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Donnerstag, 5. Juni 2025

PODCAST (MEINUNG/KOMMENTAR): DIE PROBLEME DER ARGUMENTATION MIT RATIONALITÄT UND WISSENSCHAFTLICHKEIT

05.06.2025 (ca.) - 07.12.2025

Scientia (pixabay.com) 


1. Einleitung: Das behauptete Ziel der Rationalität und Wissenschaftlichkeit

Wir erleben in der heutigen Zeit, dass im Meinungsstreit eine oder mehrere Seiten für sich in Anspruch nehmen, "rational" oder "wissenschaftlich" zu sein.

Das Ziel der "Rationalität" und "Wissenschaftlichkeit" ist an sich erstrebenswert, es hat aber in der Praxis die Wirkung, dass andere Meinungen als "unwissenschaftlich" dargestellt und damit ausgegrenzt werden.

Es geht daher um die Frage, ob "Rationalität" wirklich die Methodik und das Ziel beeinflussen, oder ob sie nur ein Kriterium sind, in einer Auseinandersetzung andere Positionen auszuknocken.
 
Denn das vorgebliche Ziel der "Wissenschaftlichkeit" impliziert zwar leicht Begriffe wie "Logik", "Strukturiertheit", "Objektivität", "Richtigkeit" etc.
In der Praxis ist die Wirkung aber oft, dass man seine eigene Position überhöht und die anderer unterbuttert.

Man sollte sich also zuerst fragen, ob Wissenschaftlichkeit wirklich etwas Objektives bzw. intersubjektiv Nachprüfbares ist und auf strengen Methoden aufbaut, oder ob dies nur behauptet wird.

Wir wollen jetzt nicht aus dem Stand heraus den kompletten Wissenschaftsbetrieb der Gegenwart und Vergangenheit als "konstruiert" oder "ausgedacht" hinstellen.
Das wäre vermessen.
 
Es gibt aber auch den (Gegen-)Standpunkt, dass zumindest Teile der angeblich wissenschaftlichen Erkenntnisse "relativ" sind, quasi etwas Subjektives und nicht Objektives.

Man könnte z. B. die Zwischenmeinung vertreten, dass in der Wissenschaft Objektivismen und Subjektivismen koexistieren.
Juristen sprechen da oft von einer vermittelnden Meinung, einige nennen sie polemisch auch "Warmduscherlösung".
 
Doch fangen wir einmal an mit den genaueren Ausführungen.

 
2. Die Einschränkung des Anspruchs auf Rationalität und Wissenschaftlichkeit durch das zugrundeliegende politische System 
 
Ein Beispiel: In Deutschland gab es im 20. Jhd. 5 verschiedene Systeme:
  • das Kaiserreich (II. Reich)
  • das "Weimarer Republik" genannte Deutsche Reich
  • das Nazireich (III. Reich)
  • die Bundesrepublik Deutschland
  • die DDR 
JEDES dieser Systeme hatten Wissenschaftler, die es unterstützten. Ebenso Politiker, Lehrer und Richter.
Sprich: Jedes dieser Systeme hatte RECHT!

Aber wie können z. B. das NS-System und das offiziell Antifaschistische System der DDR gleichermaßen Recht haben?
Sicher kann man einem anderen System vorwerfen, es sei "pseudowissenschaftlich". Aber das andere System mag das auch von unserem eigenen System denken.

Man sieht diese Widersprüche allerdings auch innerhalb eines Systems:
Wer schon einmal ein historisches oder politisches Seminar bei einem SPD-Prof und bei einem CDU-Prof besucht hat, weiß, dass das eigentlich zwei Arten von Geschichts- oder Politikbetrachtungen sind. Noch extremer wird es, wenn man zu einem marxistischen Prof geht.
 

3. weitere Einschränkungen des Anspruchs auf Rationalität und Wissenschaftlichkeit

Es geht hier nicht darum, das Ziel der Wissenschaftlichkeit als etwas Falsches darzustellen.
Man muss die Sache aber genauer betrachten und fragen:
"WAS ist (angeblich) wissenschaftlich?"

Denn häufig steht hinter der (Gesamt-)Rationalität nur eine Teil-Rationalität oder Zweck-Rationalität.

Es stellt sich also nicht nur die Frage, ob der Anspruch der Wissenschaftlichkeit berechtigt ist, sondern auch, auf welchen Bereich er sich erstreckt.

Wir haben also mehrere Arten der Rationalität:
  • eine Gesamt-Rationalität, die global ist, also alles umfasst und - wenn sie eine ethische Intention hat - allen Menschen helfen will
  • eine Teil-Rationalität, die nur aus einer bestimmten Perspektive heraus (räumlich, zeitlich, Interessengruppe) rational sind

Ein Beispiel:

Jemand kann sagen: "Rauchen gefährdet die Gesundheit des Menschen."

Diese Aussage ist zunächst wissenschaftlich korrekt, denn es gibt viele Studien über die vielfältigen Gefahren des Rauchens.

Man muss hier jedoch ein ABER setzen!

Wenn ein Mensch sagt, "Rauchen gefährdet die Gesundheit", dann bezieht sich das NUR auf eben diese Gesundheit.
Ob der Mensch selber (gesamt-)rational vorgeht, lässt sich damit noch nicht sagen.

Was will denn der Mensch mit dieser Aussage?

Es gibt mehrere Möglichkeiten:
  • er möchte Menschen helfen (positiv, rational)
  • er möchte unter dem Vorwand der Hilfe Menschen auf die Nerven gehen
  • er möchte seinen Alltagsfrust abreagieren
  • er möchte seine Engstirnigkeit ausleben
  • er möchte durch "Kreuzzüglertum" sein Ego pampern
  • er möchte mit Nichtraucherprogrammen Geld verdienen
Von diesen Faktoren können nicht alle Wissenschaftlichkeit (bzw. rationale Begründetheit) für sich beanspruchen. Eigentlich kann das nur der erste Punkt.

Eine ähnliche Einseitigkeit sieht man beim Kampf gegen Krankheiten, bei der Erziehung von Menschen (Kindern oder Erwachsenen), bei akademischer Tätigkeit oder bei Vorgängen in der Berufswelt.

Immer wieder kommt es vor, dass Wissenschaftlichkeit oder Rationalität mit Dingen vermischt werden, die eben nicht rational sind.

Weitere Beispiele:

Ein Erwachsener bringt einem Kind etwas bei:
  • er will dem Kind helfen
  • er will sich einem Gegenüber überlegen fühlen
  • er will seinen Sadismus ausleben und rationalisieren
  • er will Regeln um ihrer selbst wahrnehmen

Ein Firmenchef sagt, er müsse Mitarbeiter entlassen:

  • die Wirtschaftslage erfordert dies
  • er nutzt die Wirtschaftslage nur als Vorwand, um unliebsame Mitarbeiter zu feuern
  • er will seinen Sadismus oder Sozialdarwinismus ausleben
  • er ist Doppelmoralist und erhöht sein Vermögen (trotz der Wirtschaftslage), während er bei anderen kürzt 

Ein Richter spricht Recht und begründet dies juristisch:

  • weil er die Gerechtigkeit liebt
  • weil er gerne straft (ein Sadist ist) und nur einen Vorwand dafür sucht
  • trotz äußerlich-juristischer Begründung kann es sein, dass der Urteilsspruch beim Pinkeln ausgehandelt wurde (kam schon vor!)
  • trotz äußerlich-juristischer Sprache kann das Strafmaß von der Tagesform oder der Tagesbinnenform des Richters abhängen 

 

4. Der Wissenschaftsbetrieb selber

Der Wissenschaftsbetrieb, also die praktisch ausgeübte "Wissenschaft", beweist bereits, dass es mit der "Wissenschaftlichkeit" nicht so weit her ist.

Äußerlich behauptet man, streng methodisch vorzugehen. Man sollte auch nicht gänzlich sagen, dass so etwas überhaupt nicht möglich sei.
Zum Beispiel kennt die Numismatik (Münzkunde) gewisse Regeln, die relativ verlässlich sind.

Andererseits gibt es Subjektivismen:

  • will ein Professor in einem konservativen Bundesland seine Karriere voranbringen, dann mag er sich mit linken Ansichten schwertun; umgekehrt mag es mit einem konservativen Professor in einem linken Bundesland sein 
  • der Professor mag einer Lehramtsstudentin eine ungerechtfertigt gute Note geben, damit sie ihr Referendariat erhält, weil er mit ihr liiert ist (wir kennen solche Fälle)
    - und später soll sie als Lehrerin objektiv beurteilen?
  • ein Professor hat neben seiner Unitätigkeit noch Tätigkeiten für Firmen, die sein Erkenntnisinteresse beeinflussen ("erkenntnisleitende Interessen")
  • ein Professor merkt, dass ihm ein anderer einen Lehrstuhl wegschnappt:
    plötzlich bricht die Firniss der wissenschaftlich-sachlichen Sprache und er greift zu übelster Polemik, um seinen Konkurrenten zu diffamieren
  • ein Geschichtsprofessor, der die Bundeswehr mag, hat eine völlig andere Haltung zur Militärgeschichte als eine Professorin, die Radikalpazifistin ist
  • auch wenn Professoren sagen, dass man "vorurteilsfrei" und "wissenschaftlich" an Themen herangehen soll, so sind dennoch viele Mitglieder einer Religionsgemeischaft;
    sie haben dafür ein "Vorverständnis", quasi ein "Vortuning", das ihre Interessen leitet
  
Niklas Luhmann (Wikipedia)

5. Die vielen Gesichter der Autopoiesis

Wer sich mit Niklas Luhmanns Systemtheorie auseinandersetzt, der merkt schnell - schon beim Namen der Theorie - dass Luhmann in vielen Bereichen der Gesellschaft "Systeme" am Werk sieht.
Damit sind vereinfacht Regelkreise genannt.
Luhmann war Jurist und Soziologe und hat diese Theorie, beeinflusst auch durch einen Forschungsaufenthalt in den USA, von Talcott Parsons übernommen und modifiziert.
Parsons hatte lange überlegt, ob er Biologe oder Soziologe werden wollte, und war daher als Soziologe vom biologischen Denken beeinflusst.


Vereinfacht sagt die soziologische Systemtheorie also, dass die Gesellschaft ein großes System mit vielen Subsystemen ist.
Für uns wichtig ist aber der Begriff der Autopoiesis. Der fußt auf der Theorie, dass Systeme sich selbst erhalten (oder ausbauen) wollen, also autopoietisch seien.
Interessant ist das für unsere Erkenntnisfragen in sofern, als dass ein System nicht nur seinem "offiziellen Ziel" dient, sondern eben auch autopoietischen Nebenzielen, die seiner Selbsterhaltung dienen.

Beispiele können das gut erläutern:

Das System Schule:

  • offizielles Ziel: Bildung
  • aber es gibt auch viele weitere Ziele, die vielen Menschen gar nicht so klar sind
  • Lehrer wollen bezahlt werden
  • Verwaltungspersonal will bezahlt werden - an der Schule und in der Verwaltung außerhalb
  • Schulbuchverlage wollen abkassieren, sie geben z. B. Neuauflagen ihrer Lehrbücher heraus, die gar nicht wirklich besser sind, aber Druck auf die Schulen ausüben sollen, ihre alten Bücher gegen neue einzutauschen 

Das System Gesundheit:

  • offizielles Ziel: Erhaltung der Gesundheit der Individuen einer Gesellschaft oder sogar der Weltgesellschaft
  • natürlich gibt es hier auch viele Nebenziele
  • An sich ist es gut, Menschen zu erzählen, wie sie sich gesundheitskonform verhalten können. Andererseits kann man über diesen Vektor auch seinen Belehrungstrieb ausleben.
  • Kommerzielle Interessen: Diese liegen vor bei Ärzten, Pflegepersonal, Gesundheitsverwaltung, Medizinjournalisten, Apothekern und natürlich der Pharmaindustrie.
  • als Beispiel für Manipulation kann man anführen, dass aufgrund bestimmter Interessenlagen sogar Krankheiten erfunden werden! 

