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Dieser Universal-Blog ist aus einer Seite für Geschichte, Politik und Realienkunde hervorgegangen und hat sich in Richtung Humanwissenschaften weiterentwickelt.
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Sonntag, 17. August 2025

DIE BARRACKEN-ANARCHISTEN (ANARCHICI DELLA BARACCA)

16.08.2025 

ἀναρχία | anarchía (pixabay.com)

Die "Baracken-Anarchisten" (Anarchici della Baracca; Barracks Anarchists) waren eine Gruppe aus fünf jungen Erwachsenen, die ihr Leben in einem Autounfall in der Nacht das 26.09.1970 verloren haben.
Der Unfall ereignete sich auf ihrem Weg nach Rom.
Die Umstände des Unfalls sind äußerst verdächtig. Die Anarchisten waren gerade dabei, Dokumente, die die Kollaboration von italienischen Spitzenpolitikern mit Neofaschisten und mit der Organisierten Kriminalität belegen sollten, abzuliefern.
Insbesondere ging es um das Gioia-Tauro-Massaker vom 22.07.1970 und um die Reggio-Revolte.

Der Name der Gruppe stammt von der Freiheitsvilla ("Baracca") bei Reggio Calabria, bei der sich seit den 1960er-Jahren alternative und anarchistische Jugendliche trafen.
Die Freiheitsvilla wurde 1908 nach dem Erdbeben von Messina erbaut.

Die Opfer des Autounfalls waren:

  1. Gianni Arico (22)
  2. Annelise Borth (18)
  3. Angelo Casile (20)
  4. Franco Scordo (18)
  5. Luigi Lo Celso (26) 


HINTERGRUND

Gianni Aricò, seine deutsche Freundin Annelise "Muki" Borth, Angelo Casile, Franco Scordo und Luigi Lo Celso hatten sich zum Ziel gesetzt, zwei Ereignisse zu dokumentieren, die beide  im Sommer 1970 stattfanden:

  • die Reggio-Revolte
  • die Entgleisung des "Sonnenzugs" am 22.07.1970 


Ihre Vermutung war, dass Neofaschisten vom Ordine Nuovo (Neue Ordnung) und von der Avanguardia Nazionale die Ereignisse der Reggio-Revolte infiltriert hatten und darauf aus waren, diese für subversive Zwecke zu nutzen.

Sie gingen außerdem davon aus, dass die Entgleisung des "Sonnenzugs" am 22.07.1970 in Gioia Tauro durch eine Sprengladung verursacht wurde, die von Neofaschisten in Zusammenarbeit mit der 'Ndrangheta verursacht wurden.

Die Gruppe unternahm eigene Recherchen zu diesem Thema. Sie operierte dabei in der Nähe der "Italienischen Anarchisten-Föderation" (FAI) und galt als "Bruno-Misefari-Gruppe".

Als die Gruppe in ihren Recherchen weit gekommen war, wollte sie nach Rom fahren, um das Material dort der "Umanità Nova" zu übergeben und den Rechtsanwalt Di Giovanni zu treffen, der sich bereits mit den Untersuchungen zum Bombenanschlag auf der Piazza Fontana befasste.

Insbesondere Gianni Aricò hatte im Vorfeld seiner Mutter gesagt, dass er Sachen entdeckt habe, "die Italien erschüttern werden".
Möglicherweise hatte die Gruppe aber nicht konspirativ genug agiert, denn am Ende kam es nicht zur Veröffentlichung des Materials.


DER AUTOUNFALL

Die Fahrt, die mit der Ankunft von US-Präsident Richard Nixon in Rom und geplanten Gegenprotesten zusammenfallen sollte (27.09.1970), endete 58 km vor Rom.

Zwischen Ferentino und Frosinone kollidierte ihr Mini mit einem Lkw und wurde unter diesen geschoben. Angelo Casile, Franco Scordo und Luigi Lo Celso waren auf der Stellt tot. Gianni Arico und Annelise Borth starben kurze Zeit später.

Am Dienstag, den 29.09.1970 fanden die Beerdigungen von Angelo Casile, Francesco Scordo und Gianni Aricò in Reggio Calabria statt, während Luigi Celsos Beerdigung zeitgleich in Cosenza stattfand.


UNTERSUCHUNGEN

Am 28.01.1971 verwies die Öffentliche Strafverfolgungsbehörde von Rom die Untersuchungen zum Fall zurück an die Strafverfolgungsbehörde von Frosinone. Der Untersuchungsrichter entschied per Dekret, dass der Fall als Unfall im Straßenverkehr zu betrachten sei.

