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Freitag, 8. Juli 2016

THEODORE KACZYNSKI ("UNABOMBER")

Crime-Pool

Theodore Kaczynski.jpg
Kaczynski nach der Festnahme

* 22.05.42


Theodore John Kaczynski (Ted K.) ist ein US-amerikanischer Mathematiker und Kritiker der Industriegesellschaft, der seine Anliegen auch mit Terror durchsetzen wollte.


Kindheit

Ted Kaczynski wuchs in Chicago in einer polnisch-jüdischen Einwandererfamilie auf. Hier zeigten sich erste Probleme.
Kaczynskis Eltern lebten in relativ einfachen Verhältnissen und wollten wie viele andere Eltern in einer solchen Lage über ihre Kinder sozial aufsteigen.
Kaczynski wurde schon früh auf schulischen Erfolg und da besonders auf eine mathematisch-naturwissenschaftliche Denkweise getrimmt.
Hinzu kam noch, dass er als Kleinkind nach einem allergischen Medikamentenschock in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, dort wochenlang weitgehend isoliert bleiben musste und danach verändert zurückkam. Kaczynski hatte Schwierigkeiten mit menschlichen Kontakten.
Welcher Faktor als Ursache bedeutender war, hängt davon ab, welche Perspektive die Quelle vermitteln will. Teds Mutter schob die Verantwortung für seine nicht normale Entwicklung auf den Krankenhausaufenthalt, Ted selber äußerte sich in den Briefen an seinen Bruder und in diversen Interviews dahingehend, dass er seine ignorante Familie hasse.
Wie dem auch sei, Ted Kaczynski interessierte sich sehr für den Schulunterricht und hier insbesondere für die Naturwissenschaften und führte auch privat entsprechende Experimente durch. Auch den Nachbarn fiel sein besonderes Verhalten auf.
Häufig wird der Nachbar LeRoy Weinberg zitiert:
„Ted ist ein glänzender Junge, aber absolut ungesellig […] Dieses Kind spielte nicht, nein. Er war ein alter Mann vor der Zeit.“ Ted Kaczynski wandelte immer wieder grußlos durch die Nachbarschaft.
Da Kaczynski zwei Klassen übersprang, konnte er schon 1958 die High-School absolvieren.


Studium

Ted Kaczynskis geistige Fähigkeiten waren so beeindruckend, dass er schon mit 16 ein Stipendium für das Harvard College erhielt.
1962 erwarb Kaczynski einen Bachelor in Mathematik. Allerdings fiel er hier besonders auf. Die etwas elitären Netzwerke der anderen Studenten interessierten ihn nicht. Stattdessen zog er sich in sein Studierzimmer zurück, lernte und dachte nach. Gelegentlichen Besuchern fiel die extreme Unordnung auf. Sein Bachelor war gut, aber nicht herausragend. Offensichtlich hatte Kaczynski innere Probleme und verfranzte sich.
Nach dem Bachelor erwarb Ted Kaczynski an der University of Michigan den Mastergrad und dann noch einen Doktor in Mathematik.
Sein Intelligenzquotient soll bei 165 gelegen haben.
Umstritten ist, in wieweit Kaczynski in seiner Studienzeit auch in psychedelische Experimente des Geheimdienstes CIA (unter Dr. Henry A. Murray) involviert war. Vor allem der Name MKULTRA ist hier das Stichwort.
Es ist wahrscheinlich, dass Kaczynski hier Menschenversuchen unterzogen wurde, es ist aber nicht sicher, ob diese derartige Ausmaße angenommen haben, wie von sog. Verschwörungstheoretikern im Internet spekuliert wird. Es ist auf jeden Fall unwahrscheinlich, dass Kaczynski in seinen späteren Taten gezielt von Geheimdiensten gesteuert wurde.


Akademische Karriere

Kaczynski blieb für seine akademische Karriere zu nächst in Michigan. An der Universität von Michigan war sein Fachgebiet die Funktionentheorie. Kaczynski galt alt komischer Kauz, der in seiner Welt lebt.
Maxwell O. Reade, ein Mitglied des Dissertationsausschusses, sagte dazu: "Ich würde vermuten, dass ihn im ganzen Land ungefähr 10 bis 12 Menschen verstanden und würdigten".
1967 erhielt Kaczynski einen Preis von 100 US$ für seine Dissertationsschrift "Boundary Functions" und galt damit als bester Mathematiker seines Institutes.
In Michigan unterrichtete er drei Jahre lang Studenten (Stipendium: National Science Foundation) und veröffentlichte zwei Artikel mit Dissertations-Bezug. Nachdem er Michigan verlassen hatte, veröffentlichte er noch vier weitere Artikel.