Das System Justiz:

  • offizielles Ziel: Gerechtigkeit
  • auch hier werden aber weitere Ziele verfolgt, die nichts mit Gerechtigkeit zu tun haben
  • Justizpersonal will Geld verdienen, nicht nur die Richter, sondern auch sonstiges Personal
  • Richter und Staatsanwälte wollen sich unter im Namen (Vorwand) der Moral über Menschen erheben (zumindest einige)
  • Fachverlage wollen teure Lehrbücher verkaufen
  • es ist auch auffällig, wie sehr sich die Strafmaße unterscheiden, und zwar:
    • je nach Land
    • je nach Region
    • je nach zeitlichen Moden
    • je nach Persönlichkeitsstruktur des Richters
    • je nach Tageszeit (in manchen "Tiefphasen" fallen Urteile für den Angeklagten härter aus) 

Das System äußere Sicherheit:

  • offizielles Ziel: Sicherheit nach außen, Verteidigungsfähigkeit
  • eine Armee will neben dem - begründeten - Verteidigungsaspekt natürlich sich selber nähren
  • sie gibt also einerseits vor, auf eine äußere Bedrohung zu reagieren, ist aber heimlich froh, wenn es solche Bedrohungen überhaupt gibt, damit sie ihre Planstellen rechtfertigen kann
  • die Motive von Armeeangehörigen sind nicht nur die Landesverteidigung, sondern auch Dominanz, Lust am Kriegsspiel und Lust an Technik
  • ein gutes Beispiel für die Doppelbödigkeit der Thematik ist der Kalte Krieg:
    • hier hat sich das westlich-liberale System als stärker erwiesen als das östlich-sozialistische System
    • teilweise ist das auch gut so, denn dem Kommunismus kann man viele Verbrechen nach weisen
    • allerdings ist die Lage nicht ganz so klar, wie sie manchen scheint...
    • der Westliche Block hat z. B. bei mehreren Gelegenheiten mit der Organisierten Kriminalität zusammengearbeitet, um Gegner zu bekämpfen - und die steht immerhin für Schwerstkriminalität mit der Bereitschaft zum Mord (!);
      die USA und Teile der NATO haben z. B. mit der italienischen Mafia zusammengearbeitet und den mittelamerikanischen Contras gestattet, einen florierenden Drogenhandel zu ihrer Finanzierung zu betreiben (sogar mit den USA als Absatzmarkt!)
    • außerdem hat der Westen Stay-Behind-Strukturen (in Italien: Gladio) aufgebaut, die sehr bald als Gladio nero (inoffizielle Bezeichnung) ihr kriminelles Eigenleben führten 
  •  es gilt frei nach Volker Pispers: Wenn du ein Feindbild hast, dann hat der Tach Struktur!


FAZIT:

Machen wir es kurz: Man sollte nicht den ganzen Wissenschaftsbetrieb "in die Tonne kloppen" oder in Selbstüberschätzung Koryphäen der Wissenschaft als Nullen bezeichnen.
Es ist aber auch schnell klar, dass in der WissenschaftsPRAXIS nicht nur die Rationalität regiert.




Sonntag, 5. Mai 2024

KEPOS (EPIKUREER, EPIKUREISMUS) - GRIECHISCHE PHILOSOPHENSCHULEN

Epikur

Unter der Epikureischen Schule versteht man die Schule und Lehre des griechischen Philosophen Epikurs. 
Da es aus der Antike keine prägnante ("knackige") Eigenbezeichnung gab, kann man auch von Epikureern, Epikureismus oder Kepos sprechen. Kepos (κῆπος) bedeutet Garten oder in diesem Fall philosophischer Garten. Epikur galt auch als Gartenphilosoph. 
Der Epikureismus galt als eine der vier grossen Philosophenschulen der Antike, obwohl es auch weitere bedeutende gab. Die vier Schulen wären: Akademie, Peripatos (Lykeion), Stoa, Kepos. 


Epikurs Leben

Über den Begründer der Schule, Epikur, legen nur unvollständige biographische Daten vor. Viele stammen von Diogenes Laertios. 
Epikur wurde um 341 v. Chr. auf der Insel Samos in der Ägäis geboren. Die Schule feierte nach seinem Tod jedes Jahr seinen Geburtstag, den 20. Tag des Gamelion. 
Sein Vater war der athenische Kolonist (Kleruch) Neokles und arbeitete in Samos als einfacher Lehrer und Landwirt. 
Mit 14 Jahren begann Epikur, sich mit der Philosophie zu beschäftigen, weil er sich angeblich mit der Beschaffenheit des Chaos beschäftigte. Seit Hesiod sah man das Chaos als gähnenden Abgrund an, von dem alle Dinge abgeleitet seien. 
Die ersten Lehrer Epikurs waren der Platoniker Pamphiles und der Demokriteer Nausiphanes. Pamphiles trat für Epikur aber zu prahlerisch auf und entfremdete ihm die Rhetorik mit ihren Tricksereien. 
Die Lehre des Demokrit sagte ihm dagegen mehr zu, besonders dessen Atomlehre (Atomismus). 

Mit 18 Jahren ging Epikur nach Athen, wo er als Ephebe im Gymnasion an einer zweijährigen vormilitärischen Ausbildung teilnahm. Danach wurde er in die athenische Bürgerliste aufgenommen. 
Kurz danach starb im Jahre 323 v. Chr. Alexander der Grosse, was zu Aufständen gegen die makedonische Herrschaft führte. Der Athener Aufstand gegen die Makedonen schlug fehl und so musste auch Neokles, der Vater Epikurs, seinen Besitz auf Samos an die Makedonen unter Perdikkas abgeben. Neokles musste nach Kolophon fliehen, wohin Epikur ihm bald nachfolgte. 319 v. Chr. wurden einige der Entscheidungen wieder rückgängig gemacht und Neokles erhielt eine finanzielle Entschädigung. 

Über die folgenden Lebensjahre des Epikur kann man nur spekulieren. Einige Forscher meinen, er sei aber 311 v. Chr. Philosophielehrer auf Mytilene (Lesbos) und Lampsakos (Hellespont) gewesen und habe dort die Jünger Metrodoros von Lampsakos, dessen Bruder Timokrates, Hermarchos von Mytilene, Idomeneus, Leonteus, dessen Frau Themista, Kolotes und Polyainos gewonnen. 306. v. Chr. zog Epikur auf jeden Fall nach Athen, wo nach dem Sturz des Demetrios von Phaleron die Attische Demokratie für einige Zeit wieder auflebte. 
In Athen erwarb Epikur für 80 Minen einen Garten (Kepos), der das Symbol seiner entstehenden Schule werden sollte und für Epikur Lehr- und Lebensort werden sollte. Dort versammelten sich Menschen aus verschiedenen Regionen und Schichten. Angeblich hatte Epikur an die 200 Schüler, darunter auch Frauen und Sklaven. 

Im Garten Epikurs versuchte man, die Lebensmaximen der eigenen Lehre umzusetzen. Aber nicht im Übermass. 
Das Motto "Lathe bioses!" (Lebe im Verborgenen.) wurde durch die Einrahmung des Gartens praktiziert, aber Epikur zog sich sichtbar nicht ins Eremitendasein zurück. Ebenso galt es mit dem Streben nach Glückseligkeit, auf das schon der Sinnspruch über dem Eingang des Gartens einging: 
"Tritt ein, Fremder! Ein freundlicher Gastgeber wartet dir auf mit Brot und mit Wasser im Überfluss, denn hier werden deine Begierden nicht gereizt, sondern gestillt!" 

Der "Meister" Epikur konnte mit weiteren Weisheiten aufwarten, die an anderer Stelle anhand seiner Lehre genauer erörtert werden.

Epikur sagte einmal "Ich versuche nie, anderen zu gefallen. Was sie von mir wollen, habe ich nicht gelernt, und was ich gelernt hatte, wollten sie nicht!"
Oder zum Thema Freundschaft: "Ohne Freundschaft ist das Leben wie das Fressen von Löwe und Wolf!"
Oder zum Tod: "Was kümmert mich der Tod? Bin ich da, ist der Tod nicht da. Und ist der Tod da, bin ich nicht mehr da."
Oder zum Besitz: "Wem das seine nicht ausreicht, der ist arm, und wenn er der Welten Herr wäre."
Oder: "Wer Brot und Wasser hat, darf sich mit Zeus an Glückseligkeit messen!"
Oder: "Schick mir ein Stück Käse, damit ich einmal gut essen kann."

[vgl. Kurt Tepperwein: Die Praxis der geistigen Gesetze]



Ungefähr 40 Jahre lang blieb Epikur Mittelpunkt des Gartens. Im Alter wurde er durch Nierensteine geplagt und verstarb 271 oder 270 v. Chr. Nach seinem Tod ging die Leitung auf Hermarchos über, da Metrodoros bereits verstorben war.

Epikurs These, dass es besser sei, zurückgezogen (wenn auch nicht isoliert) zu leben, führte leider dazu, dass seine Schule nur eine begrenzte Nachwirkung und nur einen begrenzten Einfluss auf die Politik hatte.
Trotzdem hielt sich die Schule bis in die römische Zeit und endete ungefähr bis zum 3. Jhd. n. Chr.
Römische Förderer der Schule waren Lukrez und Kaiser Mark Aurel. Auch Cicero ging auf einige ihrer Thesen ein.


Die Lehre Epikurs und der Epikureer

Wir haben gesagt, dass der "Epikureismus", wie wir die Lehre modern nennen, von ihrem Begründer Epikur (ca. 341 - 270 v. Chr.) bis ungefähr in das 3. Jhd. n. Chr. andauerte. Schon vorher war gab es Akzeptanzprobleme unter den heidnischen Eliten Roms. Mit dem Christentum sollte es noch schwieriger werden.

Wenn man diese Verbreitungsspanne überschaut, kann man feststellen, dass sich die Lehre nur geringfügig geändert hat.
Die Epikureer strebten entsprechend der Lehre ihres Meisters nach Ataraxie (Glückseligkeit) und nach Hedoné (Lust, Vergnügen, gutes Befinden).
Epikur entlehnte seine Naturphilosophie der von Demokrit und Leukipp und betrachtete die Welt aus kleinen Atomen (unteilbaren Teilchen) bestehend, also atomistisch-materialistisch. Seiner Meinung nach lebten die Götter in Intermundien genannten Zwischenwelten und kümmerten sich wenig bis gar nicht um das Tun der Menschen.

Diese Beständigkeit der Lehre kennen wir von anderen Philosophenschulen so nicht.
Die Akademie hat sich z. B. sehr stark zum Skeptizismus hin bewegt, auch wenn man sich bis zuletzt auf Platon berief. Und die Stoa hatte Phasen, in denen sie neben ethischen Aspekten auch einen großen Wert auf die Naturphilosophie legte und Phasen, in denen das weniger so war.
Einige warfen den Epikureern deshalb Dogmatismus vor. Einige Epikureer sollen gerne gefragt haben: ποῦ κεῖται; - wo steht das/es?
Vielleicht ist das auch darauf zurückzuführen, dass Epikur die Erkenntnisse der Physik gerne dazu verwendete, seine ethischen Grundsätze zu fundieren, und nicht als Selbstzweck.
Die Götter in den Intermundien demnach aus Desinteresse nicht aktiv in das Leben der Menschen ein. Vermeintliche "Wunder" erklärte er mit diversen Theorien über natürliche Gegebenheiten, die er manchmal auch nebeneinander stehen ließ.
Lukrez deutet in "De rerum natura" auf diesen Denkansatz Epikurs hin. Allegorisch stelle der Erdboden von Epikurs Philosophengarten (Kepos) die Kanonik dar, der Zaun aber die Physik, die Früchte die Ethik.