Viele Menschen waren mit dieser "offiziellen Version" der Ereignisse nicht einverstanden.
Private Ermittlungen brachten zu Tage, dass der von zwei Männern gesteuerte Lkw für eine Firma fuhr, die "Prinz" Junio Valerio Borghese gehörte. Genau dieser Borghese galt als rechtsextrem und wollte wenige Wochen darauf einen Staatsstreich starten, der aber kurz nach dem Beginn aus bis heute ungeklärten Gründen abgeblasen wurde.

Borghese stammte aus einer angesehenen Familie und war im faschistischen Italien ein hoher Marineoffizier. Nach dem Sturz Mussolinis 1943, seiner anschließenden Befreiung durch die Nazis und seiner Einsetzung als Oberhaupt der "Republik von Salò" (Repubblica Sociale ItalianaRSI) arbeitete Borghese mit Feuereifer für die RSI. Auch nach dem Krieg bereute er nichts und hielt an seinem Kurs fest.
Zuerst engagierte er sich im politisch organisierten und mit der Zeit etablierten Neofaschismus. Allerdings war er so rechts, aktivistisch und antidemokratisch, dass er sogar diesen etablierten Neofaschisten zu rechts war.

Der Staatsstreich namens "Golpe Borghese" sollte wahrscheinlich in der Nacht vom 07. auf den 08.12.2025 durchgeführt werden (Pearl Harbor!). Gerüchte besagen, dass die Haltung der USA - insbesondere von Akteuren aus Politik, Militär und CIA - nicht einheitlich war. Für einen wirksamen Putsch hätte Borghese auch der NATO unterstellte Verbände benötigt, was eine Zustimmung oder wenigstens Duldung aus Washington vorausgesetzt hätte.
Man darf jedoch nicht vergessen, dass damals die NATO-Mitglieder Spanien, Portugal und Griechenland bereits Militärdiktaturen waren. Und in der Türkei griff das Militär wiederholt in die Politik ein, und zwar als Folge von wirklichen oder inszenierten Bedrohungen durch linke Kräfte innerhalb der Türkei. Insofern sahen sich die italienischen Putschisten "im Trend".

Veröffentlicht wurde der geplante Staatsstreich erst am 18.03.1971 in der "Paese Sera", der Nachmittagsausgabe der/des eher linken "Il Paese".

Junio Borghese floh mit einigen Verbündeten nach Spanien. Dort herrschte noch Diktator Franco. Auffälligerweise starb Borghese bereits im August 1974 in seinem Exil an einem Herzinfarkt. Gerüchte reißen nicht ab, dass er von rechten Kameraden vergiftet wurde.
Aber wenn es so war, was war dann das Motiv?

  • allgemeine Machtkämpfe unter Rechtsextremen
  • "Bestrafung" für die Unentschlossenheit beim Putsch
  • Borghese wusste zuviel
  • eine Mischung verschiedener Faktoren

 

 



PIERRE DRIEU LA ROCHELLE

16./17.08.2025; 23.08.2025

 

Pierre Drieu la Rochelle (1938)

* 03.01.1893 in Paris
+ 15.03.1945 in Paris 

Pierre Eugène Drieu la Rochelle war ein französischer Schriftsteller.
Er stammte aus einer bürgerlichen Familie, mit deren Doppelmoral er nicht zufrieden war. Mit 21 Jahren nahm er am Ersten Weltkrieg teil und wurde dadurch wie viele desillusioniert.
Nach abgebrochenem Jurastudium wurde er Schriftsteller und flirtete zuerst mit der extremen Linken und dann mit der extremen Rechten, was sich gegen Ende der deutschen Besatzungszeit und mit dem Sieg der Gaullisten für ihn als fatal erweisen sollte.
Drieu La Rochelle galt als Dandy par excellence.

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JUGEND

Pierre Drieu la Rochelle war der Sohn eines Rechtsanwaltes aus einer alten normannischen Familie und der Tochter eines Architekten. Der Namenszusatz "La Rochelle" geht auf den militärischen Spitznamen eines Vorfahrens (Pierre Drieu) aus der Zeit der Revolutionskriege zurück. Obwohl die Familie als angesehen galt, war die Ehe der Eltern Drieus instabil. Der Vater galt außerdem als verschwenderisch. Drieu erhielt dann emotionale Zuflucht bei seinem Großvater mütterlicherseits, Eugène Lefebvre.

Drieu la Rochelle wurde von seinen Eltern auf eine katholische Knabenschule geschickt. Dort kam er mit idealistischen und mit altsprachlich-humanistischen Gedanken in Berührung. Nach eigener Darstellung wurde er jedoch schon mit 14 Atheist, wobei er sich an Friedrich Nietzsches "Zarathustra" orientierte. 

Nach der Schule begann Drieu la Rochelle schon vor dem Ersten Weltkrieg ein Jurastudium. Bei den Prüfungen konnte er sich jedoch nicht bewähren.

