und KP mag eine Erzählung dienen, bei der (wahrscheinlich in Schanghai), die GMD der noch verbündeten KP Versorgungszüge versprochen hat. Als dann aber die Waggontüren aufgeschoben wurden, blickten die Kommunisten nicht auf Getreidesäcke, sondern in die Läufe von Maschinengewehren, die direkt losfeuerten.


KAMPF ZWISCHEN GUOMINDANG UND KOMMUNISTEN UND DER ZWEITE WELTKRIEG


Maos Positionierung

Mao gefiel diese Sachlage nicht. Er wurde nach der Revolution von 1911/12 zuerst Demokrat und dann Kommunist. 1921 gehörte er zu den Mitbegründern der Kommunistischen Partei. Anfangs war diese noch so schwach, dass sie mit der Guomindang (Kuomintang), den später verfeindeten Nationalchinesen (bzw. Nationalrevolutionären) zusammenarbeitete (s. o.). Gegen 1927 fasste er den Entschluss, dass man so keinen gesellschaftlichen Fortschritt erringen könne und wurde radikaler. Von 1935 an dominierte er die Kommunistische Partei.
Mao war anfangs umstritten und wurde als "Junge vom Land" sogar gemobbt. Trotzdem oder gerade deswegen erkannte er, dass die Arbeiterklasse in den Städten als revolutionäres Subjekt nicht ausreichte und man sich in China auf die riesigen Bauernmassen auf dem Land verlassen müsse. Er ging in dieser Theorie von Lenin aus, verschärfte dessen Ansichten aber noch ("Lenin on steroids").
Die Säuberungen und Hinrichtungen von Gewerkschaftern und Kommunisten in den Städten gaben ihm Recht.
Erst 1943 wurde Mao Vorsitzender des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas.


Guomindang, Kommunisten und japanische Invasion

Kurz bevor Tschiang seine Gegner 1934 in einer letzten Einkreisung mit Bodentruppen und Doppeldeckern zerschlagen konnte, organisierte Mao mit getreuen Anhängern den "Langen Marsch" und brachte so die Kommunisten aus der für sie tödlichen Gefahrenzone. Der Lange Marsch sicherte zwar das Überleben der Revolutionäre, war aber nicht so glorreich, wie es später die Propaganda darstellte. Zusammenstöße mit nationalchinessischen Truppen, Freischärlern, ethnischen Minderheiten sowie Hunger und Krankheiten verminderten die kommunistischen Kolonnen zahlenmäßig massiv.
Einige Schlachten aus der Zeit des Langen Marsches sind aber Propagandaerfindungen.
Nur ein Teil von ihnen kam in den Lösshöhlen Nordwest-Chinas an. Dort begannen sie, ihre kommunistische Utopie zu errichten. Für viele kommunistische Führer sollte dies genauso prägend werden wie für die kubanischen Revolutionäre das Ausharren in der Wildnis vor dem finalen Angriff.

Inzwischen änderte sich aber in ganz Ostasien das Machtefüge. Das imperiale Japan hatte bereits Anfang der 1930er-Jahre die Mandschurei besetzt und griff 1937 auch den übrigen Teil Chinas an. Die Japaner hatten das Blitzkriegkonzept der Nazis übernommen und zusätzlich noch um den Seekrieg (zunächst v. a. an den Küsten) erweitert. Japan marschierte überraschend schnell an der ostchinesischen Küste nach Süden und eroberte brutal die "Ersatzhauptstadt" Nanjing. Dann erreichte die Invasionsarmee die (noch) französische Kolnie Indochina. Die hiesige Besatzung war aber zunächst noch moderat, weil Indochina auf der Seite Vichy-Frankreichs stand und damit offiziell mit Nazideutschland verbündet war. Die Japaner drangen dann weiter in Südostasien vor, in Thailand gab es eine gewisse Kollaboration, das britisch besetzte Burma fiel und am Ende auch die US-amerikanisch besetzten Philippinen (nach dem Sieg der USA über Spanien). Japan rückte schon nach "Hinterindien" vor, also Malaysia und Indonesien, das noch holländische Kolonie war. In Australien fürchtete man bereits einen Angriff.

Die japanische Besatzungsherrschaft war äußerst brutal, auch wenn es immer wieder auch Kollaboration gab. In der Mandschurei errichteten die Japaner z. B. Mandschukuo, das unter der Herrschaft des letzten Kaisers von China, Pu Yi starb. Für die Chinesen war dies Verrat, Pu Yi seinerseits rächte sich dafür, dass die chinesischen Nationalisten die Gräber seiner Ahnen "geschändet" hatten. Auch in Zentralchina und in anderen Teilen Asiens gab es Kollaboration, besonders aber in Thailand.
Die japaner verscherzten sich aber - ähnlich wie die Nazis - mögliche Sympathien der Bevölkerung, indem sie herrische auftraten und viele Massaker verübten. Auch gab es in besetzten Gebieten Menschenversuche, z. B. durch willkürliche Operationen oder Versuche mit biologischen und chemischen Kampfstoffen. Symbolisch steht dafür die berühmte Einheit 731, die aber längst nicht die einzige dieser Art war.

In China gab es nun den Streit, ob man zuerst den Bürgerkrieg fortsetzen oder zuerst die Japaner bekämpfen wollte. Die Kommunisten warfen den Nationalisten vor, sich nur um ihre eigenen Interessen zu kümmern und nicht um die Verteidigung des Vaterlandes. Noch heute ist dies Teil der kommunistischen Propaganda.
Umgekehrt kann man aber auch anführen, dass die Nationalisten bei der Abwehr der Japaner viel größere Verluste erlitten haben als die Kommunisten und diese sich währenddessen im Hinterland "ausruhen" und ihre Kräfte aufstocken konnten.
Dann das Problem aus japanischer Sicht war: China war zu groß, um es schnell ganz einnehmen zu können!

So oder so wurde Tschiang Kai-shek nach dem Einmarsch der Japaner 1937 von seinen Leuten gezwungen, seine Hauptkräfte auf die Bekämpfung der Japaner zu richten.
Die Kommunisten warteten dagegen, bis die Alliierten mit Hilfe der USA die Japaner nach dem Angriff auf Pearl Harbor wieder schrittweise aus allen eroberten Positionen vertrieben hatten.
So wie sie den Nationalisten Opportunismus angesichts der japanischen Bedrohung vorwarfen, kann man dies auch ihnen vorwerfen.
Als die Japaner nach der Kriegswende immer mehr Gebiete verloren und schließlich nur noch die Mandschurei (den Nordosten) besetzt hielten, erklärte Stalin Japan 1944 den Krieg und besetzte diese. Damit vertrieb er nicht nur die Japaner, sondern hielt die USA aus dieser Region heraus und ließ schließlich die chinesischen Kommunisten in das Gebiet einsickern.
Auch den Norden Koreas wollte er kontrollieren.
Am Ende waren nur noch die Städte unter der Kontrolle der Guomindang, bis dann auch diese aufgeben mussten.
So konnte Mao mit Hilfe seines Heerführers Lin Biao und natürlich Stalins das Blatt wenden. Fast sofort nach Ende des Zweiten Krieges 1945 brach der Chinesische Bürgerkrieg wieder aus.


Nach dem Zweiten Weltkrieg: Wiederaufflammen des Bürgerkriegs zwischen GMD und KP

Die Guomindang war zwar zunächst zahlenmäßig überlegen und verfügte über massive US-Militärhilfe, aber sie war durch den Krieg ausgelaugt, galt als korrupt und hatte die armen Volksmassen nicht so hinter sich wie Mao. Überhaupt galt in diesem Punkt Tschiang als nicht so charismatisch.
Es muss aber festgehalten werden, dass Mao seinen Sieg nur durch äußerste Skrupellosigkeit erringen konnte: Maos Rote Armee nahm viele Überläufer der GMD auf, sowie Kollaborateure mit Japan und Kriminelle und sie setzte gegen die belagerten Städte (die eher auf GMD-Seite waren als das Land) eine brutale Hungerpolitik ein, in der unfassbar viele Menschen starben - auch viele Arbeiter und Bauern, in deren Namen man zu kämpfen vorgab.

Wie dem auch sei: Die GMD verlor Gebiet um Gebiet einschließlich Penkings, vor der Einnahme Schanghais erschoss sie noch einige Kommunisten und nahm dann den Goldschatz mit (Schanghai galt schon damals als Wirtschaftsstadt), dann verteidigte man vergeblich die südliche Hauptstadt Nanking, versuchte sich noch in letzten Festungen zu verschanzen und floh dann, als dies nicht mehr gelang, entweder auf die Insel Taiwan oder nach Südostasien, von wo aus man den Kampf fortsetzen wollte.

Letzten Endes wurde die "Republic of China" (ROC) in Taiwan 1949 neu konstituiert. Die nationalistischen Widerstandskämpfer, die sich in Südostasien u. a. mit Drogenschmuggel am Leben hielten, sahen die Aussichtslosigkeit ihres Kampfes ein und wurden in vielen Fällen in Taiwan repatriiert.
Am Anfang regierte Tschiang Kai-shek mit Hilfe des Kriegsrechts. Linke Gruppen, Liberale und einheimische Minderheiten wurden brutal verfolgt.
Nach anfänglicher Armut konnte man mit strammer Führung und mit US-Wirtschaftshilfe eine starke Wirtschaftsmacht aufbauen.


DIE GRÜNDUNG DER VR CHINA

Die Kommunistische Partei Chinas hatte 1949 - wenn auch mit "dirty tricks" - den Bürgerkrieg gegen die Guomindang bis auf die Insel Taiwan klar gewonnen:
1949 rief Mao die Volksrepublik China aus. 1954 verkündete er die erste Verfassung und wurde ihr erster Staatspräsident.


Außenpolitik und Massenkampagnen im Inneren

Am Anfang des beginnenden Kalten Krieges stand Mao noch klar auf der Seite Stalins und der Sowjetunion. Schließlich hatte Stalin den Sieg der KPCh ermöglicht. Bei einem Besuch in Moskau machte aber Stalin deutlich klar, wer aus seiner Sicht der Herr war und ließ ihn wochenlang warten.
Auch im Koreakrieg stand er auf der Seite Stalins und des nordkoreanischen Führers Kim Il-sung.
Stalin hielt sich jedoch mit eigenen Truppen auffällig zurück. Er musste vorsichtig Probleme an der sowjetischen Westgrenze in Europa und an der Ostgrenze austarieren.
Die Front des Koreakrieges verschob sich mehrfach in beide Richtungen und am Ende waren große Teile des Landes zerstört und keine Seite hatte wirklich Gebiete gewonnen.
In Indochina half "Rotchina" den Truppen Ho Tschi-Minhs gegen die französische Kolonialmacht. Es ging dabei jedoch nicht nur um "Antikolonialismus" und "Antiimperialismus", sondern auch um eine Widerherstellung eines Einflusses in Südostasien, dass China zur Kaiserzeit schon gehabt hat.
Auch im späteren Vietnamkrieg gegen die USA unterstützte China die Kommunisten, sein Interesse nahm aber ab, als es immer mehr zu einem Zerwürfnis mit der Sowjetunion kam und die vietnamesischen Kommunisten streng auf Moskau-Linie blieben.
Die gute Beziehung zu Stalin verdunkelte sich nämlich nach dessen Tod 1953 unter Chruschtschow. Mao machte für die Aufstände in Osteuropa gegen die kommunistische Herrschaft nämlich Chruschtschows Reformpolitik verantwortlich. Außerdem wollte er von Chruschtschow das "Rezept" der Atombombe und sagte ihm ganz offen, dass er dann Taiwan angreifen würde, egal wie viele Menschen dabei sterben würden. Chruschtschow hielt Mao für verrückt.