Allerdings findet sich seit der "Sokratischen Wende" und noch stärker seit Beginn des Hellenismus in der Philosophie generell ein immer deutlicheres Primat der Ethik.


Wirkungsgeschichte

Die Lehren Epikurs wurden in Rom v. a. durch Lukrez (99 - 56 v. Chr.) populär gemacht.
Da die Quellenlage über den Epikureismus manchmal zu Wünschen übrig lässt, sind uns über Lukrez' Lehrgedicht viele Informationen erhalten geblieben.
Ähnlich wie bei anderen Lehren und Kulten wie dem Isis-Kult wurde aber auch der Epikureismus romanisiert. Das Motto "Lebe im Verborgenen!" wurde nicht so genau befolgt. Selbst Cassius, einer der Verschwörer gegen Cäsar, soll dem Epikureismus wohlwollend gegenüber gestanden sein.
Ein berühmter Sympathisant Epikurs war auch der Dichter Horaz, der sich als "Epicuri de grege porcus" ("Schwein aus der Herde Epikurs") bezeichnet haben soll. Allerdings wissen wir von Horaz auch, dass er politisch-ideologisch flexibel war und auch im Krieg die Seiten wechseln konnte.
Auch der Politiker und Philosoph Seneca (4 v. - 65 n. Chr.), der eher der jüngeren Stoa zugeordnet wird, hatte - anders als viele Stoiker - auch wohlwollende Worte für die epikureische Lehre übrig.
Der ebenfalls der jüngeren Stoa zugerechnete Kaiser Mark Aurel (121 - 180 n. Chr.) soll die epikureische Schule gefördert haben.
Im Römischen Reich soll der Epikureismus bis in das 3. Jhd. n. Chr. deutlich vertreten gewesen sein. Ein Zeugnis ist die Inschrift des Diogenes von Oinoanda.
Die Lehre Epikurs hatte aber gewisse Schwierigkeiten mit der Ethik der römischen Eliten, für die es wichtig war, sich für den Staat einzusetzen. Noch problematischer wurde es dann mit dem Erstarken des Christentums, das hedonistischen Lehren - zumindest offiziell - sehr kritisch gegenüberstand.
Viele frühe Kirchenväter (Eusebius, Origines) wetterten heftig gegen den Epikureismus.
Die Lehren der Stoa schienen besser zum Christentum zu passen.
Viele Forscher nehmen an, dass spätestens mit Kaiser Konstantin (306 - 337 n. Chr.) der aktive Epikureismus erloschen ist. Es ist aber umstritten, ob es nicht noch einen "Restaktivismus" gab.

Der Epikureismus ist aber nicht ganz ausgestorben. Die mittelalterlichen Carmina Burana (z. B. carmen 211) erinnern wieder an Epikur. Auch später noch hatte Epikur Einfluss auf sogenannte Freidenker.


QUELLEN/LITERATUR:

Hossenfelder, Malte: Antike Glückslehren: Kynismus und Kyrenaismus, Stoa, Epikureismus und Skepsis (...); Stuttgart (Kröner) 1996
Rohls, Jan: Philosophie und Theologie in Geschichte und Gegenwart; Tübingen (Mohr-Siebeck Vlg.) 2002
Tepperwein, Kurt: Die Praxis der geistigen Gesetze



Donnerstag, 7. September 2023

BUDDHISMUS

Internationale Buddhistische Flagge
Internationale Buddhistische Flagge
(seit 1885, seit 1950 internationales Symbol)

Buddha-Statue


Der Buddhismus gilt als eine der großen Weltreligionen, auch wenn es umstritten ist, ob man ihn eher als Religion oder als Philosophie bzw. Lebenslehre sehen soll. Genau genommen enthält er Elemente von beidem.

Auf jeden Fall ist er keine "theistische Religion", verehrt also keinen allmächtigen Gott oder eine Gruppe von Göttern.

Der Buddhismus basiert auf den Lehren Siddhartha Gautama, genannt Buddha. Die Lehren Buddhas und seiner Nachfolger stellen ein Sammelsurium von philosophischen Überlegungen und Vorschlägen zur Lebensführung dar. Manche vergleichen ihn mit dem Daoismus oder dem Konfuzianismus auch China.
Der gelebte Buddhismus befasst sich auch sehr viel mit Meditation.

Wie viele Religionen oder Philosophiesysteme hat der Buddhismus ein breites Spektrum an "Schulen" entwickelt. Man denke an griechische Philosophenschulen und ihre Richtungskämpfe oder an moderne Denksysteme wie den Marxismus.
Die Zwischenstellung zwischen Religion und Philosophie sieht man auch daran, dass einige Schulen Elemente der Volksfrömmigkeit aufgenommen haben und dass es ein buddhistisches Klosterwesen gibt.
Es gibt im Buddhismus aber keine zentrale Autorität wie im es im katholischen Christentum der Papst darstellt. Das heißt aber nicht, dass einzelne buddhistische Anführer nicht autoritär und dogmatisch auftreten können.


1. Der historische Buddha

Siddhartha Gautama (später "Buddha" genannt) gilt als historisch einigermaßen greifbare Person. Er soll im 6. Jhd. v. Chr. oder später im Norden/Nordosten Indiens gelebt haben. Es ist davon auszugehen, dass er Sohn eines Königs oder zumindest eines hohen Adeligen war. Wir nennen ihn hier Prinz.
Der Prinz Siddhartha Gautama wuchs in Wohlstand auf, stellte beim Verlassen des Palastes aber fest, dass viele Menschen in Armut und im Leiden lebten. Siddhartha Gautama reagierte auf diesen Schock sehr stark und lebte eine Zeit lang in Askese. Dabei stellte er aber fest, dass diese ihn nur schwächte und die Probleme der Welt nicht löste. Dann entschied er sich für einen Mittelweg zwischen Luxus (Hedonismus) und Askese und nahm diesen als Grundlage für seine Philosophie.
Als er zu höherer Erkenntnis "erwacht" war, erhielt er den Beinamen bzw. Ehrentitel "Buddha" (der Erwachte/Erleuchtete). Den Prozess von Erwachen/Erleuchtung nennt man "Bodhi".

Buddha war aufgrund seiner Herkunft natürlich sehr stark von den Denktraditionen der indischen Philosophie beeinflusst. Deren Schulen sahen das Leben meistens als eine Abfolge von Werden und Vergehen und hatten somit ein "zyklisches" (kreisförmiges) Weltbild, kein "lineares" wie das Judentum oder später das Christentum oder der Islam, die glaubten, dass sich das Weltgeschehen linear auf ein Ziel zubegwegt.
Das Dasein wird in vielen Schulen der indischen Philosophie auch gerne als leidhaft angesehen, obwohl sich Buddha durchaus Gedanken um Abhilfe machte. Eine dieser Abhilfen ist eben der angestrebte Mittlere Weg sowie die Absage an Radikalismus. Man soll vom Töten von Lebewesen absehen und armen Menschen helfen. Es ist aber nicht richtig, dass diese Lehren immer eingehalten wurden.

Über die Jahre wurde die Überlieferung von Buddhas Leben und Lehre immer mehr von Mythen überrankt, so dass es heute schwer ist, eine Unterscheidung zwischen dem historischen und dem mythischen Buddha zu erreichen.


2. Die Entwicklung des Buddhismus

Neben diversen Volksmythen wurde die Lehre Buddhas auch durch "offizielle" Konzile beeinflusst, in denen ein allgemeinverbindlicher Kanon an Schriften festgelegt und die Lehre strukturell gestrafft werden sollten.
Das erste Konzil fand der Überlieferung nach drei Monate nach dem Tod des Buddha in Rahagarha statt. Hier ging es um den Dharma/Dhamma (Lehre, Gesetz) und den Vinaya (Mönchsregeln).
Rund 100 Jahre später fand das zweiten Konzil in Vesali statt. Um diese Zeit kam es zur Bildung von bis zu 18 verschiedenen Schulen (Nikaya-Schulen), von denen die Mahasanghika die Vorläuferin des Mahayana-Buddhismus war.
Die ersten beiden Konzile sind von allen buddhistischen Schulen anerkannt. Ihre Historizität ist aber umstritten. Ein drittes Konzil in Pataliputra (heute: Patna) sollte unter der Schirmherrschaft des Königs Ashoka die buddhistische Lehre vereinheitlicht und "Häretiker" ausgeschlossen werden.

Auch wenn sich in der Folgezeit verschiedene Arten der Buddhaverehrung etabliert haben - auch gegenüber errichteten Buddhastatuen, so wurde der Buddhismus nicht im strengen Sinne zu einer dogmatischen Offenbarungsreligion.

Der Buddhismus hat sich zwar über Indien und über Ostasien bis nach Südostasien ausbreiten können, er veränderte dabei aber z. T. sein Gesicht und verlor später auch Gebiete.
Die Ausbreitung nach Westen wurde durch das Perserreich und nach der persischen Niederlage gegen Alexander den Großen durch das Alexanderreich und seine Nachfolgereiche blockiert. Es kam aber in den östlichen Nachfolgereichen zur Bildung einer "graeco-baktrischen Mischkultur" (vg. Gandhara-Kultur).
Nach Norden breitete sich der Buddhismus nach Zentralasien aus, geriet dort aber in Konkurrenz mit den Anschauungen diverser Reitervölker und später mit dem Islam.
Nach China konnte sich der Buddhismus ausbreiten, wurde aber "sinisiert". Es kam zum Austausch mit Daoismus und Konfuzianismus. Buddhistische Statuen bekamen chinesische Züge. Trotzdem blieb der Buddhismus hier stark vertreten. Selbst nach der Machtübernahme durch die Kommunisten 1949 konnten Atheisierungskampagnen seine Stärke nur bedingt reduzieren. Heute lebt ca. die Hälfte aller Buddhisten der Welt in China.
Von China aus gelangte der Buddhismus nach Japan (ab 5. Jhd. n. Chr. nachweisbar). Auch hier verschmolz er z. B. mit einheimischen Traditionen wie dem Shinto. Manche Forscher meinen allerdings, dass der Buddhismus erst den Shinto(ismus) dazu gebracht habe, eine festes Denksystem auszubauen. Der Buddhismus teilte sich auf in Strömungen und Schulen (shu; auch "Sekten" genannt).
Frühe Schulen waren die "Sechs Schulen der Südlichen Hauptstadt", die in der Nara-Zeit (8. Jhd.) ihren Höhepunkt erlebten: 1. Risshu (Vinaya), 2. Jojitsu-shu (Satyasiddhi), 3. Kusha-shu (Abhidharma), 4. Sanron-shu (Madhyamika), 5. Hosso-shu (Yogacara), 6. Kegon-shu (Hua-yen).
In der frühen Heian-Zeit gelang der "esoterische/tantrische Buddhismus" nach Japan.
In der Kamakura-Zeit (12. - 14. Jhd.) legten die Lehren des Reinen Landes ihren Schwerpunkt auf die Verehrung Amitabhas, eines transzendenten Buddhas, der die Bevölkerung erretten sollte. Es gab "Vier neue buddhistische Schulen": 1. Zen (chin. Chan; für die Ritter und Bauernkrieger), 2. Jodo-shu von Honen (amidistisch, Erlösung durch Glauben statt Taten, Kritik an gelehrten Sutras), 3. Joso-Shinshu/Ikko-shu von Shinran (amidistisch, kein Priestertum mehr, für einfache Menschen), 4. Nichiren-Buddhismus von Nichiren (Abgrenzung zu den anderen 3 Schulen, religiöses Schrifttum wichtig).
Der Zen-Buddhismus baute meist auf die Sitzmeditation, die zu ihm gehörende Fuke-Sekte betrieb dagegen Wandermeditation: Ihre Komosu-/Komuso-Mönche wandermeditierten mit Hilfe der Shakuhachi-Flöte durch Japan (chinesische Vorgänger hatten noch andere Instrumente eingesetzt). Selbst in der strengen Tokugawa-Zeit (17. - 19. Jhd.), als Japan absolutistisch regiert wurde, ließ man den Anhängern der Fuke-shu lange Zeit ihr Recht auf Bewegungsfreiheit, bis man sie im 19. Jhd. nach Spionageverdacht zuerst eingeschränkt und dann auflöste.
In Südostasien breitete sich der Buddhismus ebenfalls stark aus und vermischte sich dort mit schon bestehenden Traditionen.