DER ERSTE WELTKRIEG

Dafür meldete er sich freiwillig als Soldat für den Ersten Weltkrieg. Ohne den übertriebenen Enthusiasmus manch anderer empfand er dennoch die Strukturiertheit des Soldatenlebens als positiv. Drieu bemerkte eher kühl, dass er sich den Deutschen entgegenstellen wolle.

Drieu la Rochelle diente in der Infanterie und in der Artillerie, neben französischen Kriegsschauplätzen wie Verdun auch auf den Dardanellen, wurde mehrfach verwundet und stieg bis 09.1918 zum Adjutanten (Hauptfeldwebel) auf.
Ähnlich wie deutsche Kriegsautoren wie Ernst Jünger verarbeitete auch Drieu la Rochelle seine Kriegserlebnisse in Büchern, z. B. der "Comédie de Charleroi". 
Das Ende des I. Weltkrieges stürzte ihn in eine Sinnkrise.


ZWISCHENKRIEGSZEIT UND POLITISCHE SUCHE

Zuerst flirtete Drieu la Rochelle mit dem Trotzkismus, wandte sich aber dann einer chauvinistischen Lebenseinstellung zu, was der autobiographisch inspirierte Roman Gilles (die Unzulänglichen) darlegt.

Drieu La Rochelle arbeitete für André Gides Literaturzeitschrift "Nouvelle Revue Francaise" (NRF), die später unter der deutschen Besatzungszeit eine unrühmliche Rolle spielen sollte. Auch hatte er Kontakte zum Surrealismus. Seine Freunde waren André Malraux, Louis Aragon und Antoine de Staint-Exupéry.

Von 1917 bis 1925 war er mit der Jüdin Colette Jéramec verheiratet. Später retterte er sie und ihre beiden Kinder aus zweiter Ehe aus dem Sammellager Drancy.
Danach hatte er zahlreiche Affähren, u. a. mit Victoria Ocampo und Christiane Renault (der Ehefrau von Louis Renault).

Drieu galt im Politischen wie im Privaten als sehr wankelmütig. Sein Schreibstil war aber präzise und beschrieb und enttarnte genau das menschliche Verhalten.
Zwischen den Weltkriegen schrieb Drieu in seinen Werken über die Dekadenz der französischen Oberschicht. Ein Klassiker aus dieser Zeit war "Rêveuse bourgeoisie", auf Deutsch: "Die verträumte Bourgeoisie". Gemeint war mit Bourgoisie das als dekadent geltende (Groß-)Bürgertum. Auch im Deutschen verwendete man oft den französischen Begriff. Man denke nur an die Werke von Karl Marx und Friedrich Engels.

Drieu la Rochelle knüpfte Kontakte zu Schriftstellerkollegen wie Jacques Rigaut. Dessen Suizid traf ihn schwer und beeinflusste das Buch "Le Feu follet" bzw. "Das Irrlicht". Noch heute gilt die Erzählung Literaturwissenschaftlern als eine eindringliche Schilderung menschlichen Scheiterns.

Drieu gilt außerdem als früher Entdecker des Werkes von Jorge Luis Borges, der als Mitbegründer des Magischen Realismus' gilt. Drieu besuchte Anfang der 1930er Borges sogar in Buenos Aires.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Borges auch für seine Konkurrenz und gleichzeitig für seine Gespräche mit Ernst Jünger bekannt.


WACHSENDER FLIRT MIT DEM FASCHISMUS

Politisch flirtete Drieu la Rochelle weiter mit diversen Tendenzen.
Der Antibourgois intensivierte in der 2. Hälfte der 1920er seine Kontakte zum Industriellen Ernest Mercier und seiner konservativ-antiparlamentarischen Bewegung "Redressement francois".
Anfang der 1930er-Jahre unterhielt er dagegen Kontakte zum linksliberalen Parti radical.
Ab etwa 1934 freundete er sich zunehmend mit dem französischen Faschismus an.
Man muss dazu wissen, dass 1933 Hitler in Deutschland an die Macht kam und 1934 ein halbherziger Putschversuch rechter Gruppen in Paris scheiterte.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Frankreich noch eher patriotisch-konservativ gestimmt. Nach verschiedenen politischen Skandalen und sozialen Spannungen kam es dagegen immer mehr zu einer politischen Polarisierung zwischen Links und Rechts.
Drieu entschied sich immer mehr für die revolutionäre Rechte und trat 1936 der Parti Populaire Francais von Jacques Doriot bei, der übrigens selber früher Kommunist war, dann aber in der eigenen Partei in Ungnade geraten ist.
In der Zeit der deutschen Besatzung von 1940 - 1944 sollte sich der PPF zu einer radikalen Kollaborationspartei entwickeln. Aber Drieu fand ihn schon vorher gut.
Drieus Faschismus trug jedoch eigene Züge. Er mochte den Radikalismus und auch Nationalismus in Italien und im Deutschen Reich, hatte aber weniger pangermanische oder wie in Italien auf eine Wiedererrichtung des Römischen Reiches ausgerichtete Phantasien.
Er setzte auch weniger auf Biologismus und Rassismus, Antisemit war er jedoch schon.
Stattdessen setzte er verstärkt auf einen "Euronationalismus" und eine Positionierung eines autoritär geführten Europas zwischen den Machtblöcken von Washington und Moskau - oder New York und Moskau, wenn man seine kapitalismuskritische und gleichzeitig antisemitische Betrachtung der global aktiven Geschäftsstadt New York bedenkt.