Mao Tse-tung nahm sich im Inneren Stalin zum Vorbild und inszenierte um sich einen Personenkult.
Im Inneren wurde aber am Anfang auch von linksbürgerlichen Kräften bejubelt, was sich aber bald änderte.
Mao startete mit Beginn der 1950er-Jahre mehrere berüchtigte Massenkampagnen.
Er führte eine Landreform durch, die "Kampagne zur Unterdrückung von Konterrevolutionären" die "Drei-Anti-und-Fünf-Anti-Bewegung", die "Sufan-Bewegung" und die "Anti-Rechts-Bewegung".
Diese Kampagnen führten zum Tod von Millionen Menschen, festigten aber die Einparteienherrschaft sowie die Herrschaft Maos. Viele, die andere im Namen einer höheren Moral denunzierten, folterten oder töteten waren oft selber Opportunisten, Kriminelle oder Kollaborateure aus der Kriegszeit.
Weil Mao den Bogen oft überspannte, musste er auch eine Kampagne der "Milde", die "Hundert-Blumen-Kampagne" starten. Die Kritik an der Parteiführung, die plötzlich offen geäußert werden durfte, war aber so stark, dass Mao die Kampagne abbrach. Immerhin wusste er jetzt, wo seine Gegner waren.
1958 startete Mao die Kampagne "Großer Sprung nach vorn". Das Ziel war eigentlich, die Industrialisierung Chinas voranzutreiben, aber die Kampagne hatte so dilettantische und z. T. auch wahnhafte Züge, dass Maos Autorität selbst in der Partei deutlich sank. So wollte man z. B. überall Metalle einschmelzen und daraus in lokalen Öfen hochwertige Metallerzeugnisse fertigen oder man wollte durch Massenlärm Spatzen töten, damit sie keine Körner mehr fraßen, sah aber nicht, dass sich dann massiv die Insekten vermehren würden. Menschen aßen Baumrinde, Gras, Haustiere oder sogar ihre Genossen.
Man geht von 20 - 50 Mio. Toten allein durch diesen "Großen Sprung" aus.
Mao musste Anfang der 1960er das Machtzentrum teilweise räumen.
1963 griff er aber wieder an und startete die "Sozialistische Erziehungskampagne".


Die Große Proletarische Kulturrevolution

Noch viel stärker waren die Nachwirkungen der "Großen Proletarischen Kulturrevolution", die offiziell von 1966 bis 1976 stattfand, aber schon vorher "heruntergedrosselt" wurde.
Mao wollte - ähnlich andere Anhänger einer permanenten Revolution wie Leo Trotzki oder Che Guevara - dass jede neue Generation auch in den "Genuss" des Revolution-Machens kommt.
So forderte er mit Hilfe des Armeeführers Lin Biao die Schüler und Studenten auf, Rote Garden zu bilden und reaktionäre Elemente auf dem Land zu verjagen.
Zum Teil gab es anfangs für diese Überlegungen noch Verständnis:
  • In kommunistischen Einpaarteienherrschaften drohte schon bald nach der Revolution die Gefahr einer bürokratischen Erstarrung. Man sah das an der Sowjetunion.
  • Die damaligen Herrschaftsansprüche des Lehrpersonals wirkten aus der Zeit gefallen.
    Außerdem hatten viele Lehrer erst mit dem einen, dann mit dem anderen System kollaboriert.
  • Mao hatte selber schlechte Erfahrungen in der Schule gemacht.
Die Maßnahmen und Aktionen der Kulturrevolution uferten jedoch bald so aus, dass sie das ganze Land ins Chaos zu stürzen drohten. Außerdem fragten sich viele, ob die KR nicht ein  erneuter Vorwand Maos war, mit Gegnern innerhalb der Partei abzurechnen.

Die Kulturrevolution führte zu derartigen Exzessen, dass Schüler ihre eigenen Lehrer bloßstellten, verprügelten oder ihren eigenen Urin trinken ließen. Es entstand eine "Mob mentality".
Aufgebrachte Arbeiter, deren Betriebe angegriffen worden waren, rächten sich ihrerseits an Roten Garden, in sie diese folterten oder töteten. In Küstenregionen kam es vor, dass Kulturrevolutionäre auf glühende Metallstäbe gespießt wurden. Einige von diesen "Fleischspießen" wurden ins Meer geworfen und trieben dann vor verwunderten Bürgern an der Küste von Hong Kong an.

Unliebsame Parteikader wurden ebenso gesäubert. Einige wurden zur Umerziehung aufs Land geschickt, andere verprügelt (z. B. bis zur Querschnittslähmung) oder getötet.
Es zeigte sich aber auch hier das Beharrungsvermögen der Bürokratie: Viele Bürokraten, die unter Mao gesäubert wurden, aber überlebt haben, kamen später wieder auf ihre Posten zurück.

Die Kulturrevolution uferte so aus, dass viele Kulturschätze zerstört wurden, weil sie als "reaktionär" gelaten. Pianisten brach man z. B. ihre "bourgeoisen" Finger. Singvögel in Käfigen galten als "dekadent", so dass ihnen der Hals umgedreht wurde.
Besonders brutal traf die Kulturrevolution die ethnischen Minderheiten Chinas. Sie hatte also auch nationalistische Züge.

Es ist am Ende unklar, wie viele Menschen starben. Man geht von 40 - 80 Mio. Toten aus.
In dieser Zeit versuchte Zhou Enlai mehrmals, eine Mittlerposition einzunehmen, wollte oder konnte sich aber nicht von Mao lösen.

Das Charisma Maos wirkte trotzdem über China hinaus. In vielen Industrieländern gingen die 1968er bzw. Babyboomer (eigentlich nur ein Teil dieser Generation) unter seinem Porträt wie unter dem Che Guevaras oder Ho Tschi-Minhs auf die Straße.
Übrigens waren nicht nur Nordamerika und Europa damals sehr aktiv, sondern auch Japan.
Der Maoismus galt als Ideologie der rebellischen Jugend und - noch stärker als der Marxismus-Leninismus - als Ideologie der Dritten Welt. Entkolonialisierng war neben dem Kampf gegen Autoritäten im eigenen Land das große Thema.
Aus dem Frust über die nicht eintretende Revolution entwickelte sich zu Beginn der 1970er-Jahre dann der moderne Linksterrorismus.

Nach vielen Millionen Toten regte sich zunehmend die Gegenwehr gegen die Kulturrevolution.
Auch Mao erkannte, dass er zu weit gegangen war. So wie er eben noch die Jugend zur Revolution aufgefordert hatte, so schickte er sie jetzt zur Zwangsarbeit auf das Land.


Kampf gegen Lin Biao, Zerwürfnis mit der Sowjetunion und Annäherung an die USA

Der alternde Vorsitzende Mao führte in seinen letzten Jahren aber noch andere Aktionen durch.

So vereitelte er einen angeblichen Staatsstreich Lin Biaos und seines Sohns Lin Liguo, der Luftwaffenoffizier war. Lin Biao hatte Mao bei der Kulturrevolution noch geholfen, wurde aber zu eigenmächtig und forderte die Revitalisierung des Amtes des Staatspräsidenten - wobei er an sich dachte. Dieses Zerwürfnis wurde bei einer öffentlichen Parade sichtbar.
Offiziell starb Lin Biao auf der Flucht in einem Flugzeug in die Sowjetunion, das angeblich in der Eile nicht voll betankt werden konnte. Aber es bleiben Fragen offen:

  • War die Sowjetunion an der Planung eines Umsturzes beteiligt?
  • War Lin Biao wirklich an Bord des Flugzeugs oder nur sein Sohn und dessen Getreue?
    Es gibt die These, dass Lin Biao schon vorher in einen Hinterhalt gelogt und sein Konvoi mit Raketenwerfern vernichtwt wurde.
  • Wie starben die Insassen des Flugzeugs?
    Durch einen Absturz aufgrund Treibstoffmangels oder durch eine Schießerei?
  • Was wollte Lin Biao genau? Wollte er sich z. B. der Guomindang annähern?
Diese schweren innenpolitischen Auseinandersetzung stehen im außenpolitischen Zusammenhang des schweren Zerwürfnisses mit der Sowjetunion, das sogar 1969/70 in Grenzkonflikten am Ussuri gipfelte und leicht zu einem Atomschlag der SU gegen die "Hörner Chinas um die Mongolei" (NW- und NO-China) hätte führen können.

Gleichzeitig hatten die USA wegen des sich hinziehenden Vietnamkrieges unter Richard Nixon und Henry Kissinger das Interesse, China von der Sowjetunion und von der Unterstützung dieses Krieges abzubringen.

So kam es am Anfang der 1970er-Jahre zum Besuch der ehemaligen Feinde in Peking (die USA hatten im Bürgerkrieg die Guomindang unterstützt) und zu einer vorsichtigen Annäherungsdiplomatie.
China wollte sich auch wirtschaftlich öffnen, was aber erst unter den Nachfolgern Maos deutlicher vorangetrieben wurde.

Zur Anerkennung der VR China durch die USA kam es aber wegen diplomatischer Querelen erst Ende der 1970er-Jahre. Damit war umgekehrt Taiwan bzw. die ROC brüskiert.


Tod Mao Tse-tungs

Mao starb 1976 nach mehreren vorangegangenen Herinfarkten. Er konnte immerhin noch seinen alten Rivalen Tschiang überleben.
Maos Privatleben war nicht immer gesundheitsförderlich. Er schlief unregelmäßig, nahm Tabletten, aß viel und hatte viel Sex (wenn man seinem Leibarzt Li glauben darf). Seine Nerven waren auch deshalb beeinträchtigt, weil er ständig Angst vor Anschlägen auf seine Person haben musste.
In China selbst war der Personenkult so stark, dass einige Menschen es nicht für möglich hielten, dass Mao sterblich sei.

Trotz der Brutalität seiner Herrschaft war die Massentrauer ähnlich wie beim Tode Josef Stalins 1953 sehr groß und hielt lange an.

Nach seinem Tod versuchte seine radikale Witwe noch einmal mit Verbündeten, die Macht an sich zu reißen und gewisse Prozesse der Kulturrevolution fortzuführen. Aber sie wurde gestoppt:
Nach Tschiang Chings Entmachtung wurde Hua Guofeng Vorsitzender des ZKs der KP. 
Er galt als "halbmaoistisch" und "linkszentralistisch" und wollte außenpolitiscch sich weder an die Sowjetunion noch an die USA binden.
Bis 1978 konnte jedoch der als Reformer geltenden Deng Xiaoping die Macht an sich reißen.
Deng wollte zwar Reformen, aber nur wirtschaftliche. Er setzte sich zwar 1978 von Mao ab, hatte am im Bürgerkrieg auf dessen Seite gekämpft. Er war nur gegen Maos "wahnsinnigen" Wirtschaftskurs.
Deng stärkte Reformer wie Hu Yaobang und Zhao Ziyang, entmachtete sie aber später.
Deng förderte während seiner Zeit an der Regierung die Proliferation von Waffen - auch von atomaren - und schlug 1989 die Proteste am Platz des Himmlischen Friedens blutig nieder, wenn auch aufgehetzt von Li Peng.