Ted Kaczynski 1968 an der Universität Berkeley


Dann kam es zu einem entscheidenen Wechsel im Leben Kaczynskis. Im Herbst 1967 erhielt er eine Assistenzprofessur an der UCLA Berkeley.
Hier schienen die Karriereaussichten gut und Kaczynski galt als mathematischer Experte. Doch gerade bei Studenten wurde kritisiert, dass er nicht auf ihre Fragen einging.
Kaczynski schien die Stelle aber auch nicht gefallen zu haben, denn im Jahre 1969 kündigte er sie ohne weitere Erklärung. Am Institut versuchte man vergeblich, ihn davon abzuhalten.
Unabhängig von diesen Querelen auf persönlicher Ebene waren die späteren 60er-Jahre eine Zeit der politischen Auseinandersetzungen und die Universität von Berkeley war einer ihrer Kulminationspunkte. Möglicherweise ist das auch ein Grund für Kaczynskis spätere scharfe Kritik an politisch linken Aktivisten.


Schrittweiser Rückzug

Ted Kaczynski erwies sich bislang als intellektuell begabter, aber auch "überzüchteter" Mann. Er war von seinen aufstiegswilligen Eltern überfordert worden, so dass seine sozialen Fähigkeiten unterentwickelt und seine Nerven überlastet waren.

Kaczynski begann, sich aus dem bürgerlichen Leben zurückzuziehen. Dieser Rückzug verlief aber nicht so abrupt, wie das später in den Medien oft dargestellt wurde.

Zunächst wohnte Kaczynski bei seinen Eltern in Lombard, Illinois, einem Vorort von Chicago. Dann zog er sich 1970 in die Berge von Montana zurück. Anfangs lebte er von einem Einkommen als Arbeiter in der Firma seines Bruders. Doch dann wurde er von diesem entlassen, nachdem er sich einer Mitarbeiterin zu offensiv genähert haben soll. Kaczynski behauptete aber später im Gefängnis, dass sein Bruder auf ihn neidisch gewesen sei und ihm deshalb ständig zu schaden trachte.

Interieur von Kaczynskis Hütte ("Cabin")


Kaczynski lebte in Montana als Einsiedler in einer selbstgebauten Holzhütte. [Viele Jahre später wurde diese inzwischen berühmt gewordene Hütte ("Cabin") vom FBI zu Untersuchungszwecken nach Sacramento geschafft und stand in einem Lagerhaus. 2008 brachte man sie ins Newseum nach Washington. Ihre Maße im Erdgeschoss betragen 10 ft. x 12 ft. (3,05 m x 3,65 m), im Obergeschoss mit Spitzgeschoss befand sich ein Lagerraum und eine Giebelöffnung.
Die Hütte war am Anfang recht weit in der Natur gelegen, wurde aber durch Straßenbau wieder näher an die Zivilisation gerückt, was Kaczynski sehr störte. Kaczynski wollte sich autonom aus der Natur versorgen, musste aber auch durch Diebstahl und gelegentliche Jobs seine Ressourcen auffrischen.
Durch die Hilfe seiner Eltern konnte er noch ein erhebliches Gebiet um die Hütte herum erwerben (< 5600 m²).

Ted Kaczynski hat sich anfang der 1970er-Jahre intensiv mit technikkritischen Autoren wie Jacques Ellul befasst. Seine Abneigung gegen die Zivilisation steigerte sich soweit, dass er beschloss, Anschläge gegen Zentren der verhassten Industrie- und Technikgesellschaft durchzuführen.
Kaczynski wollte handeln!
Mai 1978 wurde seine erste Briefbombe auf dem Parkplatz der Universität Chicago in Illinois gefunden. Die Postsendung war an einen Materialwissenschaftler der Northwestern University adressiert.
Der Wissenschaftler konnte mit der Post nichts anfangen und reichte sie an die Polizei weiter. Dafür explodierte die Bombe aber auf einer Wache und verletzte einen Polizisten. Mit der Zeit häuften sich solche Fälle, so dass das FBI schließlich eine Arbeitsgruppe unter der Rubrik "Unabomb" bildete. Später wurde daraus der Begriff Unabomber.
Im Jahre 1985 forderte eine seiner Briefbomben das erste Todesopfer. Ein Besitzer eines Computergeschäfts in Sacramento.
...