DER ZWEITE WELTKRIEG

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs griff Hitler zunächst Polen an und teilte es mit der verspätet von Osten einmarschierenden Sowjetunion auf.

Die Beistandserklärungen von Großbritannien und Frankreich für Polen waren nur halbherzig und in dieser frühen Epoche des Krieges nicht kriegsentscheidend.
In Frankreich gab es eine - gerade auch durch die Rechte entfachte - Skepsis, ob man "für Danzig sterben" solle. Es gab in Frankreich nämlich auch starke Bedenken gegenüber der Sowjetunion und deren Verhalten gegenüber Polen, dem Baltikum und Finnland.
Außerdem war das Bündnis mit England zwar dann en vogue, wenn es darum ging, ein zu stark gewordenes Deutsches Reich einzuhegen, aber historisch waren Frankreich und England bzw. Großbritannien oft eher Gegner als Verbündete. Man denke nur an den äußerst brutal geführten Hundertjährigen Krieg im 14. und 15. Jhd., auch wenn dieser schon längere Zeit zurücklag.

Nach dem Deutschen Angriff auf Polen erklärten zwar Großbritannien und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg, unternahmen aber fast nichts.
Dies gab der Deutschen Armee die Gelegenheit, erst Polen militärisch zu besiegen und dann seine Kräfte neu zu bündeln, um nun auch gegen den Westen zu ziehen. Man darf nicht vergessen, dass Deutschland unter Hitler (und z. T. schon davor) enorme Rüstungsangstrengungen unternommen hatte, es dem Land jedoch an einer wirklichen Tiefenrüstung fehlte und die Deutschen selber noch aus dem Ersten Weltkrieg wussten, dass militärische Anfangserfolge bei gleichzeitiger Einkreisung und Nachschubmangel am Ende die Niederlage bringen konnten.

Hitler setzte deshalb bei der Auswahl seines Angriffsplans gegen Westeuropa auf eine schnelle Strategie und Taktik, die später als Blitzkrieg-Doktrin in die Geschichte eingehen sollte. Hierfür nutze man die neuen Möglichkeiten einer flexibel eingesetzten, durch Funk vernetzten und mit Luftnahunterstützung (z. B. durch "Stukas" bzw. Sturzkampfbomber) verstärkten Panzerwaffe.
Beispielhaft seien für diese neue Angriffsweise die Namen von Manstein, Guderian und Rommel genannt.

Ein so geführter Angriff konnte einen schnellen Erfolg bringen - musste es aber auch, weil ihm die Reserven fehlten.
Auf den im Mai 1940 beginnenden deutschen Angriff war die französische Armee überhaupt nicht eingestellt. Sie hatte zwar ähnlich viele Panzer, war aber bei weitem nicht so flexibel wie die deutsche Armee und vertraute zu sehr der starren Maginot-Linie, die in Rückgriff auf die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges gebaut worden war und nicht einmal durchgehend fertiggestellt war. Man unterschätzte auch den deutschen Durchbruchswillen im bewaldeten Ardennengebirge.
Insgesamt erschien die französische Armee auch zu sehr durch überkommenen Standesdünkel und traditionelle Rituale erstarrt und konnte so nicht schnell genug reagieren. Nur einige wenige Militärs wie Charles de Gaulle hatten vor der Gefahr gewarnt. Er alleine und ein paar Verbündete konnten aber 1940 wenig ausrichten.
Ein weiterer Faktor war aber, dass das, was man später Heimatfront nennen sollte, nicht stand.
Die inneren Rechts-Links-Kämpfe hatten Frankreichs Abwehrwillen schwer zugesetzt. Das erkannten nicht nur weise französische Analysten, sondern auch US-Strategen.