 

Samstag, 22. Juli 2023

DUBCEK, ALEXANDER - LEBEN UND UNFALLTOD

Alexander Dubcek

 
* 1921, in Uhrovec (Westslowakei)
+ 1992, in Bratislawa (nach einem Unfall bei Humpolec bei Prag)

Alexander Dubcek war ein tschechoslowakischer Politiker. Zunächst galt er als gestrenger und loyaler Apparatschik, aber dann setzte er sich als Generalsekretär der kommunistischen Partei der CSSR (KPC) für Reformen ein und sprach von einem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz".
Er wurde 1968 zur Symbolfigur des "Prager Frühlings", der dann aber im August von Panzern des Warschauer Paktes niedergeschlagen wurde. Dubcek musste nachgeben, bekam weniger bedeutende Posten und wurde dann für rund zwei Jahrzehnte politisch kaltgestellt.
Erst Ende der 1980er-Jahre betrat er wieder die politische Bühne und wurde zu einer der Hauptfiguren der "Samtenen Revolution". 1989 wurde Dubcek zum Vorsitzenden des föderalen tschechoslowakischen Parlamentes (1989 - 1991) gewählt.
Umso seltsamer ist, dass er bereits 1992 durch einen ungeklärten Unfalltod starb.


JUGENDJAHRE, BERUFLICHE UND POLITISCHE ANFÄNGE

Dubcek wurde am 27.11.1921 in Uhrovec in der Westslowakei geboren. Die Donaumonarchie Österreich-Ungarn war gerade erst im Ersten Weltkrieg untergegangen.
Sein Vater war Tischler und aktiver Kommunist.
1925 siedelte die Familie Dubcek nach Moskau über. Der Vater beteiligte sich im Zusammenhang mit der "Internationalen Arbeiterhilfe" am Aufbau der noch jungen Sowjetunion. Gegen 1938 kehrte Dubcek wieder in die Tschechoslowakei zurück. Inzwischen lief die Aufrüstungspolitik im nahen Deutschen Reich auf vollen Touren und bedrohte die Nachbarn. Dubcek arbeitete als Maschinenschlosser in Trencin.1939 schloss er sich der illegalen Kommunistischen Partei der Slowakei (KSS) an und nahm am Untergrundkampf gegen das rechte Regime des Priesters Jozef Tiso (1887 - 1947) teil. Ab 1941 arbeitete er als Facharbeiter in den Skoda-Werken in Dubnica nad Váhom. 1944 beteiligte sich Dubcek zusammen mit der Partisaneneinheit "Jan Ziska" am slowakischen Nationalaufstand. Bei diesen Kämpfen kam sein Bruder ums Leben.


NACHKRIEGSZEIT

1945 arbeite Dubcek als Schlosser in einer Hefefabrik in Trencin. Dort heiratete er seine Jugendliebe Anna. Aus dieser Ehe gehen drei Söhne hervor. Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt Dubceks ziviler Aufstieg innerhalb der kommunistischen Parteistruktur. 1949 wird er zum Ersten Sekretär des Bezirksparteikommittees von Trencin ernannt. 1951 wird Dubcek Mitglied des Zentralkommittees (ZK) der Kommunistischen Partei der Slowakei (KSS) und für drei Jahre Abgeordneter der Nationalversammlung in Prag.
1952 wird Dubcek Erster Sekretär der Nationalen Front (kommunist. Zusammenschluss). Innerhalb dieses Zusammenschlusses wird die Tschechoslowakische Kommunistische Partei (KSC) immer stärker und richtet die politische Linie an Moskau aus. 1953 wird Dubcek Leiter des Parteidistriktes von Banská Bystrica. 1955 geht Dubcek dann bis 1958 für ein Studium an die Parteihochschule des ZK der KPdSU nach Moskau. 1958 wird Dubcek nach der Rückkehr ZK-Mitglied der slowakischen KP und kurz darauf Kandidat des Politbüros der Partei, Parteichef von Bratislava und ZK-Mitglied der KSC in Prag.


60er-JAHRE UND PRAGER FRÜHLING

1960 wurde Dubcek einer der drei ZK-Sekretäre der KSC und Abgeordneter der Nationalversammlung, sowie Parteichef der Westslowakei. 1963 wurde er Erster Sekretär des ZK der slowakischen KP und Politbüro-Mitglied des ZK der KSC in Prag. 1964 wurde Dubcek Abgeordneter im Slowakischen Nationalrat.
Der lange als stromlinienförmiger Bürokrat bekannte Dubcek eckte am 31.10.1967 stark an: Er fordert auf einer ZK-Tagung der KSC den Rücktritt des autoritären und zunehmend unbeliebteren Parteichefs Antonín Novotny.

Am 05.01.1968 wird Dubcek zum neuen ersten Sekretär des ZK der KSC gewählt. Im April kommt es zu einer neuen Regierung unter Oldrich Cernik (1921 - 1994), die Reformprozesse einleitet, die vom Partei organ "Rudé Pravo" mit den Worten "tschechoslowakischer Weg zum Sozialismus" zusammengefasst werden. Während man am Ideal des Sozialismus' festhält, soll die Gesellschaft liberaler werden und sich von sich aus für einen Sozialismus mit "menschlichem Antlitz" begeistern.
Die Zensur wird abgeschafft und Bürger erhalten Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit.
Dubcek wird im entstehenden Prager Frühling zur international bekannten Symbolfigur.
In der CSSR wird er mit dem Dimitroff-Preis (für den Frieden) ausgezeichnet.
Doch die Gegenkräfte sammeln sich auch: Im August versuchen die "sozialistischen Bruderländer" in Bratislawa (Slowakei) zum letzten Mal, die tschechoslowakischen Genossen zur Umkehr zu bewegen.
Dubcek und seine Mitarbeiter lehnen ab. Er gilt jetzt als Symbolfigur des Prager Frühlings und entwickelt weit über die die CSSR hinaus Strahlkraft.
In Moskau sieht man unter Breschnew die Reformen mit äußerster Sorge. Breschnew ist besonders deshalb wütend, weil er den anfangs stromlinienförmigen Parteikarrieristen selbst gefördert hat.


DER GEGENSCHLAG

Der Gegenschlag nach Vorwarnungen erfolgte am 20./21. August 1968:
In der Nacht besetzetn Warschauer-Pakt-Truppen die CSSR und beendeten den Prager frühling gewaltsam. Ursprünglich wollte auch die NVA der DDR mit einmarschieren. Dies wurde jedoch kurz vor dem Einmarsch gestoppt, wahrscheinlich, weil es zu sehr an den deutschen Einmarsch von 1938 (damals vor 30 Jahren) erinnert hätte.
Dubcek verharrte im ZK-Gebäude der KP in Prag und wurde schließlich verhafte und nach Moskau verschleppt.
Dort unterzeichnete er unter Druck das "Moskauer Protokoll", mit dem die Einführung politischer Verhältnisse nach sowjetischem (russischem?) Vorbild gut geheißen wurden. Für die Reformer war dies die Kapitulation. Dubcek konnte sich diesen Schritt später nicht verzeihen.
Zunächst hielt man an Dubcek als Führer in einer re-sowjetisierten CSSR fest.
Im November wird er zum Mitglied des Exekutivkomitees des ZK-Präsidiums der KSC ernannt.
Im Dezember wird ihm die Verantwortung für die Parteiorganisation in den Streitkräften übertragen.

Im Januar 1969 wird er ins Präsidium der Bundesversammlung und zum Vorsitzenden des Verteidigungsrates gewählt.
Im April 1969 beschließt man aber, dass die Zusammenarbeit mit Dubcek keinen Wert hat.
Dubcek wird sämtlicher Ämter enthoben und auf den "schwachen" Posten des Bundesparlamentspräsidenten abgeschoben. Der neue KP-Chef wird Gustáv Husák.
Im Oktober 1069 wird Dubcek zum Botschafter in der Türkei ernannt.

Im Januar 1970 wird Dubcek aus dem ZK der Partei geworfen, im April verliert er sein Mandat im Slowakischen Nationalrat und im Juni dazu noch seine Parteimitgliedschaft.
Stattdessen verschafft man ihm einen "Alibi-Job": Er arbeitet fortan bis zu seiner Pensionierung als Aufseher eines Fuhrparks der Waldarbeiter in einem Forstbetrieb in Bratislawa. Dabei wird er streng vom Sicherheitsdienst überwacht.

1974 beschwert sich Dubcek in einem Brief an Parteichef Husák über die Verweigerung der Promotionsfeier für seinen Sohn.Er übt gleichzeitig starke Kritik an der politischen Situation im Land.


DIE WENDEZEIT

1988 darf Dubcek nach starkem Druck durch die Kommunistische Partei Italiens (KPI) die Ehrendoktorwürde der Universität Bologna entgegennehmen. Bologna gilt als ein Zentrum des "Eurokommunismus". In der Universitätsstadt konnte sich lange eine demokratisch gewählte kommunistische Stadtregierung halten.

1989 zeichnet sich eine politische Wende immer deutlicher ab. Dubcek fordert im Juni in einem Offenen Brief an KP-Chef Husák diesen auf, sich von seiner politischen Haltung im August 1968 zu distanzieren.
Im Laufe des Jahres nehmen die Proteste der Bevölkerung immer mehr zu. Es kommt zu Schlägereien mit den Sicherheitskräften, man sieht symbolisch im Fernsehen, wie ein Demonstrant einen Polizisten durch einen Fußsteller "aussteigen" lässt und dieser stürzt.
Im November müssen die Machthaber wie in vielen Ostblockstaaten nachgeben. In der CSSR kommt es zur "sanften Revolution". Die alte Parteiführung tritt geschlossen zurück.
Dubcek erhält sein Comeback: Er wird Mitbegründer der Bewegung "Öffentlichkeit gegen Gewalt" (VPN).
Im Dezember wird er rehabilitiert und zum Präsidenten des Bundesparlamentes gewählt.
Im selben Monat erhält er den Sacharow-Menschenrechtspreis.

1990 reist Dubcek zum ersten Mal seit 1968 nach Moskau.
Gleichzeitig protestiert er als Ex-Kommunist aber auch gegen die "politische Hetzjagd" auf Mitglieder der Kommunistischen Partei.
Privat hat Dubcek den Tod seiner Frau Anna zu beklagen.

1990/91 bekommt Dubcek von mehreren internationalen Universitäten die Ehrendoktorwürde verliehen: Madrid (1990), Washington (1990), Bratislawa (1991), Brüssel (1991) und Dublin.

1991 tritt Dubcek wieder aus der VPN aus, weil ihm deren Bestrebungen zu nationalistisch sind.

1992 tritt er stattdessen im März der Sozialdemokratischen Partei der Slowakei (SDSS) bei, deren Vorsitz er im Juni 1992 übernimmt. An sich wäre damit sein politisches Comeback geglückt.
Doch es kam anders...