Das Manifest

Nach einer Serie von Anschlägen machte Kaczynski das Angebot, die Anschläge einzustellen, wenn man ihn (s)ein Manifest veröffentlichen lassen würde. Er schickte es mit dem Angebot an die Adressen der New York Times und der Washington Post.
Zuerst war die Presse widerstrebend und schloss sich mit den Behörden kurz. Nach längerer Überlegung rang man sich aber durch, zuzustimmen, um darüber vielleicht Hinweise auf den Täter zu bekommen.
Im Juni 1995 war es dann so weit: Das von Kaczynski verschickte Manifest war 35.000 Wörter lang und trug den Titel "Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft (Industrial Society and Its Future). Später wurde es bekannt als "Das Manifest des Unabomber" (The Unabomber's Manifesto).
Das Manifest wurde am 19. September 1995 in beiden angeschriebenen Zeitungen gedruckt. Vorher gab es eine Rücksprache mit dem FBI und der Staatsanwaltschaft. Auch einige Auszüge waren bereits bekannt.
Der Autor ist offiziell mit "FC" abgekürzt, was für Freedom Club steht. Er gibt an, eine Gruppe zu sein, die über 20 Jahre lang Attentate begangen habe.
Die Grundthese des Manifestes ist, dass die Technisierung der Gesellschaft diese zerstört und deshalb aktiv bekämpft werden muss.
Diese wird durch mehrere Nebenthesen ergänzt, z. B. die, dass die politische Linke ungeeignet für diesen Kampf ist, weil sie nur so tue, als sei sie unangepasst, aber ihre Repräsentanten in Wirklichkeit zu den angepasstesten Menschen gehörten. Die Linke kann somit Teil des Problems werden. Der Autor liefert eine genaue Analyse der linken Psyche aus seiner Sicht.
In seiner Hauptthese, dass die Industrialisierung und Technisierung der Gesellschaft diese nach unten ziehe, nimmt Kaczynski sehr radikale Thesen ein. Er räumt zwar ein, dass die Technik die Lebenserwartung des Menschen erhöht und gewisse Erleichterungen gebracht habe, zählt aber eine lange Reihe von Nachteilen der Technisierung auf und charakterisiert ihre Wirkung als zersetzend. Kaczynski beschreibt besonders die psychischen Wirkmechanismen der Technik. Seiner Meinung nach überfordere sie den Menschen immer mehr und mache z. B. einen immer höheren Konsum von psychotrophen Medikamenten erforderlich. Gleichzeitig redeten sich viele Menschen trotz gewisser Antipathien ein, die Technisierung sei gut für sie. Kaczynski hält es aber für legitim, die Technik GEGEN das System und die es stützenden Machteliten einzusetzen. Dies beschleunige seinen Sturz, der aber notwendig so oder so kommen müsse.
Entscheidend sei aber: Die Technokratie raube dem Menschen die Freiheit!
Kaczynski kritisiert gleichzeitig die primitivistische Bewegung als zu reformistisch. Auf diese Details ging er aber erst später - nach seiner Verhaftung - genauer ein.


Verhaftung und Nachspiel

Das Manifest, das den Unabomber so berühmt machte und das sogleich im damals erst aufkommenden WWW seine Verbreitung fand, war zugleich auch das Ende der Freiheit von Ted Kaczynski.
Die Polizei fand zwar wenige Spuren an den eingeschickten Dokumenten selber, aber ihre Hoffnung, jemand könne den Duktus der Sprache wiedererkennen ging auf. Teds Bruder, David Kaczynski, entdeckte - wahrscheinlich nach Stichwortgabe seiner Frau Linda - Ähnlichkeiten zur Diktion seines Bruders. Am Anfang war er sich nicht sicher, aber dann stellte er bei der vergleichenden Lektüre der Schriften seines Bruders und des Manifestes fest, dass er ab einem gewissen Punkt nicht mehr wusste, welche er dieser Schriften er vor sich habe. Die Ähnlichkeit war frappierend. Schließlich informierte er unter Einschaltung von Anwaltskanzleien das FBI. Er wollte bei den Verhandlungen erreichen, dass seinem Bruder, sollte er es gewesen sein und sollte er gefasst werden, nicht die Todesstrafe drohe. Auch wollte er vermeiden, dass es bei der Festnahme zu einer Belagerung mit Schießereien wie in Waco oder Ruby Ridge käme. 
Die Behörden stimmten nach einigem Zögern zu und suchten dann in der Wildnis, wo Ted Kaczynski ungefähr vermutet wurde, Spuren von ihm. Nach einiger Suche stießen sie auf seine archaische Hütte und fanden schließlich ein ganzes Netzwerk davon. Ted wurde ebenfalls gefasst.
In seiner Hütte fanden sich belastende Schriften, die zwar verschlüsselt waren, aber bei weiteren Durchsuchungen fand man auch Schlüsselmaterial dazu.