Das Ergebnis des deutschen Siegs innerhalb von nur 6 Wochen war, dass ein Teil Frankreichs um einen Waffenstillstand ersuchen wollte, dafür stand Pétain. Er sollte später sogar zu einer begrenzten Kollaboration mit den Deutschen übergehen. Und ein weiterer Teil um Charles de Gaulle floh mit seinen Truppen und britischen Verbündeten ins britische Exil, um weiter gegen Deutschland zu kämpfen.
Bemerkenswert ist, dass zunächst ein erheblicher Teil der französischen Bevölkerung und auch des Sicherheitsapparates für die "révolution nationale" von Pétain war und nur ein kleiner Teil für den noch kaum bekannten de Gaulle. Als sich aber spätestens ab 1944 die Machtverhältnisse änderten, tat nun ein Großteil der Bevölkerung so, als ob er immer schon im Widerstand gegen Pétain und die NS-Besatzer und für das "Freie Frankreich" de Gaulles gewesen sei.

Es war fast so wie in Deutschland, wo die Begeisterung für Hitler mindestens von 1938 - 1942 (wenn nicht deutlich länger) kaum Grenzen kannte, während dann ab 1945 kaum mehr jemand ein Nazi gewesen sein wollte.

Für Drieu La Rochelle wurde diese Kollaborationszeit jedoch zum Verhängnis.

Drieu wurde einer der Wortführer der Kollaboration mit den deutschen Nationalsozialisten. Er wollte ein antikommunistisches und antisemitisches starkes Europa zwischen den Machtblöcken im Westen und Osten.
Mit Gerhard Heller, einem Vertreter der Besatzungsmacht, gründete Drieu im Verlag Gallimard die im Juni 1940 eingestellte NRF im Dezuember neu. Drieu wurde ihr Chefredakteur bis zur Einstellung der Zeitschrift im Juli 1943. Gernard Heller sollte nach dem Krieg fünf Bücher von Drieu la Rochelle ins Deutsche übersetzen.

In den Jahren 1941 und 1942 besuchte Drieu mit anderen kollaborationistischen Autoren in Weimar das "Europäische Dichtertreffen". Im Nachhinein sollte dies vielen Autoren zum Verhängnis werden.
Das Europäische Dichtertreffen wurde von der von Joseph Goebbels initiierten und anfangs von Hans Carossa geleiteten "Europäischen Schriftstellervereinigung" organisiert. Federführend bei der Organisation war der Generalsekretär der Vereinigung, Carl Rothe.
Viele Intellektuelle ließen sich von der anfänglichen Begeisterung treiben und blenden. Bei der Reise durch das siegreiche Deutschland waren sie verwundert, dass ein gerade militärisch besiegtes Land, dass noch vor kurzem an wirtschaftlichen Problemen und innerer Uneinigkeit litt, zu einer solchen Stärke gelangt war.
Was sie nicht wussten, weil viele Wirtschaftskennzahlen geheim waren, war, dass der scheinbare Erfolg der Nazis auf Pump (i. e. Schulden) aufgebaut war und dem Reich die Tiefenrüstung fehlte. Zumindest kam es nicht gegen die 1941 neu hinzugekommenen Kriegsgegner Sowjetunion und USA gleichzeitig an.

Mit der Zeit war aber Drieu zunehmend enttäuscht, dass bei den Nazis der Deutsche Nationalismus stärker war als der Europäische. 1944 und 1945 bekannte Drieu in seinem "Récit secret" (Geheimen Bericht), dass er von Hitlers Politik enttäuscht war.
Drieu setzte allerdings nicht auf eine Redemokratisierung Frankreichs im Falle eines Sieges der Westmächte, sondern dachte eher an einen Sieg des autoritären Stalin.

Drieu erkannte, dass er bei den vorrückenden Truppen der Westmächte in der Falle saß und ihm mindestens die Verhaftung, wenn nicht sogar die Todesstrafe, drohte. Nach mindestens zwei Selbstmordversuchen nahm er sich am 15.03.1945 mit Gas das Leben.

In der Nachkriegszeit war Drieu in Frankreich zunächst aufgrund seiner Kollaboration bei der Mehrheit verhasst. Mit der Zeit beschäftigten sich aber wieder einige Literaturfreunde mit seinen Werken und es kam zu einer Teilrehabilitierung, wozu auch der Récit secret beitrug.

Einige Werke von ihm wurden auch verfilmt:
  • Das Irrlicht; 1963; Regie: Louis Malle
  • Die Frau am Fenster; 1976; Regie: Pierre Granier-Deferre
  • Oslo, 31. August; 2011; Regie: Joachim Trier

 
 

MEINUNG/KOMMENTAR: HISTORIA PERPETUA

Meinung (pixabay.com)


In der Antike gab es das Ideal der Historia perpetua, der ununterbrochenen Geschichte bzw. Geschichtsschreibung.