Wie erwähnt verlor der Buddhismus aber auch Gebiete:
In Indien hat die "hinduistische Renaissance" den Buddhismus fast ganz vom Subkontinent verdrängt (nicht aus Sri Lanka/Ceylon, nicht aus Nepal).
In Teilen Südostasiens wie z. B. Indonesien hat der durch arabisch-islamische Händler importierte Islam den Buddhismus ebenfalls stark zurückgedrängt. Man sieht das heute daran, dass in vielen Gebieten buddhistische Tempel von einer muslimischen Bevölkerung umgeben sind.

Im Westen (Europa, Nordamerika, z. T. Australien) gewann der Buddhismus erst im 19. und 20. Jhd. an Boden.
Durch Philosophen wie Arthur Schopenhauer gelangte der Buddhismus im 19. Jhd. nach Europa und in andere "westliche" Gebiete.
Stärkere Impulse für eine Hinwendung zum Buddhismus kamen im 20. Jhd. (besonders nach den Weltkriegen) durch westliche "Sinnsucher", Anti- und Postmaterialisten und Prominente.
Der Buddhismus wurde dabei als "Geistesphilosophie"gegen einen als übertriebenen empfundenen westlichen Materialismus angesehen. Ob asiatische Länder generell mehr geistlich als materiell denken, ist aber umstritten.
So war die Verbreitung des Buddhismus in Europa, Nordamerika und Australien auch von Klischees, Idealisierungen und Halbwahrheiten begleitet. Es ist erstaunlich, dass viele "autoritätskritische" junge Menschen der späten 60er-Jahre recht kritiklos östlichen Autoritäten folgten.
Auf jeden Fall existieren in als westlich geltenden Ländern verschiedene Strömungen des Buddhismus nebeneinander.


Komuso-Mönche (nach Neugründung der Schule)


3. Die buddhistische(n) Lehre(n)


Wir haben gesehen, dass der Buddhismus intensive Entwicklungen durchmachte. Trotzdem können einige zentrale Inhalte der Lehre(n) dargestellt werden.

Das Dharma (Sanskrit)/Dhamma (Pali), "Gesetz":
  • die Lehre Buddhas
  • die Gesamtheit aller weltlichen Phänomene und ihrer Gesetze
Das "bedingte Entstehen":
  • eine Kette von 12 ineinander verwobener Elemente
  • "dieses ist, weil jenes ist"
Ursache und Wirkung und Karma (Sanskrit)/Kamma (Pali), "Tat, Wirken":
  • sinnliches Begehren und Anhaften an weltliche Erscheinungen
  • es gibt gutes, schlechtes und neutrales Karma
Das Samsara, "ständiges Wandern" (gemeint: Kreislauf des Lebens):
  • dieser Begriff besteht in vielen indischen Glaubenssystemen
  • Samsara ist das "ständige Wandern", der Kreislauf des Lebens aus Werden und Vergehen
Das "Nicht-Selbst" und die "Wiedergeburt":
  • in der indischen Philosophie glauben Astika-Schulen an das Selbst ("atman"/"atta")
  • der Buddhismus glaubt als Nastika-Schule an das Nicht-Selbst ("anatman"/"anatta")
Das Bodhi, "Erwachen":
  • Voraussetzung: u. a. geist. Erfassen der "Vier edlen Wahrheiten", Überwindung der Daseinsbindungen und Vergehen aller karmischen Kräfte
  • Samsara, der Kreislauf des Lebens und Leidens wird verlassen und Nirwana erlangt
Das Nirwana/Nibbana, "Verlöschen":
  • höchste Verwirklichungsstufe des Bewusstseins
  • das endgültige Verlöschen im Tod wird als Parinirwana bezeichnet
Die praxisorientierte Meditation
  • Atembetrachtung, Liebende-Güte-Meditation ("metta"), Mantra-Rezitation, Sitzmeditation, Gehmeditation, Visualisierung, thematisch gebundene Kontemplation
  • Zielung: Sammlung und Beruhigung des Geistes ("samatha"), tiefes Sehen ("vipassana"), Auflösung der Ich-Verhaftung, Kultivierung von Empathie

Das Rad des Lebens als Dhamma.


4. Die buddhistischen Schulen

Der Buddhismus hat drei Hauptrichtungen: Hinayana ("Kleines Fahrzeug"; heute: Theravada, die "Lehre der Älteren"), Mahayana ("Großes Fahrzeug") und Vajrayana ("Diamant-Fahrzeug"; oft als Tibetischer Buddhismus oder Lamaismus bezeichnet, obwohl diese Schule nicht nur dort existiert).


Hinayana-Buddhismus: "Kleines Fahrzeug":
  • Der Hinayana ist neben dem Mahayana eine der beiden Hauptströmungen des Buddhismus und von beiden die ältere.
  • Im Hinayana strebt der/ein Mensch nach dem Erwachen (Erlösung vom Leiden), nicht aber andere Lebewesen.
  • Der Theravada-Buddhismus (Lehre der Älteren/Ordensälteren [die Buddha noch erlebt haben]) ist die einzige noch bestehende Lehre des Hinayana.
Mahayana-Buddhismus: "Großes Fahrzeug":
  • Der Mahayana geht auf die Mahāsāṅghika (Große Gemeinde) zurück, die sich nach dem zweiten buddhistischen Konzil entwickelt hat.
  • Der Mahayana verwendet neben dem Tripitaka den Sanskrit-Kanon (mit den Sutras). Zu diesen Sutras/Sutren gehören das Diamant-Sutra, das Herz-Sutra, das Lotos-Sutra und das Sutra vom reinen Land.
  • Im Unterschied zum Theravada-Buddhismus, in der das Erreichen von Bodhi durch eigenes Bemühen im Vordergrund steht, nimmt im Mahayana das Bodhisattva-Ideal eine zentrale Rolle ein. Bodhisattvas sind Wesen, die als Menschen bereits Bodhi erfuhren, jedoch auf das Eingehen in das Parinirvana verzichteten, um stattdessen allen anderen Menschen (und allen Wesen) bei der Erreichung dieses Ziels zu helfen.
  • Der Mahayana umfasst auch den Amitabha-Buddhismus, den Nichiren-Buddhismus und den Zen-Buddhismus, die besonders in Japan stark vertreten sind.
Vajrayana-Buddhismus: "Diamant-Fahrzeug":
  • Der Vajrayana ist im Kern ein Teil des Mahayana, ergänzt diesen aber durch tantrische Techniken, die den Pfad zum Erwachen beschleunigen sollen (Meditation, Visualisierung, Mantras, Guruyoga [Einswerden mit dem Geist des Lehrers] usw. gehören).
  • Der Vajrayana gilt auch als "esoterische Lehre", weil er stark auf Ritualisierung und "Geheimniskrämerei" setzt. Der Mahayana gilt dagegen als "exoterische Lehre".
    Im Zentrum des Vajrayana steht die direkte Unterweisung/Übertragung von Lehrer zu Schüler.
  • Im tibetischen Buddhismus ist der Dalai Lama eine wichtige (nicht die einzige!) Autorität.
    Es gibt im hier vier Hauptschulen: Nyingma (die Alten), Kagyü (Linie der mündlichen Überlieferung), Sakya (Graue Erde), Gelug (die Tugendhaften; "Gelbmützen").
  • In Japan wird der Vajrayana von der Shingon-Schule weitergeführt.

5. Der moderne Buddhismus


Der Buddhismus nimmt derzeit (2020er) unter den Weltreligionen den vierten Platz ein (nach Christentum, Islam und Hinduismus. Es ist aber umstritten, wie viele Buddhisten es weltweit gibt, weil nicht alle Anhänger gezählt wurden und es auch "Doppelmitgliedschaften" in verschiedenen Philosophien/Religionen geben kann.

Als wichtiger Vertreter des tibetischen Buddhismus (genaugenommen einer Stilrichtung, der Gelug-Schule) und mit der Zeit des Buddhismus insgesamt gilt seit der 2. Hälfte des 20. Jhd.s Tenzin Gyatso (* 1935), der 14. Dalai Lama. International wird er manchmal auch als "der Dalai Lama" wahrgenommen. Seine formelle Bezeichnung ist: "Seine Heiligkeit".

Tenzin Gyatso wurde 1940 inthronisiert und herrschte bis 1959 im Potala-Palast in Lhasa. Anfangs hatte der chinesische Kommunistenführer Mao Zedong Zugeständnisse an ethnische Minderheiten einschließlich der Tibeter gemacht - auch um im Bürgerkrieg gegen seinen Kontrahenten Tschiang Kai-shek siegen zu können. Als die Kommunisten dann 1949 die Macht errungen hatten, sah das schon anders aus. Die Tibeter um Tenzin Gyatso dachten anfangs, dass sie mit Mao einen "Deal" machen könnten, merkten aber dann, dass Rotchina es auf das Leben des Dalai Lama abgesehen hatte. Deshalb musste dieser 1959/60 nach Indien fliehen und lebte von da an im Exil in Dharamsala.

Der Dalai Lama gilt als Vertreter des Prinzips der Gewaltfreiheit und wehrt sich ohne Waffeneinsatz gegen die Assimilierung seiner tibetischen Heimat durch China. In religiös-philosophischen Auseinandersetzungen wird im indischen Exil aber auch zu rabiaten Maßnahmen gegriffen. Es kam in der Community auch schon zu Mordfällen.
Kritiker der tibetischen Exilregierung weisen darauf hin, dass die alte tibetische Herrscherelite der Lamas durchaus als Gruppe feudalistischer Unterdrücker angesehen werden könne. Der Widerstand gegen die chinesischen Truppen war anfangs auch nicht gewaltlos, sondern man baute mit Hilfe US-amerikanischer Geheimdienste Guerillatruppen aus, die aber trotz einiger Nadelstiche am Ende erfolglos waren und deren Unterstützung von den USA schließlich im Namen einer Annäherung an die VR China eingestellt wurde.
Diese Kritik der Rückschrittlichkeit ist z. T. richtig. Allerdings wäre es naiv zu glauben, dass die VR China Tibet militärisch in die Zange genommen hat, um "den Feudalismus zu besiegen" und "das Land zu modernisieren". In Wirklichkeit geht es natürlich um eine Sinisierung der Region, um eine politisch-militärische Stärkung zum Rivalen Indien hin und um eine Ausbeutung der Ressourcen.

