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Samstag, 13. Juni 2026
PODCAST: SYSTEMFRAGEN UND IDENTITÄTSFRAGEN
Wir müssen immer wieder feststellen, dass Menschen in politischen, sozialen oder sonstigen Systemen leben, ohne diese selbst bewusst wahrzunehmen.
Und selbst wenn sie sie wahrnehmen, halten sie diese schnell für gut und richtig, ohne sie zu hinterfragen oder sich weitere Gedanken zu machen.
Sie machen sich auch überhaupt keine Gedanken über alternative Systeme.
Wenn man die deutsche Geschichte im 20. Jhd. betrachtet, so hatte das Land fünf oder sechs verschiedene Systeme:
Das Kaiserreich bis zum Ersten Weltkrieg, dann die weiterhin Deutsches Reich genannte Weimarer Republik, das Nazireich und nach dem Zweiten Weltkrieg dann die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik, die 1990 die neue Bundesrepublik Deutschland formten.
Interessant ist, dass diese fünf Systeme völlig andere Weltanschauungen vertraten und im Inneren auch ganz anders strukturiert waren.
Trotzdem hatte jedes dieser Systeme seine Lehrer, Richter, Politiker usw., die so taten, als ob das jeweils herrschende System gut sei.
Das heißt nicht, dass es auch nicht seine guten Seiten hatte, aber viele Menschen machen sich über die Vor- und Nachteile ihres Systems wenig Gedanken.
Bein den Übergängen von einem System zum anderen gibt es manchmal Kriege, manchmal Bürgerkriege, manchmal Revolutionen, Putsche oder was auch immer.
Aber immer wird offiziell so getan, als ob das jeweils neue System etwas Besonderes sei.
Aber war das denn so?
Und gibt es denn neben diesen Brüchen nicht auch Kontinuitäten?
Wo waren denn diejenigen, die z. B. nach 1945 die neuen Deutschlands gefeiert haben, VOR 1945. Waren die denn wirklich alle von ihnen im Widerstand?
Und wieso gibt es Menschen, die es schaffen, in JEDEM System oben auf zu sein?
Interessant ist auch: Was VOR dem Systemwechsel noch illegal war, kann plötzlich NACH dem Wechsel legal sein.
Dieses Kalkül kann aber auch schief gehen: Denn in den Rebellionsjahren 1967 und 1968 glaubten viele Neomarxisten, dass eine baldige Revolution ihre revolutionären Aktionen und Reden legalisieren würde. Aber dazu kam es nicht.
Schauen uns einmal andere Länder an:
1. Frankreich
Im Geschichtsunterricht lernt man, dass 1789 in Frankreich die Französische Revolution stattgefunden hat. Aber war das denn wirklich so ruckartig?
Oder war das nicht in Wirklichkeit ein Prozess mit vielen Schüben?
Und waren überhaupt alle damit einverstanden?
Haben in Frankreich wirklich alle, die ab 1789 die Revolution bejubelt haben, vorher gegen den König Widerstand geleistet?
War es nicht gerade Maximilien de Robespierre, der so viele Gegner der Republik hat köpfen lassen, der selber auf das elitäre Lycée Henri IV. gegangen ist und dort als Schüler noch eine Lobesrede auf den König gehalten hat?
Und hat nicht ausgerechnet die Republik, die die Monarchie bekämpft und den König und seine Frau geköpft hat, die monarchistische Tendenz zur Zentralisierung Frankreichs fortgeführt?
Was wurde überhaupt aus den Gegnern der Revolution? In der Vendée gab es langwierige Aufstände, die erst mit äußerster Brutalität niedergeschlagen werden konnten. Und als Napoleon im Juni 1815 in Waterloo verlor, wurde in Frankreich für rund 15 Jahre die Monarchie wieder hergestellt.
Noch bis ins 20. Jhd. sollten die Gegner der Republik stark bleiben. Anfangs waren es vor allem Monarchisten, dann im frühen 20. Jhd. an den italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus angelehnte antirepublikanische Kräfte.