Eigentlich ist das ein guter Ansatz. Allerdings passt die Schreibart der verschiedenen Historiker oft nicht ganz zueinander.

Außerdem kann es sein, dass entweder Lücken entstehen oder bestimmte Zeitabschnitte mehrfach (und unterschiedlich) beschrieben werden.

Heute konzentriert man sich eher auf isolierte Themenbereiche, auch wenn manchmal gesagt wird, man müsse "ganzheitlich" denken und die "Interdependenz" sehen.

Ein Beispiel für Historia perpetua ist der Übergang der Beschreibung des Peloponnesischen Krieges von Thukydides auf Xenophon.
(Der Originaltitel des Peloponnesischen Krieges von Thukydides ist nicht überliefert, Xenophons Werk wird "Hellenika" genannt.)


 

Freitag, 1. August 2025

RAYMOND BOUDON

01.08.2025 

Raymond Boudon (2008)


* 27.01.1934 in Paris

+ 10.04.2013

Raymond Boudon war ein französischer Soziologe und Philosoph.

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LEBEN

Raymond Boudon studierte ab 1954 Philosophie an der Ecole Normale Supérieur (Paris) und wandte sich dann immer mehr den Sozialwissenschaften zu.

Von 1961 - 62 hatte Boudon einen Gastaufenthalt an der Columbia University (New York). Dort traf er die Forscher Paul F(elix) Lazarsfeld (1901 - 1976 und Robert K(ing) Merton (1910 - 2003).
Paul Lazarsfeld war ein österreichischer Jude, der sich in Studien und Aktionen sehr genau mit dem Schicksal der Arbeiterklasse auseinandersetzte.
1933 ging er in die USA und 1935 beschloss er, dort zu bleiben. Lazarsfeld nannte sich danach "Marxist on leave", was mit Marxist auf Urlaub übersetzt wird. Nicht ganz klar ist, ob er damit den Umzug in die USA meinte oder den Wegzug von den marxistischen Dogmen seines früheren Lebens.
Boudon arbeitete von 1962 bis 1964 am Centre d'Études Sociologiques (Paris) an seiner These für ein "doctorat d'état" (in etwa eine Habilitation).
Noch 1964 wurde er an der Universität Bordeaux Professor.
1967 übernahm Boudon die neue Professur für Methodologie der Sozialwissenschaften an der Universität Parix IV (Paris-Sorbonne). Hier blieb er bis zum Ende seiner akademischen Laufbahn.


WISSENSCHAFT UND METHODIK

Raymond Boudon war ein Pionier der mathematischen Modellierung innerhalb der französischen Soziologie. Er griff hier auch angelsächsische Ideen auf.
Es ging Boudon neben statistischen Analysen auch um eine "generative" Theoriebildung.

Boudons Forschungsinteresse galt dabei v. a. sozialer Mobilität und ungleichen Bildungschancen.
In "L'inégalité des chances" von 1973 ("Education, Opportunity, and Social Inequality"; 1974, überarbeitet) setzt Boudon bei der Erforschung sozialer Mobilität und Ungleichheit auf einen handlungstheoretischen Ansatz (h. Perspektive) statt auf die damals übliche Variablen-Soziologie (Otis Duncan; Robert Hauser).

Boudon vertrat einen methodologischen Individualismus, der soziale Phänomene durch Annahmen über das Handeln von Individuen erklären wollte.

Durch die Erklärung makrosoziologischer Tatbestände durch mikrosoziologische Handlungsmodelle entwickelte Boudon die Theorie der rationalen Entscheidung (Rational-Choice-Theorie) weiter.

Seit den 1980ern setzte sich Boudon auch verstärkt mit dem Begriff Ideologie auseinander.
Für ihn ist aber Ideologie nicht einfach nur "falsches Bewusstsein", sondern kann viele Bedeutungen haben.
1986 erschien sein Buch "L'ideologie. L'origine des idée récues", 1988 die deutsche Version "Ideologie. Geschichte und Kritik eines Begriffs".

Boudon erläuterte darin sein Ideologieverständnis anhand einer 2 x 2 - Tabelle.

Definitionen von Ideologie und Arten ihrer Erklärung



MITGLIEDSCHAFTEN

Raymond Boudon war gut vernetzt und entsprechend Mitglied in vielen Gesellschaften:

  • Académie des sciences morales et politiques
  • Academia Europaea
  • British Academy
  • American Academy of Arts and Sciences
  • International Academy for the Human Sciences of St. Petersburg
  • Royal Society of Canada (Société Royale du Canada)
  • Argentinische Akademie für die Sozialwissenschaften

1995 erhielt Boudon den Amalfi-Preis, mit vollem Namen "Premio Europeo Amalfi per la Sociologia e le Scienze Sociali".