AUTOUNFALL UND TOD: WAR ES MORD?

Im September erledet Dubcek in der Nähe von Hupolec bei Prag einen schweren Unfall mit seinem Dienstwagen. Der Wagen kam bei hoher Geschwindigkeit von der nassen Fahrbahn ab.
Dubcek erlitt schwere Knochenbrüche und starb am 7. November in einem Krankenhaus in Bratislava.

Viele Anhänger Dubceks im In- und Ausland waren schockiert, dass der beliebte Politiker, der so viele Machtkämpfe hatte überstehen müssen, nun so kurz nach Erreichen seiner Rehabilitation sterben musste.

Doch stellt sich auch die Frage, ob hinter dem Unfalltod nicht etwas Sinistres stehen könnte!

Für Zweifel an der Unfallthese gibt es folgende Anlässe:
  • Dubcek sollte nach seinem wechselhaften Politikerleben in einer demokratischen Slowakei Verantwortung übernehmen.
  • Dubcek kannte viele Altkader der KP und deren Doppelspiel ebenso wie er viele Wendehälse im Geheimdienst StB kannte.
    Gerade im Sommer seines Todesjahres wurde darüber gesprochen.
  • Dubcek sollte im Herbst 1992 in Moskau in einem Prozess des Verfassungsgerichtes über alte Seilschaften aussagen. Es ging dabei auch um ein Verbot der KPdSU.
    Akten dazu waren in Dubceks Tasche.
    Jiri Valenta, der Leiter des Instituts für Internationale Beziehungen in Prag hatte Dubcek 2 Wochen vor dem Unfall Mitte August zur Aussage überredet.
  • In Polen wurden am Unfalltag Dubceks die Leichen von Piotr Jaroszewicz und seiner Frau in Anin bei Warschau entdeckt. Jaroszewicz war ein ehemaliger Ministerpräsident.
    Beide starben durch Kugeln. Es wurde auf Selbstmord entschieden.
    Auch Jaroszewicz sollte in Moskau aussagen und auch hier verschwanden Akten.
  • Der Fahrer Dubceks, Jan Reznik, fuhr verantwortungslos schnell, überlebte aber den Unfall.
    Er kam selber aus dem Geheimdienst und hatte Einweisungen, wie man Autounfälle bei hohen Geschwindigkeiten überlebt.
    Dubcek lag verletzt 16 m vom Auto entfernt, obwohl dessen Türen geschlossen und Fenster intakt waren.
  • Jan Reznik hatte auch Kontakte zu Vladimir Meciar. Er hatte für diesen mit einem Komplizen nach der Wende 18 Bände mit Geheimmaterial des StB aus dem Innenministerium der CSFR weggeschafft. Allerdings galt Meciar 1968 als Anhänger des Prager Frühlings.
    (Trotzdem kann eine solche Person sich mit dem Geheimdienst eingelassen haben.)
  • Aus Dubceks Aktentasche sind wichtige Unterlagen verschwunden.
  • Vittorio Caffeo, ein italienischer Geschäftsmann und Freund Dubceks aus eurokommunistischen Tagen wollte den Slowaken nach Rizzoli/Bologna verlegen lassen, wo man auf die Behandlung von Rückgratverletzungen spezialisiert war.
  • Es gab vor dem und im Prozess viele Schlampereien. Nicht einmal der Name des italienischen Erstzeugen war aufgenommen worden und konnte im Nachhinein auch nicht ausfindig gemacht werden.

QUELLEN:
Wiki
-
LEMO (Lebendiges Museum Online) auf hdg.de
Bartz, Dietmar: Wurde Dubcek ermordet?; taz, 07.09.1995


UWE BARSCHEL

Uwe Barschel

 

* 13.05.1944, in Glienicke/Nordbahn
+ 11.10.1987, in Genf (Schweiz)
[laut Grabstein 10.10.!]


JUGEND

Uwe Barschel stammt aus einfachen Verhältnissen.
Sein Vater starb im Zweiten Weltkrieg und seine Mutter musste ihre drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, fast alleine großziehen.

Die Familie lebte in einer Baracke, in der vorher Zwangsarbeiter gewohnt hatten.
Die Mutter war in Land- und Hauswirtschaft kundig und nähte für andere Familien.
Dadurch, dass sie sich nicht so um ihren Sohn kümmern konnte, hatten möglicherweise Uwe Barschels Großeltern einen überdurchschnittlichen Einfluss, der stark rechtsdrehend war.

Barschel wirkte als Kind unterkühlt und machte selten die Streiche, die ein Bruder Eike machte.
Er war lange Zeit auch sprachlich gehemmt, legte das jedoch durch schulpolitisches Engagement und die Teilnahme an Rhetorikkursen ab.
Die schulischen Leistungen von Uwe Barschel blieben zwar weiterhin mäßig, aber er verkaufte sich jetzt besser.

Barschel war zwar Opfer der sozialen Verhältnisse, nahm sich aber früh auch das Recht heraus, andere zu Opfern zu machen. Als er merkte, dass ein schulpolitischer Gegenspieler erfolgreicher war als er selbst, diffamierte er ihn als homosexuell.

Das politische Klima war damals in der Vor-68er-Zeit mindestens konservativ. Das bedeutet, dass die Meinung vieler Lehrer und auch Eltern nach rechts offen war.

1963 ludt Uwe Barschel am 30. Jahrestag von Hitlers Machtergreifung ausgerichnet Hitlers Großadmiral Dönitz zu einem Vortrag an seine Schule ein. Diese Einladung soll ihm vorher von seinem Geschichtslehrer empfohlen worden sein.
Dönitz stellte den Verlauf der Geschichte sehr aus seiner ungefilterten Sichtweise dar. Vor Ort störte das erstaunlich wenige - als aber nach einem Zeitungsartikel schrittweise auch die Weltpresse davon erfuhr, war der Skandal perfekt. Der Schulrektor stürzte sich in einem Gewässer in den Tod.

Barschels Geschichtslehrer, Dr. Kock, war Mitglied der CDU, verehrte aber auch die Wehrmacht und betrachtete die Offiziere um Stauffenberg (20. Juli) als Kriegsverbrecher. Kock wurde später CDU-Vorsitzender von Geesthacht. Er zeigte Barschel politische Tricks und war für ihn eine Vaterfigur.


POLITISCHE LAUFBAHN ALS ERWACHSENER

1964 schrieb sich Barschel an der Christian-Albrechts-Universität Kiel für Jura ein.
Er hat sich auch für Politikwissenschaft, Nationalökonomie/VWL und Pädagogik interessiert.
1968 absolvierte er das Erste Staatsexamen, 1971 das Zweite.
1969-70 war er Lehrbeauftragter an der Pädagogischen Hochschule Kiel.
Barschels gilt als sehr fleißig. Neben seinem Ersten Staatsexamen in Jura und seiner politischen Karriere macht er einen Doktor in Jura (1970) und einen in Politischer Wissenschaft als Dr. phil. bei Michael Freund und treibt sein Referendariat voran.
Promotion in Jura: Theoretische Möglichkeiten und Grenzen der Strafrechtspolitik einer politischen Partei.
Promotion in Politik: Die Stellung des Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein unter besonderer Berücksichtigung der Lehre von der Gewaltenteilung.
Aus heutiger Sicht werden hier aber einige Fragezeichen gesetzt: Man vermutet, dass Karrieristen, die von ihm in der CDU befördert worden waren, ihm bei den Doktorarbeiten halfen.
1971 wurde er als Rechtsanwalt zugelassen. Im selben Jahr wurde er Gerichtsassessor.
1976 trat er in die Kieler Sozietät von Hans-Michael Moll ein.

Auch die politische Karriere von Barschel ging voran: Mit 20 wurde er an der Universität Vorsitzender des RCDS. Bereits als Schüler hatte er sich ja in der Jungen Union engagiert.
Problematisch für ihn war, dass sich ab 1968 (oder bereits etwas davor) das politische Klima zu ändern begann - und zwar weit nach links! Das führte dazu, dass die AStAs der Universitäten immer stärker von Linken kontrolliert wurden.
Barschel blieb dagegen der "alten Ordnung" treu. Für ihn war er selber der lebende Beweis, dass man es beim Aufstieg nach oben auch als Mann von einfacher Herkunft zu etwas bringen konnte.
In Kiel griffen linke Studenten Uwe Barschel, der inzwischen AStA-Vorsitzender war, mit dem Slogan "Barschel - Arschel" an und warfen seinen Zettelkasten aus dem Fenster. Er hasste sie dafür.

Barschel wurde in Schleswig-Hostein von CDU-Chef Lembke gefördert und neben Kai-Uwe von Hassel und Gerhard Stoltenberg CDU-Vorsitzender in Schleswig-Holstein.
Als sich der Wind aber gegen Lembke drehte, fiel Barschel ihm in den Rücken!
Barschels neuer Ziehvater wurde jetzt Gerhard Stoltenberg. 1973 wird Barschel von Stoltemberg an die Spitze der Regierungsfraktion gehievt.

Barschel meinte zu seiner frühen Karriere 1973 in einem TV-Interview: "Zunächst: Für mein Alter kann ich nichts. Vielleicht werde ich einmal Präsident der Freien Bundesstaaten von Europa. An sich, finde ich, sollen sich andere Leute Gedanken darüber machen, wie das mal endet."
Wie wahr, möchte man sagen, wenn man an sein späteres Ende denkt!

Uwe Barschel zog es auch auf dem Heiratsmarkt nach oben: Er heiratete am 07.07.1973 Freya von Bismarck. Aus dieser Ehe sollten vier Kinder hervorgehen. Die Familie lebte in Mölln.
Freya Barschel glaubte nach dem Tod ihres Mannes von Anfang an nicht an die Selbstmord-These.

Barschel gönnte sich kurze familiäre Auszeiten, trieb aber seine politische Karriere weiter voran.
Er und Stoltenberg wollten den Radikalenerlass 1974 dazu ausnutzen, Posten im Öffentlichen Dienst mit CDU-Anhängern zu besetzen.
Des weiteren war Barschel in mehreren Stiftungen aktiv. Er war im Vorstand der CDU-nahen "Hermann Ehlers Stiftung" aktiv, gründete selber 1977 zusammen mit Ferdinand Fürst Bismarck eine Stiftung "Kreisherzogtum Lauenburg" und war Landesvorsitzender des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.
Das Anwesen (Herrenhaus Steinhorst), von dem aus die Stiftung geleitet wurde, gehörte der Firma Schwarzkopf.

Barschel veröffentlichte neben seiner politischen und anwaltlichen Tätigkeit Schriften zum Öffentlichen Recht und zur Politikwissenschaft, darunter "Kommentar zur Landessatzung für Schleswig-Holstein" (1976) und "Die Staatsqualität der deutschen Länder" (1981).

Uwe Barschel wurde in SH Finanzminister und Innenminister.

Doch ein solch steiler Aufstieg blieb nicht ohne Konsequenzen für die Gesundheit:
Barschel nahm zum Abbau psychischer Hemmnisse immer mehr Tavor, ein Beruhigungsmittel und Angstlöser aus der Benzogruppe.