Einige Organisationen des heutigen Buddhismus werden auch kritisch gesehen:
  • Der Diamantweg(-Buddhismus):
    Der Diamantweg ist eine vom Dänen Ole Nydahl (* 1941) und seiner Frau Hannah Nydahl (* 1946 - 2007) initiierte Schule des Buddhismus, die sich auf den 16. Karmapa der Karma-Kagyü-Linie des tibetischen Buddhismus beruft und Thaye Dorje als den 17. Karmapa betrachtet.
    Er gehört damit nicht zur tibetisch-buddhistischen Tradition des Dalai Lama Tenzin Gyatso.
    Der Name Diamantweg wurde deshalb gewählt, weil die Schule sich zur Richtung des Vajrayana bekennt. Dieses Sanskritwort bedeutet Diamant-Weg oder Diamant-Fahrzeug.
    Ole Nydahls Vorgehen ist sehr eigenwillig und daher umstritten:
    Kritiker werfen ihm Selbstherrlichkeit und Personenkult vor.
    Anhänger weisen dagegen darauf hin, dass er Dinge voranbringe und nicht nur rede.
    So hat Nydahl in der Tat viele Diamantweg-Zentren weltweit aufbauen können. Im Jahre 2007 ließ der oft aus Deutschland heraus agierende Däne in Immenstadt im Allgäu ein "Europazentrum" aufbauen. Im selben Jahr starb seine Frau.
    Ole Nydahl ist wie seine Frau bürgerlich in Kopenhagen aufgewachsen. Dann nahmen beide aber in den 1960ern exzessiv an der "Hippiebewegung" teilgenommen. Beide wollten sich von bürgerlichen Zwängen befreien, Abenteuer erleben und Drogen nehmen.
    Angeblich plante Hannah Nydahl in einem dänischen Gefängnis, in dem sie wegen Drogendelikten einsaß, über der dänischen Hauptstadt Kopenhagen LSD an Fallschirmen abzuwerfen, um das Bewusstsein der Menschen zu befreien.
    Beide merkten aber mit der Zeit, dass diese Form der Bewusstseinserweiterung auch Nachteile hatte und für einige ihrer Freunde sogar tödlich ausging. So reisten sie dann auf ihrer Hochzeitsreise nach Asien, um dort neue Formen der Bewusstseinserweiterung zu kennenzulernen. Dort trafen sie auf buddhistische Geistliche, waren beeindruckt und wollten deren Lehre nach Europa bringen. Das Ehepaar kehrte mehrmals nach Asien zurück, studierte weiter buddhistische Lehrinhalte und auch diverse Abenteuer wie das Entkommen vor chinesischen Verfolgern.
    Dieses Leben ist gut dokumentiert im 2018 erschienen Film "Hannah - Ein buddhistischer Weg zur Freiheit", auch wenn der Film bisweilen hagiographische Züge hat.
    Nydahls Persönlichkeit ist auch deshalb umstritten, weil er trotz postmaterieller Einflüsse der Hippiezeit an klassisch-männlichen Verhaltensweisen wie Boxtraining, Fallschirmspringen, schnellen Autos, Motorrädern, Karrierismus (wenn auch auf eine andere Art) und Egozentrismus festhält. Außerdem vertritt er eine positive Haltung zu sexueller Freizügigkeit.
    Aufgrund zunehmender Einwanderung in Mitteleuropa aus islamischen Ländern fiel Nydahl auch durch anti-islamische Sprüche auf.
    Nydahls Aussagen sind insgesamt sehr direkt: So sagt er, dass der Westen gerade durch die Hippiezeit (an der Nydahl selbst exzessiv teilgenommen hat) Vorsprünge an weltweite Konkurrenten verschenkt habe und dies auch der Grund sei, warum gute Chips jetzt in Asien hergestellt würden.
    2020 verließ der Diamantweg nach längeren Querelen dann die Deutsche Buddhistische Union (DBU) und kam so einem Rauswurf aus selbiger zuvor.
    Es ist bislang unklar, wer nach Nydahl den Diamantweg weiterführen wird. Seine Art ist zwar umstritten, Erfolge beim Aufbau von Infrastruktur lassen sich aber nicht leugnen.
  • Die Soka Gakkai:
    In Japan existierten entsprechend der Tradition des Landes viele buddhistische Schulen nebeneinander. Im 20. Jhd. entwickelte sich aber eine Schule, die Soka Gakkai (Werteschaffende Gesellschaft), besonders stark.
    Die Soka Gakkai berief sich auf den Nichiren-Buddhismus, wurde aber nach einigen Jahrzehnten 1991/97 aus der Nichiren-Shoshu "hinausgeworfen". Was war passiert?
    Die Soka Gakkai entstand schon in den 1930er-Jahren (offiziell 1937) und nahm für sich in Anspruch, Widerstand gegen den japanischen Imperialismus/Expansionismus dieser Zeit geleistet zu haben. Tatsächlich wurden Vertreter von ihr eingesperrt oder hingerichtet. Ihr Gründer und Präsident Makiguchi Tsunesaburo starb 1944 im Gefängnis.
    Allerdings weisen kritische Historiker darauf hin, dass die Soka Gakkai nicht per se gegen den japanischen Imperialismus war, sondern eher eine geistigere Variante davon bevorzugt hätte.
    Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die Soka Gakkai die neuen Freiheiten Japans - besonders im religiösen Bereich  - und baute eine gigantische Organisationsstruktur auf. Ihr zweiter Präsident wurde Toda Josei, der noch mit Makiguchi im Gefängnis gesessen und überlebt hatte.
    Die Soka Gakkai baute mit der Komeito sogar eine eigene Partei auf. Offiziell müssen beide Entitäten aber getrennt auftreten, weil dies die japanische Nachkriegsverfassung so vorsieht.
    Die Komeito ist zwar keine Großpartei, diente den regierenden Liberal-Demokraten aber oft als zuverlässiger Mehrheitsbeschaffer und handelte somit aus Sicht von Kritikern gegen die Interessen der Arbeiterbewegung.
    Der dritte Präsident der Soka Gakkai war von 1960 - 1979 Ikeda Daisaku. 1975 wurde er Präsident der Soka Gakkai International (SGI), die heute in vielen Ländern der Welt operiert.
    Unklar ist, woher die Soka Gakkai ihre enormen Finanzreserven hat. Die Soka Gakkai wirbt ihre Mitglieder recht offensiv ("Shakubuku" - brechen und unterwerfen) und fordert von ihnen dann hohe Geldbeträge. Diverse Großspenden soll es auch geben.
    Der japanische Filmemacher Juzo Itami vermutete sogar Verbindungen zur Yakuza (Organisierte Kriminalität in Japan), konnte 1997 seinen geplanten Film über dieses Thema aber nicht beenden, weil er vorher von einem Hochhaus stürzte (wahrscheinlich ein Mord der Yakuza).



Mittwoch, 6. September 2023

INDISCHE PHILOSOPHIE

Panshalingeshwara
Hindu-Tempel (Panshalingeshwara)


Die indische Philosophie hat eine sehr lange Traditionslinie. Sie ist ähnlich stark wie die griechische Philosophie oder die chinesische Philosophie, wobei sich indische und chinesische Philosophie gegenseitig beeinflussten, als sich v. a. der Buddhismus nach Osten ausbreitete.
Es kam auch zu einer Verschmelzung zwischen griechischer und indischer Philosophie im "graeco-baktrischen Zwischenraum" zwischen dem Reich Alexanders des Großen und denen seiner Nachfolger und indischen Reichen (z. B. Gandhára-Kultur). Man spricht auch vom "graeco-baktrischen Synkretismus".

Die indische Philosophie geht zurück auf die Veden ("Wissen"), die eine Sammlung aus historischen, naturphilosophischen und religiösen Texten darstellen. Auf dieser Basis entstanden mehrere Strömungen, die modern als -ismen benannt werden:
  • Hinduismus
  • Buddhismus
  • Jainismus
Der Hinduismus konnte nach einer Renaissance den in Indien schon sehr stark verankerten Buddhismus weitgehend aus seiner Heimat vertreiben, während dieser in Ostasien weitgehend stabil blieb. In China wurde er allerdings stark sinisiert.
In Teilen Südostasiens verlor der Buddhismus mit der Zeit aber Einflussgebiete an den Islam, der wahrscheinlich von arabisch-islamischen Händlern importiert worden war. Durch die Expansion europäischer Kolonialmächte drang auch das Christentum vor.

Dem Buddhismus wird nachgesagt, dass er eine besondere Achtung vor dem Leben predige und gewaltlos sei (vgl. Ahimsa). Das war und ist in der Realität nur manchmal richtig. Buddhisten können Ziele durchaus mit Gewalt durchsetzen.


Viele Schriften der indischen Philosophie sind naheliegenderweise in Sprachen des indischen Subkontinentes verfasst. Hier wäre Sanskrit zu nennen, aber auch das volkstümlichere Pali.
Viele indische Sprachen enthalten viele a-Laute, u. a. weil es bei den ostindogermanischen Sprachen noch nicht zur Ablautung (Apophonie) gekommen ist. Man muss hier aber kurze und lange a-Laute unterscheiden. Die kurze Endung [a] ist oft maskulin (vgl. o-Deklination; griech. -os und lat. -os/-us).
Im Vergleich zu der griechischen Philosophie sind aber nicht so viele Autoren namentlich bekannt.

Indische Philosophiesysteme wurden durch Gelehrte wie Arthur Schopenhauer im 19. Jhd. auch in Europa und später in den USA bekannt. Im 20. Jhd. geschah die Hinwendung zu süd- und ostasiatischer Philosophie im Zusammenhang mit der Abkehr vom "westlichen Materialismus" und einer behaupteten Hinwendung zum Postmaterialismus.
Man muss aber vor Irrtümern und einer falschen Rezeption warnen:

  • z. T. ist die Rezeption asiatischer Philosophiesysteme naiv und vereinfachend
  • hinter hohen Moralansprüchen philosophischer Systeme können auch Hierarchie und Machtansprüche stehen (z. B. Kult um Gurus, eine Kaste von Priestern und "Weisen" usw.)
  • einige indische Denkansätze können als "Geistesphilosophie" bezeichnet werden, es gibt aber auch Schulen, die auf einem "Materialismus" aufbauen
  • während westliche Intellektuelle und Sinnsucher in den 1960ern den "Materialismus" und "Ökonomismus" ihrer Gesellschaften kritisierten, haben Teile Asiens vom "Materialismus" und dem "Technizismus" des Westens gelernt und stellen jetzt erfolgreich Halbleiterchips her.
  • viele Post- und Anti-Materialisten sind durch die Verbreitung ihrer Lehren reich geworden (vgl. John Lennon)
In der klassischen indischen Philosophie werden zwei Hauptgruppen unterschieden:

  1. Sechs orthodoxe Systeme (= Darshanas), die die Autorität der Veden/Veda anerkennen:
    Astikas
    • Nyaya (Schule der Logik und Erkenntnistheorie)
    • Vaisheshika (Naturphilosophie)
    • Samkhya (dualistische Erlösungsphilosophie)
    • Yoga (praktischer Erlösungsweg)
    • Purva Mimansa (Ritualistik und Erkenntnisphilosophie)
    • Vedanta (Uttara Mimamsa; monistische Erlösungsphilosophie
  2. Die heteroxoxen Systeme erkennen die Autorität der Veden/Veda nicht an:
    Nastikas
    • Charvaka (Lokyata; Schule der Materialisten)
    • Jainismus (Schule der strengen Asketen)
    • Theravada (Vibhajjavada; Schule der Unterscheidung): Theravada-Buddhismus
    • Sarvastivada (Vaibhashika; Schule des Alles-ist/der ausführl. Erläuterung): Hinayana B.
    • Sautrantika (Sutra-Schule): Hinayana Buddhismus
    • Yogacara (Vijñānavāda; Nur-Bewusstseins-Schule): Mahayana-Buddhismus
    • Madhyamaka (Schule des Mittleren Weges): Mahayana-Buddhismus
    • Pramanavada (Erkenntnis- und-Logikschule): Mahayana-Buddhismus

QUELLEN UND LITERATUR:

Wiki
-
Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie; Stuttgart 1950 (viele Neuauflagen)
Sandvoss, Ernst R.: Geschichte der Philosophie. Band1; München 1989


Donnerstag, 3. August 2023

DIE DRITTELUNG DER STUNDE



Am Ende des letzten Wochenendes und damit am Ausgang/Ende des Julis kam uns eine einfache, aber wirksame Idee, die Hobbys neben dem Beruf und den Hauptfächern zu strukturieren:
Eine freie Stunde sollte ungefähr gedrittelt werden.