VERÖFFENTLICHUNGEN (AUSWAHL)
  • À quoi sert la notion de structure?, 1968
    (D: Strukturalismus - Methode und Kritik, 1973)
  • La crise de la sociologie, 1971
  • L'Inégalité des chances, 1973
    (GB: "Education, Opportunity, and Social Inequality"; 1974, überarbeitet)
  • Mathematical Structures of Social Mobility, 1973
  • Effets pervers et ordre social, 1977
  • La Logique du social, 1979
    (D: Die Logik des gesellschaftlichen Handelns, 1980)
  • La Place du désordre, 1984
  • L'ideologie. L'origine des idée récus, 1986
    (D: Ideologie. Geschichte und Kritik eines Begriffs")
  • Dictionnaire critique de la sociologie, 1990
  • Déclin de la morale, déclin des valeurs, 2002
  • Tocqueville aujourd'hui, 2005
  • Renouveler la démocratie: éloge du sens commun, 2006
  • The Origin of Values, 2001
  • The Poverty of Relativism, 2004
  • Contributions to the General Theory of Rationality, 2013
    (D: Beiträge zur allgemeinen Theorie der Rationalität, 2015)

LITERATUR (KLEINE AUSWAHL)
  • Parsons, Talcott/Edward Shils/Paul F. Lazarsfeld: Soziologie - autobiographisch. Drei kritische Berichte zur Entwicklung einer Wissenschaft; Stuttgart 1975 (dtv)
  • Goblot, Edmond: Klasse und Differenz. Soziologische Studie zur modernen französischen Bourgeoisie; Konstanz 1994 (Univ.-Verlag Konstanz)
  • Jean-Michel Morin: Boudon, un sociologue classique. Paris 2006 (L’Harmattan)
  • John Goldthorpe: Pioneers of Sociological Science: Statistical Foundations and the Theory of Action; Cambridge 2021 (Cambridge University Press), S. 177–189
  • Viktoria Jung: Soziale Herkunft als Ursache für Bildungsungleichheit und Bildungsentscheidungen: Ein Theorievergleich der Ansätze von Pierre Bourdieu und Raymond Boudon; Bachelorarbeit 2020
  • Robert Leroux: Penser avec Raymond Boudon; PUF 2022
  • Yasin Özden: Die Entstehung und Reproduktion von sozialer Bildungsungleichheit nach Pierre Bourdieu und Raymond Boudon: Wie entstehen Bildungsungleichheiten in der Schule und welche Rolle spielt das kulturelle Kapital dabei?; Studienarbeit 2022


Dienstag, 22. Juli 2025

MEIR KAHANE UND DER KAHANISMUS

22.07.2025

Meir Kahane, 1975

* 01.08.1932 in Brooklyn (New York City)
+ 05.11.1990 in Manhattan (New York City)

Meir Kahane, der als Martin David Kahane geboren wurde, war ein orthodoxer Rabbiner, religiöser Zionist, und weit rechter Politaktivist in den USA und Israel.
Nach ihm ist der Kahanismus benannt, der bis heute die zionistische und israelische radikale Rechte bestimmt.

JUGEND

Meir Kahane wurde als Martin David Kahane geboren. Schon sein Vater, Charles Kahane, war orthodoxer Rabiner und radikaler Zionist. Charles Kahane prägte das Weltbild seines Sohnes nachhaltig. Im Haus der Kahanes gingen rechte und insbesondere revisionistische Zionisten ein und aus. Charles Kahane unterstützte auch die terroristische Irgun.

In den 1930er- und 1940er-Jahren, also noch vor der Gründung des Staates Israel, orteten rechte Zionisten in den USA verschiedene Feinde:

  • die britische Mandatsmacht in Palästina, die der Gründung eines jüdischen Staates im Wege stand (abhängig von jeweils mächtigen Politikern in GB)
  • die Araber und speziell palästinensischen Araber/Palästinenser, die sich vor Ort durch einen geplanten Judenstaat bedroht fühlten
  • den 1933 in Deutschland an die Macht gekommenen Nationalsozialismus
  • in geringerem Ausmaß der italienische Faschismus (für einige Zionisten war er methodisch auch ein Vorbild)
  • weiße, christliche Rassisten in den USA
  • Schwarze in den USA, die die oft wirtschaftlich erfolgreichen Juden als Provokation empfanden
  • nach Stalins Wende in den späten 1940er-Jahren vom Pro-Linkszionismus zum Antisemitismus und Antizionismus auch die Sowjetunion


Meir Kahane besuchte auf Wunsch des Vaters die rechtszionistische Betar-Jugend. Diese war von Wladimir Zeev Jabotinsky gegründet worden. Sein dortiger Jugendführer war Mosche Arens, der später israelischer Verteidigungsminister wurde.
1952 trat Kahane der noch radikaleren Bne Akiwa bei. In der Schule war Kahane sowohl akademisch als auch sportlich gut. Damals gab es im Zionismus die Vorstellung, dass Juden aus ihrem rein geistigen Image herausgehen müssten und zusätzlich (kampf-)sportliche Kompetenzen lernen sollten, um ihre Interessen in einem aggressiven Umfeld durchzusetzen.
Kahane spielte in der Schule Baseball. Er traf in seiner Nachbarschaft, in der wenig Juden wohnten, auf Antisemitismus.