Im Januar 1981 wurde der Hitler-Nachfolger Großadmiral Dönitz beigesetzt, den Barschel schon an seine Schule eingeladen hat. Barschel nahm an diesem Begräbnis teil, hielt sich aber absichtlich im Hintergrund.
Barschel soll auch im Dezember 1982 bei der Beerdigung des "NS-Fliegerasses" Hans-Ulrich Rudel anwesend gewesen sein, aber (schlecht) getarnt mit einem angeklebten Bart.

Im März 1981 ordnete Barschel als Innenminister in Brokdorf ein hartes Vorgehen gegen Kernkraftgegner an. Die Polizei verfügte über mehr als 10.000 Mann und setzte Reizgas und tieffliegende Hubschrauber ein.
Barschels Vorgehen wurde von der rechten Presse Westdeutschlands gelobt - insbesondere im entfernten Bayern (z. B. Bayernkurier).
Der übereifrige Barschel unterschätzte aber den starken Einfluss der sog. Neuen Sozialen Bewegungen auf Teile der Jugend.

Im Jahre 1982 wurde Barschel Nachfolger von Gerhard Stoltenberg im Amt des Ministerpräsidenten, als dieser nach Bonn ging. Man sagte auch Barschel selbst Bundesambitionen nach, doch galt damals in der Union weitgehend das Senioritätsprinzip.
Kurz vor seinem Tod soll er sogar selber einmal in das Büro von Helmut Kohl gegangen und ihm in etwa gesagt haben: "Ich gehe davon aus, dass bald ich auf diesem Stuhl (Kohls Chefsessel) sitzen werde!" Kohl deutete so etwas in einem Interview an.

Barschel wollte in den 80ern - auch beeinflusst durch Medienberater - stärker volksnah auftreten und zählt in Talkshows seine Hobbys auf: Bier (statt Wein), Schwimmen (nicht Lau-Baden; Anspielung an Wehners Aussage über Brandt, Schach, Garten, Lesen (Krimis).


ANZEICHEN "KRUMMER GESCHÄFTE"

Uwe Barschel soll während seiner Regierungszeit auch dubiose Geschäfte betrieben haben.

Die Regierung Barschel soll geheime U-Boot-Deals mit Südafrika eingefädelt haben, in dem noch das Apardheid-Regime herrschte.
Ziel dieser Maßnahmen auf deutscher Seite war es, den schwächelnden Werften in Schleswig-Holstein Aufträge zukommen zu lassen. Südafrika wollte sich dagegen gegen den immer höheren Sanktionsdruck gegen das Land wehren. Ob die U-Boote für konkrete Angriffsziele gedacht waren, z. B. gegen Namibia, wo man gegen marxistische Rebellen (aus Angola unterstützt) kämpfte, ist unklar.
Deutschland war bekannt als guter U-Boot-Bauer (aus den Weltkriegen) und Südafrika war an den entsprechenden Blaupausen interessiert.

In den 1980ern tobte am Golf der Iran-Irak-Krieg bzw. 1. Golfkrieg.
Dieser dauerte von 1981 - 1988 und kostete 100.000e Menschen das Leben.
Viele Länder belieferten eine der beiden Kriegsparteien und bezogen damit Stellung, einige belieferten sogar beide Seiten.
Israel hatte ein realpolitisches bzw. machtpolitisches Interesse, den Iran gegen den Irak mit Waffen zu beliefern, obwohl die Regierung des Iran Israel auslöschen wollte. Hintergrund ist die Vorstellung, dass der arabische Nationalismus (nationaler Sozialismus), für den auch der Irak stand, für Israel gefährlicher war als der Islamismus des Iran.
Man hielt sich also an die Gleichung: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.
Dänemark und Schleswig-Holstein waren in diesem Schachspiel so wichtig, weil sich hier Waffenlieferungen von Israel an den Iran abgespielt haben sollen. Barschel erfuhr wahrscheinlich davon. Ob er daran mitverdiente oder diese Lieferungen unterbinden wurde, ist unklar.
Es könnte u. a. um die Panzerabwehrraketen TOW gegangen sein.
Desweiteren sollten auf norddeutschen Flugplätzen iranische Piloten ausgebildet werden.
(Zum Vergleich: In Österreich entstand zu dieser Zeit die Noricum-Affäre, bei der bekannt wurde, dass die VOEST-Tochter Noricum (VOEST: ehem. Hermann-Göring-Werke) illegal Kanonen mit großer Reichweite (Haubitzen) in das Kriegsgebiet lieferte. Einige Modelle waren Erfinder des berühmten und später ermordeten kanadischen Kanonenbauers Gerals Bull.)

Die Regierung Barschel machte auch Geschäfte mit der DDR. Dies war aufgrund ihrer rechten Ausrichtung von außen betrachtet verwunderlich.
Andererseits hatte die DDR zunehmende ökonomische Schwierigkeiten, Gorbatschow hatte bereits mit Glanost und Perestroika eine Entspannungsphase eingeleitet und bei illegalen Geschäften ließ sich viel Geld machen. Hauptsächlich ging es wohl um den Waffenhandel.
Man weiß durch Aussagen von Barschels Fahrern, dass dieser recht häufig auch persönlich in der DDR war. Es ist nicht ganz klar, was die Reiseziele waren.
Indizien deuten aber auf das Hotel Neptun in Rostok hin und auf diverse militärische Einrichtungen.
Es gibt auch Indizien, dass sich Barschel dabei sexuellen Verlustigungen hingab, was gerade im Kalten Krieg äußerst problematisch war, weil es als Erpressungsmittel ("Kompromat") verwendet werden konnte.


DER LANDTAGSWAHLKAMPF 1987 IN SCHLESWIG-HOLSTEIN

Mitte der 80er-Jahre entstanden gedoch für Barschel politische Probleme.
Die CDU zeigte in Kommunalwahlen Schwächen und 1987 standen Landtagswahlen an.
Barschel fragte bei Peter Tamm vom konservativen Springer-Verlag um Rat. Dieser konsultierte Gerd Rattmann und dieser wiederum empfehl Reiner Pfeiffer. Pfeiffer war der Sohn eines Kommissars, durch und durch konservativ und medial mit allen Wassern gewaschen.
Der Springer-Verlag bezahlte sogar den Gehaltsverlust, den Pfeiffer durch seinen Jobwechsel erlitt.

Barschel und Pfeiffer wollten nun alle Register ziehen. Es ging darum, die stärker werdenden SPD mit ihrem beliebten Spitzenkandidaten Björn Engholm kaltzustellen. Dabei phantasierten sie sich geradezu in juvenile Spiel- und Machtphantasien hinein wie die Inszenierung eines Angriffes auf Barschel, der dann dem politischen Gegner in die Schule geschoben werden sollte.
Letztendlich kamen aber viele dieser "schmutzigen Tricks" heraus und sollten Uwe Barschel politisch das Genick brechen!
Jahre später sogar auch seinem Gegner Björn Engholm, weil sich herausstellte, dass die empört tuende SPD in Wirklichkeit schon einiges von den gegen sie geplanten Angriffen im Vorfeld gewusst hatte.

Die Angriffspläne gegen Björn Engholm sahen im Kern wie folgt aus:
  • Durch manipulierte Finanzakten sollten Engholm Steuerhinterziehungen vorgeworfen werden.
  • Engholms wankelmütiges Verhältnis zu seiner Kirche sollte offen ausgebreitet werden.
  • Engholm sollte eine HIV-/AIDS-Erkrankung untergeschoben werden.
    Dadurch sollte er auch in die Nähe von Homosexualität gerückt werden.
Am 31.05.1987, kurz vor Beginn des Wahlkampfes für die Landtagswahl 1987, stürzte ein Flugzeug mit Barschel und seinem Sicherheitsbeamten Bernd Hansen beim Landeanflug auf den Flughafen Lübeck-Blankensee in der Nähe der innerdeutschen Grenze ab. Flugzeugführer war Michael Heise, die Copilotin Elisabeth Friske, eine der ersten Pilotinnen von Passagierflugzeugen in Deutschland. Sie hatte bereits 1971 eine Notlandung auf einer Autobahn durchgeführt.
Die Piloten starben sofort, Barschels Sicherheitsbeamter einige Tage später im Krankenhaus.
Barschel lag schwer verletzt im Gras und wurde in ein Krankenhaus eingeliefert.
Barschel befand sich auf einem Rückflug aus Bonn, wo er mit Kanzler Kohl gesprochen hat.

Die Absturzursache ist bis heute ungeklärt. In Zusammenhang mit den späteren Ereignissen erscheint ein Anschlag als denkbar. Bei der Maschine handelte es sich um eine Cessna Citation 501 (Jetflugzeug) der Charterfirma "Travel Air".
Die Maschine meldete über Funk auf Englisch: "Flughafen in Sicht."
Aber sie flog zu tief, denn die Copilotin Friske funkte noch: "Dim the light!"
Die Absturzstelle war laut SPIEGEL (07.06.1987) ca. 150 m vor der Landebahn und leicht nach links versetzt in einem Kornfeld. Die Maschine explodierte und brannte aus. Anwohner, von denen die älteren damals noch den Zweiten Weltkrieg erlebt hatte, fühlten sich an Tieffliegerangriffe erinnert.
Die Untersuchungen ergaben, dass die Maschine bereits 690 m vor der Landebahn mit der linken Seite einen fast 16 m hohen Mast (ungerichtetes Funkfeuer) gestreift hat.
Angesichts dubioser Verwicklungen Uwe Barschels ist eine Manipulation hier denkbar. Es ist aber auch ein Unfall als Ursache möglich, weil der Flughafen selbst für damalige Verhältnisse relativ rustikal ausgestattet war.

Barschel stürzte sich nach der Rekonvaleszenz in den Wahlkampf.
Zwischen seinen hohen politischen Ambitionen und den Aussagen von Justus Franz besteht aber ein Widerspruch: Nach Franz wollte Barschel Mitte der 1987 beginnenden Legislaturperiode aus der Politik zurückziehen und in die Wissenschaft gehen. Seine Habilitationsschrift soll bereits fast fertig gewesen sein.


DIE "BARSCHEL-AFFÄRE"

Am Samstag dem 13.09.1987, also dem Samstag vor der Landtagswahl, wurde bekannt, dass DER SPIEGEL in seiner Montagsausgabe nach der Wahl über eine Verleumdungskampagne der Regierung Uwe Barschels gegen seinen Herausforderer Björn Engholm berichten würde.

Dies erweckte sofort die Neugier der medialen Öffentlichkeit, aber auch eine gewisse Skepsis, weil DER SPIEGEL als nicht gerade CDU-freundlich galt. Einige fragten sich, warum diese Erkenntnisse genau zu diesem Zeitpunkt lanciert werden sollten.

Der Spiegel stützte sich auf Informationen von Barschels Medienreferenten Reiner Pfeiffer, der Ende 1986 vom Springer-erlag an die Landesregierung vermittelt worden war.
Diese plötzliche Ankündigung stürzte die CDU am folgenden Wahlsonntag sofort in eine Krise.
Sie erreichter zwar noch 42,6 % (im Gegensatz zu den 49,0 % von 1983), aber sie fiel hinter die SPD, die 45,2 % erreichte.

Der sich entwickelnde Skandal wurde vom SPIEGEL "Waterkantgate" genannt, allgemein in den Medien aber "Barschel-Affäre" (oder "Barschel-Pfeiffer-Affäre").