  1. Ein Drittel wird für eine tägliche Dosis Sport verwendet, z. B. für das Fechten.
  2. Ein Drittel wird für Musik verwendet, z. B. für das Keyboard.
    Das Keyboard ist universal und lässt sich gut mit einem externen Computer verbinden.
  3. Ein Drittel wird für das Zeichnen oder Malen verwendet und zwar analog oder digital.
    Wir testen dazu gerade neue Displaystifte für das Smartphone. Bisherige Versuche waren unpräzise.
 

THOMAS VON AQUIN

* 1225 in Roccasecca/Aquino
+ 1274 Fossanova


Thomas von Aquin war ein Dominikaner und ein sehr einflussreicher Philosoph und Theologe.
Mit ihm erreichte aus Sicht der Theologie das mittelalterlich Denken einen seiner Höhepunkte. In Thomas' Werken vereinigen sich christliche Traditionen mit einer neu verstandenen aristotelischen Philosophie. Bei deren Rezeption wirkte arabischer und jüdischer Einfluss mit.
Im Jahre 1323 wurde Thomas heiliggesprochen. Er wurde für Jahrhunderte der wichtigste Lehrer der katholischen Kirche. Durch die Säkularisierung von Kunst und Wissenschaft in der Renaissance und den folgenden Epochen erschien der Thomismus aber zunehmend als rückständig.


Thomas von Aquin wurde 1225 in der Familie der Grafen von Aquino auf Schloss Roccasecca im Königreich Sizilien geboren. Die Eltern bestimmten ihn für den geistlichen Stand.
Von 1230/31 an besuchte er die Schule des Benediktinerklosters Monte Cassino und von 1939 bis 1244 die von Kaiser Friedrich II. gegründete Universität Neapel, um die sieben Artes Liberales (Freie Künste) zu studieren.
Danach trat er in den Bettelorden der Dominikaner ein, der damals noch neu war. Die Familie war davon nicht amüsiert, entführte ihn und setzte ihn für ein Jahr fest, was Thomas jedoch nicht umstrimmen konnte.
Thomas ging 1245 zum Studium nach Paris zu Albertus Magnus. 1248 folgte er ihm nach Köln. Dort war die dominikanische Ordenshochschule gerade neu gegründet worden. 1252 wurde er von den Dominikanern zurück nach Paris geschickt, wo er im Dominikanerkonvent und dann ab 1259 an der noch relativ neuen Universität lehrte. Hier wurde er in diverse Streitereien verwickelt, z. B. um die Rolle von Bettelorden an der Universität. 1256 wurde Thomas Magister der Theologie.
1259 kehrte er nach Italien zurück. Er hielt sich bis 1968 an verschiedenen Orten auf, u. a. am päpstlichen Hof und als Lehrer an verschiedenen Ordensstudien.
1269 kehrte Thomas doch noch einmal nach Paris zurück, weil hier inzwischen ein heftiger Konflikt um die richtige Aristoteles-Interpretation entbrannt war. Thomas war hier auch literarisch sehr produktiv.
Die Hauptgegner des Thomas waren weltliche Aristoteliker und konservativ-augustinische Franziskaner.
1272 ging Thomas von Aquin nach Neapel. konnte jedoch nur noch kurz lehren. 1274 starb er auf dem Weg zum Zweiten Konzil von Lyon in Fossanuova.
Thomas hinterliess ein umfangreiches literarisches Werk, stieg aber formell nie in der Kirchenhierarchie auf, sondern blieb ein einfacher Ordensbruder.

Thomas Werk ist eng mit seiner universitären Lehre verbunden. Und es ist äußerst umfangreich. Die großen systematischen Schriften sind als Lehrbücher konzipiert.
Aus seinem "Kommentar über die Sentenzen des Petrus Lombardus" (1254-56) entwickelte er eine große Abhandlung über Theologie. In der "Summa contra gentiles" (Summe/Zusammenfassung gegen die Heiden; 1256-1259) setzt er sich mit islamischer Philosophie auseinander. In der "Summa theologiae" (1267-73) beschreibt er umfangreich das "wissenschaftliche" Denken des 13. Jhd.s und versucht sich an der Konstruktion einer Weltordnung.
Die Erörterung von Themen orientiert sich bei Aquin an der Literaturform der "Quaestio" (wörtl.: Frage) und damit an der Disputation an mittelalterlichen Universitäten.
Einander entgegengesetzte Positionen zu wissenschaftlichen Einzelfragen waren zu widerlegen oder in Einklang zu bringen. Die "Quaestiones disputatae" (Erörterte Streitfragen"; 1256-1269), in denen es um die Macht Gottes, das Böse, die Seele und andere Streitfragen geht, sind als ein Kondensat der vielen Disputationen Thomas' aus seiner Zeit in Paris zu sehen.
Selbständige Ideen entwickelte er in seinen Kommentaren zu Abschnitten der Bibel und zu Aristoteles, den Thomas sehr detailliert erläutert hat.
Thomas von Aquin ging methodisch etwas anders vor als sein Lehrer Albertus Magnus und stellte die Thesen des Aristoteles' nicht breit vor, sondern ging auf einzelne Probleme näher ein. Damit trieb er deren wissenschaftliche Erörterung voran.

Thomas Aquin wird die Leistung zugesprochen, ähnlich wie die Kirchenlehrer der Spätantike eine Synthese von heidnisch-antikem und christlichem Gedankengut erreicht zu haben. Einige Forscher sprechen von einer Christianisierung der aristotelischen Philosophie. Man kann auch von einer Erweiterung der neuplatonisch beeinflussten augustinischen Lehren um aristotelische Mittel und Methoden sprechen. Man hatte jetzt ein neues Raster zur Einordnung der reellen Welt.
Die Natur des Menschen ist bei Thomas nicht mehr grundsätzlich verderbt durch den Sündenfall, sondern soll so erforscht werden, wie sie ist und im Zusammenhang mit der gesamten Seinsordnung gesehen werden. Thomas nimmt somit Ansätze der modernen Anthropologie und der Sozialwissenschaften voraus, bleibt aber bei seinen Betrachtungen innerhalb der göttlichen Ordnung.

Die göttliche Ordnung steht aber für Thomas der menschlichen Erkenntnis offen.Die Untersuchung der einzelnen Naturgegenstände auf ihre inhärente Struktur ist sogar eine Bedingung für die Erkenntnis Gottes, welche nach wie vor das höchste Ziel aller Erkenntnis überhaupt ist.
Thomas geht aber nicht mehr davon aus, dass eine asketisch-spirituelle Weltabgewandtheit oder ein Verlassen auf göttliche Erleuchtung zum Gewinn von Erkenntnis ausreichen.

Thomas von Aquin setzt sich hier also ganz klar von der augustinischen Denktradition ab und zieht erkenntnistechnisch die produktive Tätigkeit dem rein kontemplativen Verhalten vor.
Dabei bestimmen sich Gegenstand und erkennender Verstand gegenseitig.
Dem Intellekt fällt die Aufgabe zu, abstraktiv das Wesen aus den zumeist sinnlich gegebenen Einzeldingen herauszulösen. 
Aquins sogenannter Gottes"beweis" besteht nun darin, dass er meint, die logisch bestimmbare Ordnung müsse eine göttliche Ursache haben. Deshalb hätten auch die Wissenschaften vom endlichen Seienden ihre Begründung in der Theologie.

Andererseits ist Aquins Erkenntnistheorie, die er weit über die aristotelische Quelle hinaustreibt, ein Zeichen dafür, dass die thomasische Wissenschaft der Welt produktiv zugewandt ist.
Der aktive Intellekt löst die abstrakten Wesensformen aus den konkreten Dingen heraus ("abstraktiv"), um sie dem aufnehmenden "intellectus possibilis" (mit dem Gedächtnis verbunden) als dem begrifflichen Erfahrungsschatz einzuprägen. Diese Begriffe leiten nun die Erfahrung und führen zur Gewinnung von neuer Erkenntnis.

Im Zusammenhang mit dieser Erkenntnislehre und weiteren Lehren unterstreicht Thomas die Klassifizierung der Theologie als Wissenschaft. Der Gegenstand der Theologie erschließt sich nach Thomas dem logisch darstellbaren Wissen, nicht einem vernunftslosen Glauben.
Der Glaube darf der Vernunft nicht widersprechen (das wäre sonst dem Menschen wesensfremd und außerdem wider die von göttlicher Vernunft erzeugte Natur).
Glaube und Wissen gehören für Thomas zusammen. Die Philosophie gründet in der (objektiv-vernünftigen) Glaubenslehre.
Den Maßstab für Vernunft findet Thomas bei antiken Denkern sowie deren Bearbeitung durch Araber und Juden.

(vgl. Wulff D. Rehfus: Geschichte der Philosophie I - Antike und Mittelalter, S. 109)

Unter diesen Voraussetzungen konnte Thomas seine Lehre von der natürlichen Ordnung der Welt (ordo naturae) als Metaphysik entfalten. Im Anschluss an Aristoteles und über ihn hinaus hat Thomas die Theorie von Sein, Seiendem und Wesen weiterentwickelt. Er wollte damit Extrempositionen im Universalienstreit des Mittelalters, indem es um die Realität der Allgemeinbegriffe ging, vermeiden und vielleicht sogar das Problem lösen.
Die neuplatonischen Realisten hatten nur den allgemeinen Wesensbestimmungen der Gattung und Art ein Sein zugeschrieben, das Individuum war für sie dagegen nur eine Vereinigung unwesentlicher Merkmale (Akzidenzien).
Die Nominalisten des 12. Jhd.s hielten dagegen nur die von sich aus unverbundenen individuellen Dinge für real, während die Allgemeinbegriffe lediglich subjektive Zeichen seien.
Für Thomas ist diese Kontroverse gegenstandslos gworden, weil er wie Aristoteles vom sinnlich gegebenen Einzelding ausgeht und nach den Bedingungen dafür fragt, dass es so ist, wie es ist.
Die letzten substanziellen Momente jedes Seienden sind die unbestimmte, aber des Bestimmtwerdens fähige Materie und die in sich bestimmte, die Materie bestimmende Form. Beide können nur vereinigt existieren. Die Wesensform der vielen Exemplare einer Spezies prägt sich der aufnahmefähigen Materie stets in gleicher Weise als Qualität ein. Daher ist diese als bloß quantitativ bestimmte (M.) das Prinzip der Individuation. Das Allgemeine hat danach Existenz im Individuum, das seinerseits durch sein Wesen mit den anderen Individuen seiner Art in seinem Sein verbunden ist.