Auch von der radikalen Linken wurde die Republik immer wieder bekämpft.
Als sich dann nach gescheiterten Parteigründungen auf der Rechten der Front National durchsetzte, der später Rassemblement National genannt wurde, war man sich dort nicht einig, ob man für eine autoritäre neue Republik, für eine restaurierte Monarchie oder für eine Militärdiktatur à la Vichy sein sollte.
2. Die USA
Die USA feiern jedes Jahr am 4. Juli Ihren Unabhängigkeitstag.
Sie nehmen damit Bezug auf den 4. Juli 1776.
Man stellt es so dar, als ob man sich damals die Freiheit vom britischen Joch erkämpft habe. Eigentlich begann der Unabhängigkeitskrieg schon 1775.
Aber haben nicht die vielen Siedler, die sich ab 1775 plötzlich als Amerikaner sahen und nicht mehr als Briten oder Europäer, noch kurz davor in den French and Indian Wars zusammen mit offiziellen britischen Truppen, die man später abfällig Rotröcke nannte, gegen die Franzosen und deren verbündete Indianerstämme gekämpft?
Waren denn nicht diejenigen, die plötzlich voller Hass gegen die Briten und für ihre Unabhängigkeit von London kämpften, vor kurzem selber noch Briten?
Und was ist mit der nicht unerheblichen Zahl der Loyalisten, die Teil von „British America“ bleiben wollten? Man geht von bis zu 30 % der Bevölkerung aus. So genau ist das nicht zu messen, weil sich damals viele Loyalisten nicht offiziell zu ihrer Gesinnung bekennen durften. Einige flohnen nach Boston, dem Machtzentrum der Briten, andere leisteten in abgelegenen Gebieten Widerstand. Nach der Niederlage 1783 flohen viele Loyalisten ins heutige Kanada oder in die Karibik – oder sie passten sich der neuen Lage und dem neuen System an.
Die Motive für den Unabhängigkeitskrieg werden bis heute kontrovers diskutiert.
Ging es um Freiheit von Bevormundung und Besteuerung? Ging es darum, dass man die Indianer noch wirksamer unterdrücken wollte, als es die Britische Regierung zuließ?
Hatte man Sorge, dass die Briten Tendenzen zur Abschaffung der Sklaverei nachgaben?
Und welchen Klassen und Schichten diente eine Unabhängigkeit der USA besonders?
Auffällig ist auch, dass Frankreich die anfangs nicht besonders erfolgreichen amerikanischen Siedler deshalb unterstützte, um sich für die vorhergehende Niederlage in den „French and Indien Wars“, besonders im letzten von 1754 - 1763 zu rächen.
3. Russland
In Russland hat Lenin gegen Ende des Ersten Weltkrieges mit seiner Kommunistischen Partei und seiner Bewegung den Zaren hinweggefegt und am Ende die Zarenfamilie erschießen lassen. Er hat aber auch bürgerliche Revolutionäre und sogar linke Gegner beseitigt. Manche Gegner konnten ins Ausland fliehen.
Der Sieg der Kommunisten ist insofern erstaunlich, weil eine mögliche Revolution lange gar nicht von den anfangs schwachen Kommunisten vermutet wurde, sondern eher von den Narodniki (oft mit Volkstümler übersetzt) oder den Anarchisten.
Zuerst war die Revolution also noch vielfältiger, dann setzten sich die Kommunisten und insbesondere die Bolschewisten durch.
Aber dann hat Lenin das gemacht, was seine Kriegsgegner im Bürgerkrieg, die sogenannten „Weißen“ forderten:
Er hat Russland durch seinen Sieg im Bürgerkrieg wieder geeinigt, zentralisiert und gestärkt.
Lenin stammte übrigens selber aus einer gehobenen Klasse und sprach ein gehobenes Russisch und nicht das der von ihm hofierten Arbeiter und Bauern.