Fünf Tage nach der Wahl erklärte Barschel auf einer Pressekonferenz (18.09.87):

"Über diese Ihnen gleich vorzulegenden eidesstattlichen Versicherungen hinaus gebe ich Ihnen, gebe ich den Bürgerinnen und Bürgern des Landes Schleswig-Holsteins und der gesamten deutschen Öffentlichkeit mein Ehrenwort - ich wiederhole: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort(!), dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind."

Aufgrund der unklaren Lage stufte die FDP die anstehenden Koalitionsverhandlungen mit der CDU zu Sondierungsgesprächen herab. Man wollte mit der CDU verhandeln, nicht mit Barschel.
Der Druck auf Barschel nahm auch in der eigenen Partei zu, so dass er am 02.10.87 als Ministerpräsident zurücktreten musste. Die Landesregierung wurde kommissarisch von Henning Schwarz geleitet.
Ein monatelang tagender Untersuchungsausschuss des Landtages konnte einige Vorgänge aufarbeiten, aber nicht alle.

Ein Barschel-Brief vom 03.10.87, der Ende April 1988 als Kopie den SPIEGEL erreichte und Stoltenberg der Mitwisserschaft bezichtigte, war möglicherweise eine Fälschung der Abteilung X der Auslandsspionage der DDR (Untersuchung 1991).

Die Barschel-Affäre hatte später auch negative Auswirkungen auf  die SPD und Björn Engholm. Die Presse sprach im Frühjahr 1993 von der "Schubladenaffäre".
Es stellte sich heraus, dass die SPD-Granden schon früher von den Machenschaften Reiner Pfeiffers wussten und ihre Riesenempörung über den Skandal z. T. gespielt hatten. Insbesondere ihr Pressesprecher Klaus Nilius war schon früh Mitwisser und wurde später Geldbote für die Partei, insbesondere deren Vorsitzenden Günther Jansen.
Dabei soll es "Agentenfilm-mäßig" sogar zu Geheimtreffen an Autobahnparkplätzen gekommen sein.
Für diese Schubladenaffäre gab es einen zweiten Untersuchungsausschuss, der dann einige Ergebnisse des ersten revidierte.
Die Glaubwürdigkeit von Reiner Pfeiffer wurde mehrmals in Zweifel gezogen. Insbesondere wurde die Mittäterschaft und Verstrickung Uew Barschels zunehmend in Zweifel gezogen.
Akzeptiert wurde aber die Darstellung, dass Uwe Barschel Mitarbeiter zu Falschaussagen (auch eidesstattlich!) gedrängt hat, was einen Straftatbestand tangiert.
Björn Engholms politische Karriere war damit beendet. In der SPD der 90er-Jahre entwickelte sich ein Machtkampf innerhalb der "Troika" Rudolf Schwarping, Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder, den schließlich Schröder gewann und 1998 Kanzler wurde.
Nilius wurde 1995 Pressesprecher der Fachhochschule Kiel. Er publizierte von Zeit zu Zeit auch in der linken Zeitschrift "Ossietzky".


TOD BARSCHELS UND MÖGLICHE URSACHEN

Für Uwe Barschel waren die ins Rollen gekommenen Ereignisse ein wirklicher Schock.
Er musste sich erholen, wollte aber auch nach Entlastungsmaterial suchen.

Das Ehepaar Barschel flog am 06.10.1987 nach Gran Canaria und wohnte in einer Ferienanlage in Bahía Feliz die Unterkunft des Immobilienunternehmers Rolf Lechner.
Am 08.10.87 wollte Barschel nach Zürich fliegen, um dort jemanden zu Treffen.
Weil dieser Flug angeblich ausgebucht war, verlangte er nach einem beliebigen anderen Zeil, zum Beispiel Madrid oder Genf. Es wurde ein Flug nach Genf gebucht (IB 554), wo er am 10.10.87 nachmittags eintraf, sowie die Weiterflüge Genf - Frankfurt (LH 1855) und Frankfurt - Hamburg (LH 026) für den 11.10.87.
Öffentliche und private Ermittler erörterten später, ob dieses Verhalten eher auf ein anstehendes Treffen mit Entlastungszeugen oder auf einen geplanten Selbstmord hindeutet.
Freya Barschel sagte im August 2007 Karsten Kammholz von der Welt, dass Uwe Barschel sich in Genf mit einem Informanten treffen wollte, um Entlastungsmaterial zu erhalten. Darunter sollten sich auch Fotos befunden haben. Der Informant gab seinen Namen als "Roloff" an und hatte schon vorher mehrfach Barschel angerufen. Er kannte offenbar mehrere von Barschels Rufnummern.



Uwe Barschel hat seine Frau noch aus Genf vom Hotel Beau Rivage aus angerufen. Er sagte, er habe sich mit Roloff bereits am Flughafen getroffen und sich für 20 Uhr noch einmal mit ihm verabredet.
Barschel war frohen Mutes, stand aber auch unter Zeitdruck, weil er am 11.10.87 vor dem Untersuchungsausschuss des Landtages von SH aussagen musste.

Am 11.10.87 betraten aber der Stern-Reporter Sebastian Knauer und der Photograph Hanns-Jörg Anders das Hotel Beau Rivage, um Barschel zu einem Interview zu überreden. Dabei gingen sie zum Zimmer 317 und fanden die Tür unverschlossen vor. Darauf entschlossen sie sich, das Zimmer zu betreten und fanden Gegenstände etwas planlos herumliegend vor: Einen Schuh, ein Buch (Jean-Paul Sartre), Mentos Drops usw.
Um 12:43 Uhr fanden sie Uwe Barschel tot und bekleidet in der Badewanne des Zimmers.
Spontan entschlossen sie sich, die Leiche zu fotographieren und wieder zu verschwinden.

Der Tod des Uwe Barschel - so kurz vor seiner Aussage im Untersuchungsausschuss - ging daraufhin wie eine Schockwelle durch die Medien. Man wollte jetzt noch mehr über seine dubiosen Verwicklungen wissen, aber natürlich auch über die Hintergründe seines Todes.

Es gab mehrere Erklärungsmöglichkeiten:
  • Selbstmord: Barschel stand extrem unter Druck und seine Karriere schien ruiniert zu sein.
  • Mord: "Krumme" Geschäftsleute und Politiker könnten ein Interesse gehabt haben, Barschel zum Schweigen zu bringen. Seine Auffindesituation und der Medikamentencocktail in seinem Körper muteten seltsam an.
    Andererseits wurde Barschels Familie vorgeworfen, die Realität nicht akzeptieren zu wollen oder auf die Auszahlung der Lebensversicherungssumme zu hoffen, die bei Selbstmord nicht zahlen würde.
  • Sterbehilfe: Diese These kam erst später auf und stützt sich auf die eingenommenen Medikamente und Ratschläge der "Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben".

Trotz dieser seltsamen Auffindesituation wurde der Vorgang später von den ihn untersuchenden Behörden als Selbstmord deklariert.
Es gab aber Zweifel, einmal aufgrund der seltsamen Geschäftsbeziehungen Barschels und dann aufgrund toxikologischer Gutachten, die einen Selbstmord sehr unwahrscheinlich aussehen lassen.
Insbesondere der von der Familie beauftragte pensionierte Schweizer Toxikologe Hans Brandenberger äußerte erhebliche Zweifel und legte die in verschiedenen Interviews dar (v. a. am 21.11.10 gegenüber der Welt am Sonntag).

Bei der Autopsie wurde festgestellt, dass Barschel seit 1980 immer höhere Dosen an Tavor eingenommen hatte. Am Ende waren es bis zu 10 mg/Tag!
Es wurden 8 Medikamente gefunden, u. a. folgende:
  • Cyclobarbital (Barbiturat)
  • Pyrithyldion (barbituratfreies Schlafmittel; Handelsname: Persedon)
  • Diphenhydramin (sedierendes Antihistaminikum)
  • Perazin (schlafinduzierendes Beruhigungsmittel)
  • Valium
In der Quintessenz sind das Sedativa (Beruhigungsmittel), ein Antiemetikum (Medikament gegen Übelkeit und Brechreiz) und ein Neuroleptikum (sedierende und antipsychotische Wirkung).

Nach Ansicht der Genfer Staatsanwaltschaft habe Barschel alle diese Mittel eingenommen, um dann bekleidet in der gefüllten Badewanne zu sterben. Auch ein Unfall wurde nicht ausgeschlossen.
Es wird auch darauf verwiesen, dass diese Suizidmethode einer Anleitung der "Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben".

Der Toxikologe Hans Brandenberger hingegen vertrat die Ansicht, dass die unterschiedlichen Konzentrationen der Substanzen in Magen, Blut und Urin ein klarer Hinweis auf Fremdeinwirkung darstellten.
Laut Brandenberger befand sich das Cyclobarbital noch in der Anflutungsphase, während die anderen Beruhigungsmittel bereits wirkten. Barschel sei daher nicht mehr in der Lage gewesen, nach den stark sedierenden Substanzen selbst noch das tödliche Cyclobarbital zu sich zu nehmen.
Die Präparate in Barschels Körper seien außerdem "synergistisch" gewesen (syn + ergon = συνεργία/Synergie/Zusammenarbeit), das heißt ihre Wirkungen müssten mindestens addiert werden.
Laut Brandenberger sei davon auszugehen, dass das tödliche Cyclobarbital Barschel im Zustand der Bewusstlosigkeit von einer anderen Person verabreicht wurde.
Alle anderen Gutachter behaupteten dagegen, dass die Reihenfolge der Einnahme nicht mehr exakt feststellbar sei und man selbst bei einer Letzteinnahme von Cyclobarbital nicht von einem Mord ausgehen könne.

Geheimakte Mossad

Die Aussagen von Hans Brandenberger, die auf seinem 1994 erstellten Gutachten basierten, erhielten aber noch durch die Aussagen eines anderen Mannes weiteren Sprengstoff:
Victor Ostrovsky, ein ehemaliger Mossad-Agent, behauptete in seinem Buch "Geheimakte Mossad", dass Uwe Barschel getötet worden sei.
Seine Darstellung der Medikamenten-Verabreichung passt genau zu den Untersuchungsergebnissen Brandenbergers.

Ostrovsky stellte die Tat wie folgt dar:

Barschel habe im Zimmer mit einer Gruppe von Agenten gesprochen und geriet in Streit.
Es ging nicht nur um den missglückten Wahlkampf in Schleswig-Holstein, sondern auch um Waffengeschäfte, die Israel über Dänemark und dann über SH mit dem Iran laufen ließ (OP Hannibal).
Wahrscheinlich sollten auch iranische Piloten in Norddeutschland ausgebildet werden.
Hintergrund war der Golfkrieg zwischen dem Iran und dem Irak in den 1980ern.
(Der Iran wurde zwar islamistisch regiert, war aber aus israelischer Sicht machtpolitisch ein starkes Gegengewicht gegen den arabisch-nationalistisch(-sozialistisch) regierten Irak.)
Barschel drohte damit, mit seinem pikanten Wissen an die Öffentlichkeit zu gehen.
Deshalb habe man ihn mit einer Flasche Wein oder Champagner gnädig stimmen wollen.
Barschel sei darauf eingegangen, aber in der Flasche seien Betäubungsmittel gewesen.
Dem bewusstlosen Barschel habe man dann rektal fiebersteigernde Medikamente gegeben und gleichzeitig Eiswasser in der Badewanne zubereitet.
Dann sei der überhitzte Körper Barschels in die eiskalte Badewanne gelegt worden, bis dieser gestorben sei.
In der Hektik habe man aber vergessen, Barschel vorher zu entkleiden. Außerdem seien die Medikamentenspuren falsch gelegt worden.
Ostrovsky beschreibt die Verabreichung der Medikamente genau. Seine Darstellung passt zu der Brandenbergers.