Diese Metaphysik der Seinsanalogie erlaubte es Thomas, die Welt als kontinuiertliche Verwirklichung der göttlichen Vernunft zu konzipieren. Wie der Handwerker sein Werkstück vor seiner Verwirklichung als Form im Kopf hat, so hat Gott die Wesensformen aller natürlichen Dinge von Ewigkeit gedacht und durch die Schöpfung der Materie eingeprägt.
Die überindividuellen und unanschaulichen platonischen Ideen vereinigt Thomas mit den sinnlich gegebenen individuellen Dingen.
Dies war nicht ohne Widerspruch möglich und stieß schon eine Generation später auf die Kritik des ockhamschen Nominalismus.
Dennoch unternahm Thomas einen Anlauf, Allgemeines und Besonderes (spekulativ) zusammenzubringen. Erst mit Leibniz, Hegel u. a. dachte man weiter.

Nach Thomas ist Gott der reine, sich durch sich selbst wissende Intellekt. Er ist vollkommenes Selbstbewusstsein (actus purus), nicht bloß Mögliches, das zu etwas noch nicht Seinendem werden könnte.
In dieser Bestimmung Gottes, die von der neuzeitlichen verschieden ist, liegt der für Thomas charakteristische Primat der Vernunft.
Der Wille Gottes untersteht in diesem Sinne seiner Vernunft, so dass Gott nichts Widervernünftiges wollen kann. Für die Menschen, die Gott durch ihren Verstand ähnlich sind, gilt der Primat des Intellekts über den Willen. Ihre Freiheit liegt nicht in der grundlosen Spontaneität des Willens, sondern in der vernünftigen Erkenntnis dessen, was ist (und was sein soll).
Das reine Selbstverhältnis Gottes wird für den menschlichen Intellekt als "imago trinitatis" (Bild der Dreieinigkeit) bestimmend.

Aus der Unwandelbarkeit des göttlichen Willens folgt die Grundlage des thomasischen Naturrechts.
Da dieser Wille wesenhaft vernünftig ist, können die Menschen das ihrer eigenen Natur entsprechende moralische Gesetz werkennen. Ihre Vernunft ist notwendig gesellschaftlich. Jeder Einzelne kann daher das gesellschaftlich und politisch Gebotene einsehen, ohne durch herrschaftliche Gewalt zum Gehorsam gezwungen zu werden. Der oberste Zweck jedes Gemeinwesens ist aber dessen gemeinsames Wohl (bonum commune). Gegen eine Herrschaft, die gegen diesen obersten politischen Zweck verstößt, ist nach Thomas Widerstand geboten.


QUELLEN UND LITERATUR:

Chenu, M. D.: Das Werk des hl. Thomas von Aquin; Heidelberg/Granz 1960
Heinzmann, R.: Thomas von Aquin. Eine Einführung in sein Denken; Stuttgart 1994
Mensching, G.: Thomas von Aquin; Frankfurt 1995
Rehfus, Wulff D.: Geschichte der Philosophie I - Antike und Mittelalter
Torrell, J.-P.: Magister Thomas. Leben und Werk des Thomas von Aquin; Freiburg (Br.) 1995
-
UTB Online-Wörterbuch Philosophie (Handwörterbuch Philosophie)


Samstag, 24. Juli 2021

ZITATE - STOA & EPIKUREER

STOA


Zenon von Kition


Die Mode ist eine charmante Tyrannei von kurzer Dauer.
(Zenon von Kition)

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Nichts bringt uns mehr vom Glück ab, als dass wir uns nach dem Gerede der Leute richten, statt nach unseren Überzeugungen.
(Seneca)

Der Geist ist der Herr über sein Schicksal: Er kann sowohl Ursache seines Glücks als auch seines Unglücks sein.
(Seneca)

Es sind nicht die Dinge selbst, die uns bewegen, sondern die Ansichten, die wir von Ihnen haben.
(Epiktet)

 


EPIKUREER

Epikur


Selten tritt dem Weisen das Schicksal in den Weg.
(Epikur)

Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.
(Epikur)

Mach dir deine eigenen Götter und unterlasse es, dich mit einer schnöden Religion zu beflecken.
(Epikur)

Mit dem Tod habe ich nichts zu schaffen. Bin ich, ist er nicht. Ist er, bin ich nicht.
(Epikur) 

Tiere und kleine Kinder sind der Spiegel der Natur.
(Epikur)

Wenn du einen Menschen glücklich machen willst, dann füge nichts seinem Reichtum hinzu, sondern nimm ihm einige von seinen Wünschen.
(Epikur)


QUELLEN:

Wikipedia
karlallmer.com

Donnerstag, 31. Dezember 2015

FOUCAULT, MICHEL

 
Michel Foucault

* 15.10.1926, in Poitiers
+ 25.06.1984, in Paris

Michel Foucault (Paul-Michel Foucault) war ein französischer Philosoph, der sich auch mit psychologischen, historischen, politischen und biologischen Themen auseinandersetzte.
Von 1970 - 1984 war er Inhaber des Lehrstuhls für die "Geschichte der Denksysteme" am Collège de France in Paris.
Wirkmächtig wurden seine Theorien auch dadurch, dass er die damals populären Ideen von Karl Marx mit denen von Friedrich Nietzsche verband und somit zu einer kritischen Analyse von Machtstrukturen fand.


JUGEND

Foucault wuchs in den 1920er- und 1930er-Jahren in der Gegend von Poitiers auf und stammt aus einer Familie mit hohen Bildungsansprüchen. Sein späterer Wunsch, Philosophie und Psychologie zu studieren und nicht Medizin traf bei seinem Vater auf wenig Gegenliebe.

1940 bekam er den Krieg mit dem Deutschen Reich mit und die darauf folgende Etablierung des Vichy-Régimes im sog. État Francais. In der Schule wurden Juden und andere jetzt unerwünschte Gruppen schikaniert und Loblieber auf den neuen Staatschef, Marschall Pétain, gesungen ("Marechal, nous voila"). 
1945 bekam Foucault mit, wie plötzlich viele, die eben noch Pétainisten waren, zu Gaullisten oder Kommunisten wurden und behaupteten, im Widerstand gewesen zu sein.

Foucault unterschied sich auch dadurch von der Norm, dass er homosexuell war. Dies bereitete ihm lange Probleme bis hin zu Selbstmordversuchen.


UNIVERSITÄTSLAUFBAHN


Werke

Foucault entschied sich nach der Schule für eine philosophische-psychologische Universitätslaufbahn und publizierte 1961 seine erste größere Studie mit dem Titel "Folie et déraison. Histoire de la folie à l'âge classique" (dt. "Wahnsinn und Gesellschaft"). Dieses ca. 500-seitige Werk, das auch seine Doktorarbeit war, befasst sich mit der Thematisierung und Problematisierung des Wahnsinns in den modernen, abendländischen Vernunftgesellschaften.
Im Jahr 1966 erlangte er internationale Aufmerksamkeit mit seinem Werk "Les Mots et les choses" (dt. "Die Ordnung der Dinge") und ging ab September '66 an die Universität Tunis.
Es folgten 1969 die "Archäologie des Wissens", 1975 "Surveiller et punir" (dt. "Überwachen und Strafen") sowie 1976 der erste Band der "Histoire de la sexualité" (dt. "Sexualität und Wahrheit").
Dieser erste Band namens "La volonté de savoir" (dt. "Der Wille zum Wissen") führt auch den später berühmten Begriff der "Biomacht" ein (vgl. Giorgio Agamben).


Denksysteme

Foucault widmete sich in seinen Werken nicht nur philosophischen, sondern auch historischen, psychologischen und später politischen Fragen. In seiner Lehrzeit war es unter französischen Intellektuellen üblich ("in"), kritisch bis radikal-kritisch aufzutreten. Foucault schloss sich dem auf seine Weise an, war aber nur kurz Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs.
Er präsentierte in seiner Kritik aber nicht nur zeitgeistigen Einheitsbrei, sondern kombinierte z. B. auf spannende Art Marx mit Nietzsche, was ihm in seinen Analysen der Macht half.
Er betrachtete gewisse Rationalitäten und Grunderfahrungen der "westlichen Gegenwartsgesellschaften" kritisch. Begriffe wie Wissen und Wahrheit hinterfragte er genauer. Foucault verwendete mit der Zeit das Wort "Wahrheitsspiele".
In den 1960er-Jahren erforschte er gesellschaftliche Diskurse mit der Methode der Wissensarchäologie, später auch Diskursanalyse genannt.
In den 1970er-Jahren wendete er sich zunehmend der Untersuchung der Wirkungsweisen der Macht zu.
1976 entwickelte er am Ende von "La volonté de savoir" (1. Bd. der "Histoire de la séxualité") den Begriff der "Biomacht", den er aber nicht mehr ganz genau ausführen konnte.
Nach Foucault lebte der Begriff der Biomacht weiter (z. B. Agamben) und wurde mit ihm verbunden.
Kurz gesagt trennte Foucault den Begriff in "anatomische Politik" (Individuum) und "Bio-Politik" (Bevölkerungsregulierung) und führte ihn in den Zuständen und Prozessen Geburtenrate, Alterskurve, Gesundheitszustand etc. aus.
In seinen späten Arbeiten entwickelte und verwendete Foucault zahlreiche Verfahren zur Machtanalyse.
Viele stammten von ihm. Diese "Werkzeuge" ("Werkzeugkisten") waren z. B. die an Nietzsche angelehnte gegenwartskritische Genealogie, der Begriff des Dispositivs und das Konzept der modernen Gouvernementalität.
Foucault wurde häufig dem Poststrukturalismus zugeordnet, obwohl er sich und sein Werk nicht gerne einordnen ließ.


Politischer Aktivismus

Foucault wollte jedoch nicht nur über politisch-philosophische Fragen theoretisieren, sondern sich auch direkt in den politischen Diskurs und die Praxis einmischen. In den frühen 1970er-Jahren setzte er sich mit Jean-Paul Sartre und anderen Intellektuellen für eine Liberalisierung des Gefängniswesens ein.
(In diesem Jahrzehnt gelang auch dem französischen "Superkriminellen" Jacques Mesrine, der durch die chaotische Nachkriegszeit und den Algerienkrieg brutalisiert worden war, die spektakuläre Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis, bis er am Ende des Jahrzehnts in eine ihm gestellte Falle im Straßenverkehr geriet und von Kugeln durchsiebt wurde.)
1977 unterzeichnete Foucault gemeinsam mit weiteren französischen Intellektuellen – darunter Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Louis Althusser, Roland Barthes und Jacques Derrida - eine Parlamentspetition, die eine Legalisierung pädosexueller Kontakte bei einem niedrigen Schutzalter forderte.
Später wurde diskutiert, ob Foucault in seinem Leben selber heimlich - z. B. in Nordafrika - pädophilen Neigungen nachgegangen sein könnte. Dies gilt aber als nicht bewiesen. In den 1970ern-Jahren hatten neben vielen französischen Linksintellektuellen und Alternativenbewegungen auch die entstehenden deutschen Grünen ein aus heutiger Sicht erstaunlich laxes Verhältnis zur Pädophilie.
1978 besuchte er auf Einladung von "Corriere de la Serra" den Iran und spürte die bevorstehende Revolution, mit der er anfangs auch sympathisierte. Aus heutiger Sicht erscheint das kurzsichtig.
In den frühen 1980er-Jahren engagierte Foucault sich mit Pierre Bourdieu für die polnische Gewerkschaft "Solidarnosc".