Außerdem überprüfte man, ob es Verbindungen zum Fall des Zodiac(-Killers) bestünden, der in den 60ern- auf die 70er-Jahre in der Bay Area von San Francisco aktiv war, als Ted Kaczynski dort an der Universität lehrte. Allerdings war Kaczynski in fünf Fällen nicht vor Ort und seine Fingerabdrücke stimmten nicht mit denen des Zodiac überein.

Ted Kaczynski leugnete erst, der Unabomber zu sein, weil er noch hoffte, davon prozesstaktisch zu profitieren, und sprach in hypothetischem Ton vom Unabomber
Doch mit der Zeit wurde das obsolet. Das Gericht verurteilte ihn zu lebenslanger Haft ohne Möglichkeit einer Bewährung, worauf er in das Hochsicherheitsgefängnis ADX in Florence gebracht wurde, wo auch viele andere prominente Häftlinge einsaßen und einsitzen.

Dort verbrachte Kaczynski ein für Häftlinge untypisches Leben. Er las und schrieb viel.
Einige seiner Schriften wurden publiziert und erläuterten für die Öffentlichkeit die Ideen des Manifestes genauer.  Bei den Editions-Regeln erwies sich der Autor als ausgesprochen pingelig.
Kaczynski in ihnen insbesondere, wie er seine Begeisterung für Mathematik aufgab und sich, begeistert durch die Schriften Jacques Elluls, für die Industrie- und Technikkritik zu interessieren begann. Gleichzeitig beschrieb er, wie sein Versuch, immer autarker in der Natur zu leben, von Schwierigkeiten begleitet war und lieferte Vergleichsstudien über Urvölker und das Überleben in der Natur an sich.
Kaczynski kritisiert wiederum andere Technikkritiker als zu reformistisch.
Trotzdem und trotz seiner Anschläge gibt es primitivistische Autoren wie John Zerzan und John Moore, die ihn trotz distanzierter Ansichten zu seinen Ideen und Aktionen verteidigten.

In Haft erhielt Kaczynski - ähnlich wie der prominente Charles Manson - so viel Post, dass er sie kaum sichten, geschweige denn beantworten konnte.
Er freute sich auf jeden Fall immer über Bücher, besonders zum Lernen von Sprachen. Aufgrund der Regularien des Gefängnisses mussten die Umschläge aber weich sein.

Eine Berühmte Kontaktaufnahme fand durch den deutschen Filmemacher Lutz Dammbeck statt, der über den Unabomber und die Technisierung der Gesellschaft seit dem Zweiten Weltkrieg einen Dokumentarfilm machen wollte, der dann unter dem Namen "Das Netz" (The Net) weltweit berühmt wurde. Der Film erschien 2003 und abgewandelt 2004. Das Buch "Das Netz - die Konstruktion des Unabombers", erschien 2005 (bei Nautilus, Hamburg).
Auf Anregung von Lutz Dammbeck hat Theodore Kaczynski auch eine autorisierte Fassung des Manifests erstellt, deren deutsche Übersetzung 2005 erschien.

Ted Kaczynski äußerte sich auch zu tagespolitischen Themen. Den Golfkrieg 2003 gegen den Irak begrüßte er anfangs, weil er meinte, dass man verhindern müsse, dass die Diktatoren auf der Welt Massenvernichtungswaffen bekämen. Doch dann meinte er, dass hier die Öffentlichkeit wieder einer großen Täuschung aufgesessen sei und gab vor, im Gefängnis nicht Zugang zu allen möglichen Informationen gehabt zu haben.
Auch zur Snowden-Affäre äußerte Kaczynski sich. Er sah hier wieder seine Warnung vor einer Technisierung der Gesellschaft bestätigt, meinte aber, man solle in der Öffentlichkeit nicht so tun, als ob nur die USA solche Dinge täten und Russland, China und andere Mächte nicht.



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