Kritiker zweifeln die Glaubwürdigkeit Ostrovskys an.
Er sei ein zwielichtiger Geheimagent. Außerdem wisse man nicht genau, ob Ostrovsky zuvor Zugang zu Brandenbergers Analysen von 1994 gehabt habe.
Ostrovsky ist der Sohn einer Israelin und eines jüdischen Kanadiers.
Er verbrachte seine Jugend in Israel und wurde schon mit 18 Offizier. Danach arbeitete er für den Marinegeheimdienst und dann für den Mossad.
Aufgrund einer missglückten Geheimdienstoperation wurde er entlassen und floh über Zwischenstationen nach Kanada. Hier publizierte er, besonders gerne über Geheimdienstaktionen.


Es kamen mit der Zeit weitere Meinungen und Erkenntnisse zum Fall Barschel auf:

  • Der Münchner Toxikologe Ludwig von Meyer fand bei einer Nachuntersuchung den Wirkstoff Methprylon, das ähnlich wie GHB in KO-Tropfen verwendet werden kann.
    Diese Erkenntnis könne grundsätzlich die Mordtheorie stützen.
  • Der ehealige Vorsitzende der Gesellschaft für Humanes Sterben hat darauf hingewiesen, dass Cyclobarbital als Mordwaffe ungeeignet sei.
    Außerdem hätte man als Mörder den Kopf des Wehrlosen wahrscheinlich unter Wasser gleiten lassen.
  • Das Schlafmittel Pyrithyldion ist seit 1983 nicht mehr in Westdeutschland zugelassen.
    Seit 1987 soll es in D, in der Schweiz und auf Gran Canaria nicht mehr erhältlich gewesen sein.
    In Dänemarkt und in der DDR war es zu der Zeit noch erhältlich.
  • Einige deutsche Juristen wollten im Fall Barschel weiterermitteln, wurden aber von ihren Vorgesetzten ausgebremst.
  • Helmut Kohl glaubt beim Fall Barschel an Mord.
  • Der Investigativjournalist Hans Leyendecker glaubt an Selbstmord.

Problematisch an diesem Fall sind auch unglaubliche Pannen der Schweizer Polizei.
Es wurden zwar Medikamentenverpackungen im Zimmer sichergestellt, diese passten aber nicht zu den in Barschels Körper gefundenen Medikamenten. Am Ende verschwanden diese Verpackungen.
Diverse Fotos vom Tatort und von der Leiche sind von äußerst schlechter Qualität, so dass Ermittler das stern-Foto heranziehen mussten.

Immer wieder Fragen warf auch die Beteiligung des deutschen Privatagenten Werner Mauss auf. Dieser hatte sich aus kleinen Verhältnissen vom Staubsaugervertreter zum reichen "Geschäftsmann" hochgearbeitet und durfte - salopp gesagt - lange Zeit in keinem westdeutschen Geheimdienstdeal fehlen.
Viele Beobachter vermuten ihn hinter der Figur "Roloff". Wahrscheinlich hatte Mauss auch in Genf zur damaligen Zeit viele Geheimdienstkontakte und ließ das Zimmer 317 verwanzen.


Auffällig ist auch, dass weitere Menschen, die in der Nähe des Falles operierten, frühzeitig starben.

Der Schweizer Privatdetektiv Jean-Jacques Griessen, der auch für Werner Mauss arbeitete, soll das Zimmer 317 des Beau Rivage verwanzt haben. Seinen eigenen Angaben zufolge war er nah an der Aufklärung des Falles und sollte vor Ermittlern des BKA und des Mossad aussagen, als er am 09.11.92 in Zürich in einem Bordell an einem Herzinfarkt verstorben ist.

Ein weiterer problematischer Todesfall ist der südafrikanische Waffenhändler Dirk Stoffberg. Stoffberg gab 1994 in einem Entwurf einer eidesstattlichen Versicherung an, Barschel sei vom späteren CIA-Direktor und späteren US-Verteidigungsminister Robert Gates nach Genf bestellt worden.
Zu Barschels Aufenthaltszeitpunkt in Genf sollen auch zwei Treffen von Waffenhändlern stattgefunden haben (v. a. im Hilton). Barschel war angeblich wütend und drohte mit Enthüllungen.
Stoffberg konnte aber seine eidesstattliche Erklärung nicht mehr abgeben, sondern starb kurz vorher im Juni 1994: Angeblich haben er und seine Freundin Selbstmord begangen.


QUELLEN:

Wiki
-
Spiegel/stern/FOCUS
Welt
DIE ZEIT
-
TV-Dokus
Bott, Gerhard: Aufstieg und Fall des Uwe Barschel; NDR 1988
Harrach, Gabor: Der Fall Barschel; RTL 1994
Baab, Patrik/Andreas Kirsch/Stephan Lamby: Der Tod des Uwe Barschel - die ganze Geschichte; NDR 2007
Weidenbach, Uli: Tod in Genf - Der Fall Barschel; ZDF history 2007
Mueller, Michael: Barschel - Der rätselhafte Tod eines Spitzenpolitikers; RTL 2023




Sonntag, 16. Juli 2023

KLAUS BARKOWSKY

Klaus Barkowsky
Klaus Barkowsky in typ. 80er-Montur,
er konnte aber auch im Anzug auftreten

 
* 04.10.1953, in Hamburg
+ 25.04.2023, in Hamburg

Klaus D. "Lamborghini-Klaus" Barkowsky war ein deutscher Zuhälter, Künstler und Selbstdarsteller.
Sein Hauptrevier war die Reeperbahn. Ein anderer Beiname war "schöner Klaus".

Anhang:
Crime-Pool
Die Banden auf St. Pauli


JUGEND UND BERUFSEINSTIEG

Klaus Barkowsky soll mit 15 Jahren das erste Mal auf der Reeperbahn gewesen sein. Nach eigenen Angaben war er ziemlich faul und von der bunten Welt beeindruckt.
Barkowsky versuchte es aber an der Seemannsschule in Hamburg-Finkenwerder auch mit einem bürgerlichen Job und fuhr nach eigenen Angaben zwei Jahre zur See.
In den 1970er-Jahren stieg er nach schwierigen Anfängen zur Kiezgröße auf. In dieser Zeit "griff man sich oft ins Zahnfleisch".
Klaus Barkowsky arbeitete mit 20 Jahren in einer Bar auf der Reeperbahn, die er bald übernehmen konnte. Jetzt konnte er weiter expandieren und mietete sich in Etablissements im Eros-Center ein.
Angeblich soll Barkowsky am Anfang der 70er-Jahre mit seiner Corvette von einem Porsche 911 überholt worden sein. Daraufhin soll er von "Auto Becker" ein unschlagbares Auto verlangt haben. Schließlich vermittelte ihm der Rennfahrer Hubert Hahne einen Lamborghini Miura SV.
Später in den 80ern fuhr er den für ihn typischen Lamborghini Countach (sprich: Lamborgini Kun[g]tatsch), von dem er zu besten Zeiten sogar zwei besessen haben soll. Einmal wurde sogar ein Autobahnabschnitt in Hamburg gesperrt, damit sich Sportwagenbesitzer (darunter viele Luden) dort austoben konnten. Heute wäre so etwas wahrscheinlich undenkbar.
Nicht umsonst wurden solche Sportwagen damals "Nuttenschleudern" genannt.


Lamborghini Countach
Ein (anderer) schwarzer Lamborghini Countach, damals als Nuttenschleuder bekannt.



BANDENSITUATION

Damals galt noch Wilfried Schulz als der Pate von St. Pauli. Dieser hatte gute Beziehungen zur deutschen und internationalen Unterwelt, einschließlich der italoamerikanischen Glücksspielmafia, die mit Einschüchterung und manipulierten Spielgeräten operierte.
In den 70ern zog sich Wilfried Schulz etwas aus dem Kiez zurück. In diese Lücke stießen jüngere Banden wie die GMBH (Bandenführer: Gerd - Mischa - Beatle - Harry) und die Nutella-Bande von Klaus Barkowsky. Zu dieser Bande gehörten viele "Jungluden", unter anderem Thomas "Karate-Tommy" Born. Später entstand noch die Chikago-Bande um das "Eincafé" Chikago auf dem Hans-Albers-Platz südlich der Reeperbahn um Ringo Klemm, Kalle Schwensen und andere. Bei dieser Gruppe streitet man sich aber, ob man sie konstant als Bande bezeichnen kann.
Daneben gab es noch Rockergruppen (Biker), kriminelle Jugendbanden und Einzelkämpfer, die sich situativ auch einer Gruppe anschließen konnten. Stefan Hentschel war z. B. weitgehend unabhängig mit seinem Salon Mademoiselle im Eros-Center, hatte aber über das Bel-Ami (auch im Eros-Center) eine Nähe zur GMBH.
Ein zeitweiser Einzelkämpfer war auch der "Wiener Peter", der aber auch eine Nähe zum Chikago hatte und mit dieser Gruppe später den Killer Werner "Mucki" Pinzner teilte.

Eine Hauptkonfliktlinie entstand zwischen der GMBH und der Nutella-Bande. Die GMBH galt als etabliert und konservativ und fuhr gerne bürgerliche Autos von Mercedes oder Porsche.
Die Nutella-Bande hatte dagegen ein Faible für amerikanische Sportwagen oder eben rassige Italiener.
Während die GMBH ihr Hauptquartier an der Silbersack-Straße hatte, waren die Jungs von der Nutella entlang der Herbertstraße und an der Reeperbahn aktiv.
Es gab Großdiskotheken, auf denen auch Frauen angeworben wurden, bei denen die GMBH ihren "Stammtisch" auf der einen Seite hatte und die Nutella auf der anderen.
Die Nutella hatte für die "Abteilung Stress" Thomas "Karate-Tommy" Born, der als Schüler Judo und Karate gelernt hat und später Kickboxen und der entgegen dem Willen seines strengen Vaters nicht Medizin studieren wollte, sondern ein Kampfsportstudio auf St. Pauli aufmachen wollte (vgl. Stefan Hentschels Boxstudio). So kam der Kiez zu ihm.
Bei den Fallschirmjägern der Bundeswehr hatte er sich am Anfang gut gemacht, dann aber einen schikanösen Vorgesetzten (im Offiziersrang) verprügelt.