Sexualität und Tod

Foucault litt wie erwähnt unter der in seiner Zeit noch weit verbreiteten Tabuisierung von Homosexualität und unternahm Selbstmordversuche.
Durch die von den Küstengebieten der USA ausgehende sexuelle Befreiung seit den späten 70ern fühlte er sich angesprochen. Anfang der 1980er-Jahre lehrte er sogar an der Universität von Kalifornien in Berkeley, die damals als besonders rebellisch galt. Nach den Vorlesungen genoss er die größeren sexuellen Freiheiten aktiv in San Francisco.

Leider dauerte für Foucault die Phase der sexuellen Freiheit nicht lange an. Anfang der 80er-Jahre begann sich die auf dem HI-Virus basierende Immunschwächekrankheit AIDS (anfangs: GRID) explosionsartig auszubreiten. Foucault erkannte die Gefahr nicht oder tat sie sogar als amerikanische Hysterie ab.
Dies wurde sein Todesurteil. Er infizierte sich mit dem HI-Virus, bekam AIDS, kehrte Ende 1983 nach Frankreich zurück, hielt im März 1984 seine letzte Vorlesung am Collège de France und wurde dort in das berühmte Pariser Krankenhaus "Hôpital de la Salpêtrière" eingeliefert, über das er vorher geschrieben hatte.
Im Juni 1984 starb Foucault.

Kurz vor seinem Tod sind noch der zweite und der dritte Band von "Sexualität und Wahrheit" erschienen. Der vierte und letzte Band von "Les aveux de la chair" (dt. "Die Geständnisse des Fleisches") wurde sogar erst 2018 herausgegeben.


QUELLEN/LITERATUR:

Wiki
-
Rowohlt-Monographie über Foucault


Power

Samstag, 1. März 2014

KYRENAIKER - GRIECHISCHE PHILOSOPHENSCHULEN

So stellen sich manche den Hedonismus vor.

Philo-Pool

Die Kyrenaiker bildeten eine antike griechische Philosophenschule, die von Aristipp(os) von Kyrene gegründet wurde. Aristipp war ein Schüler des Sokrates. Kyrene liegt an der nord(ost)afrikanischen Küste.
Sie beschäftigten sich mit der Idee des Hedonismus (ἡδονή/hēdonḗ - Lust, Vergnügen, Freude, Genuß).


Aus der Zeit nach Sokrates sind v. a. 4 Philosophenschulen bekannt, die Akademie (Akademiker), der Peripatos, die Stoa und der Kepos. Es gab aber noch einige mehr. Viele sind durch ihn beeinflusst. Einige Lehrer kamen sogar aus Sokrates' Schülerschaft.
Von den Kyrenaikern sind leider keine Ganzschriften erhalten. Es existieren aber noch einige Fragmente.
Ausserdem verfügen wir über zahlreiche Testimonien (Berichte über Leben und Lehre) aus der Antike.
Einige Hinweise gibt auch die Suda, ein byzantinisches Lexikon.

Die Kyrenaiker haben alle eine gemeinsame Theoretische Grundkonzeption. Zur weiteren - auch theoretischen - Unterteilung kann man aber die Familie des Begründers Aristipp von weiteren Vertretern trennen. Einige sehen in deren Lehren sogar eigene Unterschulen.
Zur philosophisch aktiven Familie des Begründers gehören Aristippos von Kyrene, seine Tochter Arete von Kyrene und deren Sohn Aristippos der Jüngere. Die anderen Vertreter wären Hegesias, Annikeris und Theodoros von Kyrene). Darüber hinaus gibt es noch einige heute fast unbekannte Vertreter wie Antipater von Kyrene, Paraibates und Aristoteles von Kyrene.

Auch die ungefähre zeitliche Einordnung der Schule ist möglich. Aristipp von Kyrene war noch ein Schüler des Sokrates, also gehört er in das 5. und 4. Jhd. Seine Tochter und sein Enkel gehören in das 4. Jhd.
Die weiteren kyrenaischen Nachfolger überschneiden sich in ihrem Wirken mit den Nachkommen Aristipps, wirken aber noch bis in das 3. Jhd. fort. Danach fiel es den Kyrenaikern schwer, sich gegen die Anhänger des Platon und des Aristoteles sowie gegen Stoiker und Epikureer zu behaupten.


Die Lehre der Kyrenaiker

Die Lehre der Kyreniker war, wie gesagt, ziemlich einheitlich. Einige Abgrenzungslinien sind aber erkennbar.
Im Zentrum steht die Ethik. Darin orientiert sich die Schule des Aristippos an dessen Lehrmeister Sokrates.
Andere Bereiche der Philosophie wie die Erkenntnislehre (Epistemologie), die Dialektik oder die Naturphilosophie kommen vor allem dann zum Tragen, wenn sie für die Ethik von Relevanz sind.
Eine Beschäftigung mit der Naturphilosophie und speziell der Physik allein galt als wenig nützlich.

Die Ethik wurde in fünf Teilbereiche unterteilt:

- Von dem, was zu erstreben (airetṓn) und zu meiden (pheuktṓn) ist.
- Von den Empfindungen (pathṓn).
- Von den Handlungen (práxeōn).
- Von den Ursachen (aitíōn). [Physik?]
- Von den Beweisen (píseōn).

Man sieht hier, dass einige Punkte auch auf nicht-ethische Disziplinen führen. Bei der Erörterung der "Ursachen" kamen vermutlich auch naturphilosophische und physikalische Themen zur Sprache, bei den Beweisen auch dialektische und logische. Die kyrenaische Erkenntnistheorie ist in Testimonien belegt.


Ethik

Das System der kyrenaischen Ethik geht von der bereits erwähnten Einteilung in fünf Teilbereiche aus.
Die Eigenschaften gut und schlecht sind ausserdem für die Kyrenaiker nur an Empfindungen zu finden. 
Erkenntnistheoretisch kann es ja keine guten und schlechten Dinge geben. 
Gute Empfindungen werden bei den Kyrenaikern mit lustvollen (hēdú) gleichgesetzt, schlechte mit schmerzvollen (lypērón). Das sehe man daran, dass alle Lebewesen die Lust suchten und den Schmerz zurückwiesen. Demnach ist die Lust das "höchste Gut" und das "Ziel all unseres Tuns (télos)". 
Physikalisch betrachtet seien Lust und Schmerz Bewegungen (Qu: Diogenes Laertios, Sextus Empiricus).
Sanfte Bewegungen werden als lustvoll, raue als schmerzhaft empfunden. Einige Kyrenaiker gingen auch von einem dritten Zustand aus, in dem keiner der beiden Empfindungen verspürt werde.
Diese Lustphilosophie wird heute allgemein als Hedonismus bezeichnet. In der philosophischen Diskussion wurde immer wieder darüber gestritten, wie intensiv die Lust und das Streben nach ihr sein sollten.

Im Gegensatz zu den anderen philosophischen Strömungen der Zeit war für die Kyrenaiker die Glückseligkeit (eùdaimonía) nicht das Ziel allen Tuns. Die Eudaimonie war für sie nämlich ein kaum erreichbarer Zustand der ewigen Aneinanderreihung von Lustempfindungen. Stattdessen solle man zeitlich begrenzte Lustempfindungen erreichen. Die Kyrenaiker liessen es dabei offen, wie die Lust erreicht werden könne und ob die Gesellschaft dieses billige. Sie trennten hier nicht "anständig" und "unanständig".
Die als höchstes Gut angesehene körperliche Lustempfindung war für die Kyrenaiker ein körperlicher und seelischer Prozess. Ein von aussen kommender Impuls löst dabei eine innere Bewegung aus.

Laut Diogenes haben die Kyrenaiker auch eine als tiefer stehend gedachte rein seelische Form der Lust gekannt, die chará. Dazu gehörten der Patriotismus und der Kunstgenuss.

Da für die Kyrenaiker die Lust das höchste Gut war, schrieben sie anderen Dingen einen geringeren Wert zu. Reichtum, Freundschaft und Einsicht (phrónēsis) erhalten ihren Wert dann, wenn sie auf Lust bezogen sind.
In manchen Fällen sieht man z. B. besser ein, dass es besser ist, gesellschaftliche Situationen einzuhalten, auch wenn diese willkürlich sind.

Man sollte aufgrund dieser Einsicht auch bestimmte Gefühle wie Neid, Verliebtheit und Aberglauben meiden, da sie mit Schmerz verbunden sind. Diese Gefühle seien aufgrund leerer Einbildungen entstanden, von denen man sich auch durch Einsicht befreien könne.
Neid ist auch eine Einbildung. Verliebtheit ist auch eine Einbildung, weil man glaubt, man könne nicht ohne die Zuneigung einer anderen Person auskommen. Aberglaube ist auch eine Einbildung, nämlich dass man mächtigeren und strafenden Wesen untergeordnet sei.
Eine andere Art von Gefühlen sind Kummer (lýpē) und Angst (phóbos). Hierbei handelt es sich um keine leeren Einbildungen, sondern um natürlich (physikṓs) zustande gekommene Gefühle.
Auch Cicero berichtet in seinen Tusculanae Disputationes, dass man Kummer manchmal vorhersehen und abwenden könne. Dieses Vorherbedenken wird lateinisch "praemeditatio" genannt. Neben mentalem Training empfahlen die Kyrenaiker aber auch körperliches Training (áskēsis).

Aristippos von Kyrene soll als erster den Begriff der Menschlichkeit (anthropismós) in die Philosophie eingeführt haben. Laut mehrerer Quellen hat er auch einen Kosmopolitismus vertreten (Xenophon, Teles von Megara und Plutarch).

Als Hedonisten hatten die Kyrenaiker einen grossen Einfluss auf Epikur und die Epikureer. Da sie nicht zu den 4 "klassichen" Philosophenschulen des Hellenismus gehörten, sind sie bei dieser Thematik leider hinter den Epikureeismus zurückgetreten.


Erkenntnislehre (-theorie)

Die kyrenaische Erkenntnislehre wird bei Sextus Empiricus beschrieben. Im Zentrum steht die These: "Allein die Empfindungen (páthē) werden erkannt und sind untrüglich, von den Dingen, die die Empfindungen hervorgerufen haben, ist dagegen keines erkennbar und untrüglich." Daran ändert sich auch nichts, wenn verschiedene Menschen die gleiche Aussage über die Beschaffenheit eines Dinges tätigen und diese mit "gemeinsamen Wörtern/Begriffen" (koinà onómata) bezeichnen. Nach Ansicht der Kyrenaiker sind zuverlässige Aussagen über die Beschaffenheit der Dinge unmöglich und die Dinge unerkennbar.
Das Zustandekommen von Empfindungen wird als körperlich-seelischer Vorgang betrachtet. Durch die Einwirkung äusserer Gegenstände und Ereignisse werden im Körper Bewegungen (kinḗseis) ausgelöst. Diese werden über die Sinnesorgane in die Seele übermittelt und kommen dort als Empfindungen an. Die Kyrenaiker haben angeblich Sätze wie "Ich sehe etwas Weisses" durch "Ich werde geweisst" ersetzt, um zu zeigen, dass der betreffende Gegenstand nicht die Eigenschaft "weiss" hat. Dieser Ansatz entspricht Erkenntnissen der modernen Optik, nach der eine Farbe keine feste Eigenschaft eines Gegenstandes ist. Allerdings hängt die Farbwahrnehmungen nicht nur vom empfangenen Subjekt ab, sondern auch von der Wellenlänge des auf den Gegenstand auftreffenden Lichtes und von der Oberfläche des Gegenstandes. Allgemeiner sagten die Kyrenaiker: "Ich werde von etwas in einer bestimmten Weise bewegt."