Lenin und seine Verbündeten haben nach dem Gelingen der Revolution in vielen Punkten das Gegenteil von dem gemacht, was sie vorher noch angekündigt hatten:
Aufstände nationaler Minderheiten, die sie anfangs selber begrüßt hatten, ließen sie niederschlagen.
Die Anarchisten, die eine wichtige Rolle in der Revolution gespielt hatten, luden sie zu freundschaftlichen Gesprächen ein, um sie dann dabei zu massakrieren.
Die Ergebnisse des Friedens von Brest-Litowsk annulierten sie, was insbesondere in der Ukraine heute als problematisch gesehen wird.
In der Folge blieb die Sowjetunion zwar bis 1991 nominell sozialistisch, führte de facto aber das 1917 übernommene Russische Reich fort. Wir haben auch hier wieder eine Revolution mit Brüchen und Kontinuitäten.
Als marxistischer Staat kritisierte die Sowjetunion zwar den Kolonialismus und Imperialismus westlicher Mächte, aber interessanterweise nie den eigenen, der das Land erst zum größten Flächenland der Erde geformt hat.
4. Der Iran (Persien)
Im Iran verhält es sich nicht viel anders. Aktuell ist das Land 2026 durch den Krieg wieder in den weltweiten Medien.
Auch im Iran gab es eine Revolution, die ungefähr 1978 und 1979 stattfand, aber auch Vorläufer hatte.
Auch hier muss man fragen:
Waren Ende der 1970er-Jahre wirklich fast alle Iraner eingefleischte Revolutionäre, bis auf diejenigen, die ins Ausland flohen?
Haben nicht viele von ihnen in den Jahren zuvor selber noch dem Schah von Persien zugejubelt?
So z. B. am 15. Oktober 1971, als Mohammad Reza Pahlavi anlässlich der 2500-Jahr-Feier der Iranischen Monarchie in der Ruinenstadt Persepolis eine gigantische historische Parade abhalten ließ.
Die Opposition gegen den Schah war anfangs mehrheitlich links oder linksnationalistisch motiviert und wurde dann von religiösen Kräften gekapert.
Über die Gründe mag man diskutieren: Waren die Religiösen im Auftreten medial stärker? Oder konnte man sich unter den Augen der Geheimpolizei SAVAK besser in einer Moschee oder in einer Religionsschule verstecken als in einem linken Diskussionskreis?
Es ist seltsam, dass Ayatollah Chomeini, der dann als Revolutionsführer die Monarchie stürzte, zwar dem Schah vorwarf, nicht genug zur Bekämpfung der Armut getan zu haben, selber aber in den 1960er-Jahren noch die Weiße Revolution des Schah bekämpft hat, die ja gerade die Armut bekämpfen sollte. Die Weiße Revolution war zwar in sich mit Fehlern besetzt, hatte aber durchaus ihre guten Seiten.
Nicht nur reiche Großgrundbesitzer, sondern auch der reiche Klerus opponierte damals gegen die Weiße Revolution.
Auffällig ist auch, dass es Chomeini und seinen Anhängern viele Propagandalügen gelangen. So hatten religiöse Netzwerke am 19. August 1978 viele Kinos angezündet, die sie als zu westlich ansahen. Dabei starben beim Brand des Cinema Rex in Abadan über 400 Menschen. Diese schoben die Religiösen dem Schah und seiner Geheimpolizei in die Schuhe und konnten so die herbeigesehnte revolutionäre Stimmung weiter anfachen.
Es ist bis heute erstaunlich, dass religiöse Fanatiker hunderte Menschen ihrer eigenen Bevölkerung umbringen können und dafür von derselben Bevölkerung an die Macht gebracht werden.
Conclusio:
Man erkennt an diesen Beispielen leicht, wie volatil nicht nur die Menschheitsgeschichte mit ihren System ist, sondern auch wie volatil sich die Anpassung der Menschen an diese Systeme vollzieht und wie volatil sie ihre vorher noch gefeierte Identität preisgeben.
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