DER KIEZKRIEG DER 80ER UND DIE AUFLÖSUNG VON GMBH, NUTELLA UND CHIKAGO

In den 1980ern deuteten sich auf dem Kiez Revierkämpfe an, zumal die Wirtschaftskrise und die AIDS-Angst am Anfang des Jahrzehnts die früher traumhaften "regulären Puffgewinne" schmälerten. Es entstanden Revierkämpfe entlang der Prostitution, aber auch entlang neuer Einnahmeoptionen wie dem Kokainhandel. Die Kokainwelle aus beiden Amerikas schwappte mit einer gewissen Verspätung nach Deutschland. Als Hauptversorger galt das Medellin-Kartell, hier vertreten durch Carlos Lehder, der selber einen deutschen Vater hatte und John Lennon und Adolf Hitler verehrte.
Vor der Kokainwelle hatte man auf St. Pauli noch mit synthetischen Drogen wie Pervitin und Captagon gehandelt.

Anfang der 80er-Jahre ereigneten sich auch einige ungeklärte Todesfälle von V-Männern der Polizei, mit denen die Nutella aber wahrscheinlich nichts zu tun hatte.
Man vermutet, dass ein umgedrehter Ermittler namens Zühlsdorf, der selber mit Sexvideos erpresst wurde, Dokumente mit handschriftlichen Vermerken an das Café Cherie des Wilfried Schulz geliefert hatte und dieser die Dokumente an das Milieu weiterverkauft hat. Auf jeden Fall waren danach mindestens vier Mann tot.

1982 kam es als ein Eskalationspunkt zu einer Schießerei im Eros Center. Der Hintergrund war, dass eine Prostituierte der GMBH und eine von Nutella aneinandergeraten waren und die Nutella - vertreten v. a. durch Thomas Born - Kompensation verlangte. Mit einem wuchtigen Auftreten stürmte Born zusammen mit Jürgen "Angie" Becker und Klaus "SS-Klaus" Breitenreicher in das Bel-Ami der GMBH. Doch die dortigen Zuhälter hatten durch die Bedrohung aufgerüstet und waren mit Pistolen bewaffnet. Aus dieser Konfrontation ging die GMBH als Sieger hervor. Borns Kollegen wurden beide erschossen und er selber konnte nur durch die geschlossene Tür fliehen (Buzzer, damit Freier nicht ohne zu zahlen gehen konnten), weil ein Schütze nachladen musste und sich ein neues Magazin zuwerfen ließ. Born floh mit Türsplittern im Gesicht und einem Körperschuss zum Krankenhaus.
Die Schützen flohen erst, stellten sich aber dann der Justiz und kamen durch gute anwaltliche Vertretung davon, weil das Gericht von "Putativnotwehr" (man glaubt, es handele sich um eine Notwehrsituation) ausging.
Kritiker sahen darin einen reinen juristischen Winkelzug und einen Freibrief für die weitere Gewalteskalation auf St. Pauli. Wahrscheinlich wahr auch Kokain im Spiel, das Euphorie, Aggressivität und Verfolgungswahn (Paranoia) pushen kann.
Die Schützen gerieten später in der Wendezeit mit Geschäftspartnern der Russenmafia in Konflikt und wurden auch erschossen.

Diese Schießerei geschah ungefähr zu der Zeit, als Michael "Schöner Mischa" Luchting, das "M" der GMBH bei einem Hamburger Hochsitz erhängt aufgefunden wurde. Hier wurde Foulplay vermutet, weil die GMBH ihn loswerden und durch Uwe Schwensen ersetzen wollte. Der Fall konnte nicht geklärt werden. Die Nutella war wohl unbeteiligt.
Luchting stammte aus einer gehobenen schwäbischen Künstlerfamilie, aber sein Vater starb früh. Sein Auftreten galt auf dem Kiez als zu parfümiert, andererseits konnte er so viele Frauen anwerben. In den Hochzeiten der GMBH fuhr er mit einem cremefarbenen Rolls-Royce über den Kiez, der dann später durch den Blumenschmuck auf seinem Grab nachempfunden wurde.
Einige sahen Michael Luchting nach missglückten Unternehmungen in Spanien und einem dortigen Gefängnisaufenthalt als psychisch geschwächt und selbstmordgefährdet an, andere meinten, er habe gerade zum Gegenschlag ausgeholt, um sich seine Puffanteile zurückzuholen und sei ermordet worden.
Auffällig ist, das im Vorfeld zwei seiner Helfer (Dieter Mohr, Dieter Förster) erschossen worden waren, einer davon (Dieter Mohr) durch verkleidete Killer in seinem Haus. Das deutet für einige Ermittler auf eine Täterschaft Werner Pinzners und seiner Helfer hin, die in anderen Fällen (z. B. bei Jehuda Arzi) ähnlich zuschlugen.
Viele glaubten jedenfalls nicht an einen Selbstmord des Schönen Mischa. Stefan Hentschel auffälligerweise schon, allerdings hatte er auch Beziehungen zur GMBH.

Der Nutella ihrerseits ging es bald nicht mehr so gut. Die anfangs lahm ermittelnde Polizei wusste zunehmend - auch durch US-Expertise - wie man spezielle und vom Alltagsbetrieb der Polizei isolierte Ermittlungsgruppen einrichtet, die gezielt gegen Organisierte Kriminalität vorgehen können. Auch die Justiz gewann an Spannkraft.
Dies führte zuerst zur Liquidation der GMBH, die allerdings ihren Zenit bereits überschritten hatte und einige ihrer Geschäftsanteile noch in "Sicherheit" bringen konnte und etwas später der Nutella.
Die Luden mussten sich neue Einnahmequellen suchen. Ihre Altersvorsorge war dahin.

Barkowsky kam selbst juristisch relativ gut aus diesen schwierigen Zeiten heraus. Erst 1989 erhielt er eine Haftstrafe, nachdem er in einem Bistro ein Messerwerfen veranstaltet hatte, bei dem ein Messer eine 21-Jährige rückwärtig traf.
Ein anderes Ereignis geschah in "Charlys Nightbar" am Hamburger Berg 29. Hier wurde Barkowsky von einem österreichischen Zuhälter des Falschspiels bezichtigt und angeschossen. Das Hamburger Abendblatt meldete im Januar 1986 sogar fälschlich seinen Tod ("Das Ende der Nutella-Bande") und musste eine Gegendarstellung drucken. Borns Komplizen sollen aus Rache den Angreifer später zusammengeschlagen haben.

Weitere Faktoren der 80er-Jahre sind die Pinzner-Morde, durch Werner "Mucki" Pinzner, der aber fast immer mit Komplizen zugeschlagen haben soll.
Hinter diesen Morden stand aber nicht die Nutella, sondern der "Wiener Peter" und das Chikago.
Unter den Toten waren Jehuda Arzi, Peter Pfeilmeier, Dietmar "Lackschuh" Traub, Waldemar "Neger-Waldi" Dammer und Ralf "Corvetten-Ralf" Kühne. Wahrscheinlich aber noch viel mehr.
Schließlich wurde Werner Pinzner gefasst, sagte schubweise aus, erhielt aber über seine Anwältin und seine Ehefrau Jutta einen Revolver und erschoss mitten im Hochsicherheitstrakt (!) den Staatsanwalt, seine Frau und sich selbst in einem "Exitus triumphalis". Eine Verwicklung des Chikago oder sogar südamerikanischer Kartelle wurden vermutet. Wahrscheinlich wollte man Pinzner zuerst von Rockern im Gefängnis töten lassen, hat dann aber, als diese kalte Füße bekamen, Pinzner über seine Tochter Birgit erpresst und zu einem Selbstmord (mit Mord am Staatsanwalt?) aufgefordert.

Die Ermittler hängten sich an den Fall dran und fanden bei Pinzners Anwältin Indizien für eine größere Verschwörung, es fehlten aber die letzten Beweise. Das Chikago wurde von Spezialeinheiten gestürmt, Ringo Klemm konnte aber entweder über das Dach fliehen oder sich über eine Spanische Tür im Haus verstecken und erst nach der Razzia fliehen (alternative Theorien). Auf jeden Fall ging er dann nach Mittelamerika (Costa Rica), wo die Chikago-Bande ein weiteres Puff-Netzwerk aufgebaut hatte.
Die Polizei entdeckte aber sein Photo von einem Aufenthalt in Mittelamerika in der Szenekneipe "Die Ritze". So konnte man Klemm dort aufspüren und nach langem Hin und Her ausliefern.

Das Chikago überlebte auch deshalb länger als die Nutella, weil wichtige Zeugen der Pinzner-Morde rechtzeitig beseitigt werden konnten.
Uwe Bolm, einstmals ein Leibwächter des Chikago, der dann aber zu singen begann, wurde an einen abgelegenen Ort gerufen, wo ihm der Kopf mit einer Flinte weggeschossen wurde (wahrscheinlich im Auftrag des Chikago, er hatte aber auch andere Feinde), Bernd "Campari-Bernd" Wünschs Leiche fand man hinter einem Komposthaufen. Die Haltung der Leiche deutete auf einen Transport im Auto hin und nicht auf Selbstmord.
Die Gefängnisstrafen für die Chikago-Anführer fielen im folgenden Prozess recht kurz aus, weil der Anklage die Zeugen fehlten. Trotzdem schlugen Versuche, das Chikago in den 1990ern als Chicago zu relaunchen, fehl. Man ludt zwar prominente Musiker und Künstler ein, hatte aber Probleme mit den immer höheren Mieten.
Erneute Versuche einiger Mitglieder, wieder ins Kokaingeschäft einzusteigen, wurden von der jetzt technisch und juristisch besser bewaffneten Polizei ebenfalls vereitelt.


EIN LEBEN ALS KÜNSTLER

Barkowsky stieg daraufhin aus dem Milieu aus und betätigte sich als Künstler.
(Zum Vergleich: Thomas Born trat als Schauspieler und Filmberater für Kiezfilme auf. Bei einem Auftritt in den USA soll ihm Madonna an die Brust gegriffen und "Big Muscles" gerufen haben, warauf Born sie auch anfasste und "Big Tits" sagte. So erzählte es Born selber.)
Barkowsky musste viele seiner Sportwagen verkaufen. Man traf ihn auch in der Hamburger Szenekneipe Elbschlosskeller.
Barkowsky sah sich als Autodidakt und arbeitete mit Pinseln, Schabern, Kämmen, Spachteln und den bloßen Händen. Oft wählte er als Materialien Acryl auf Leinwand. Einige seiner Werke (z. B. "Domenica im Himmel" und "Elektrischer Stuhl") erziehlten hohe Verkaufspreise.
2020 rief er die Künstlergruppe EWIG ins Leben, mit der er sogar im Hamburger Hansa-Theater ausstellen konnte.

Wie viele Kiezaussteiger hatte Barkowsky nun aber mit Bedeutungsverlust, Geldproblemen und dem Alkohol zu kämpfen. Er musste außerdem seine drei Kinder versorgen.

Während der Corona-Zeit kam der Aufmerksamkeitssucher noch einmal mit Widerstandshandlungen gegen Coronamaßnahmen und Hitlergruß in die Medien. Im Januar 2022 wurde gegen ihn deswegen ermittelt.

Im Februar 2023 lief die Serie "Luden" an, in denen Barkowsky von Aaron Hilmer gespielt wurde.
Angeblich fand er die Darstellung seiner Person und der damaligen Verhältnisse wirklichkeitsnah.

Dann wurde es aber still um ihn. 2023 starb Klaus Barkowsky, wahrscheinlich beging er Suizid.