AKTIVISMUS IN DEN USA

Als Erwachsener wurde Kahane zum orthodoxen Rabbiner ordiniert und nannte sich Meir (der Erleuchtete). 1956 heiratete er Libby und zeugte mit ihr 4 Kinder.
1958 wurde er Rabbiner des Howard Beach Jewish Center in Queens.
Die Gemeinde war ihm aber zu liberal und trug seine Idee der Mechiza (Trennung von Männern und Frauen in der Synagoge) nicht mit.
Darüber publizierte er in der jüdisch-orthodoxen Jewish Press den Artikel "End of The Miracle of Howard Beach". Er blieb der Jewish Press bis zum Lebensende treu.

Am Übergang zu den 1960er-Jahren soll Meir Kahane im Auftrag des FBI als Michael King und Christ die rechtsradikale John-Birch-Society ausspioniert haben.
In den 1960ern soll Kahane außerdem ein außereheliches Verhältnis zu Gloria Jean D'Argenio, einer Christin, gehabt haben, die sich nach der Trennung das Leben nahm (Quelle: Michael T. Kaufman).

Im "Umbruchsjahr" 1968 gründete Meir Kahane die Jewish Defense League (JDL), die sich als paramilitärische Organisation gegen Nazis, schwarze Antisemiten und Einrichtungen und Vertreter der Sowjetunion richtete. Damals war es in den USA ein großes Politikum, ob die sowjetischen Juden eine Auswanderungsfreiheit bekommen könnten oder nicht.
Die JDL wird manchmal mit der Anti-Defamation League (ADL) verwechselt, will aber bewusst schärfer als die ADL gegen Antisemitismus vorgehen.
Als Symbol für die JDL wählte Kahane - ähnlich wie bei später von ihm oder seinen Anhängern gegründeten Organisationen - die Faust vor dem Davidstern. Angeblich soll das ein Symbol samt Racheaufforderung von Juden in Konzentrationslagern gewesen sein.
Anfangs wählte er als Farbkombination Blau-Weiß, ähnlich der Flagge Israels, weil diese Farben traditionell mit dem Judentum verbunden wurden.
Interessanterweise wählte er später für seine Kach-Partei aber die Grundfarbe Gelb (!), die im Mittelalter oft zur Stigmatisierung der Juden verwendet wurde.

Die JDL beging nach US-amerikanischem Recht schwere Straftaten - im Namen ihrer Ideale.
Trotzdem wurden ihre Mitglieder einschließlich Meir Kahane nur mild bestraft.
Kahane wurde 18-mal verhaftet, kam aber oft gegen Kaution frei, die ihm auch noch von Joseph Columbo bezahlt wurde, der Boss und Namensgeber einer der Fünf Familien der Mafia bzw. der Cosa Nostra.
Inmitten dieser Auseinandersetzungen ging/floh Kahane im Jahre 1971 nach Israel. Einige warfen ihm vor, dass er nicht 1967 zum Sechs-Tage-Krieg dorthin gegangen sei.


AKTIVISMUS IN ISRAEL

In Israel angekommen gründete Kahane gleich 1971 die Kach-Partei. Ihr Symbol war wieder eine Faust vor dem Davidstern, diesmal aber in Schwarz-Gelb, obwohl (weil?) Gelb im europäischen Mittelalter als antisemitische bzw. antijüdische Farbe galt.

Die Kach-Partei war am Anfang nur eine Splitterpartei, fiel aber medial mit radikalen Forderungen auf. Kahane legte damit in Israel die Grundlage für die Ideologie des Kahanismus, die aus zahlenmäßig kleinen Anfängen heraus immer stärker werden und für die kommenden Jahrzehnte die israelische Politik formen sollte. Der Kahanismus war auch die treibende Kraft hinter vielen Gewalttaten.

Der Kahanismus war:

  • nationalistisch (religiös wie ethnisch => Rassismusvorwurf)
  • ultrareligiös
  • antidemokratisch, pro-theokratisch
  • Israel kann nicht demokratisch sein, weil dann seine Identität bei veränderter ethnischer Zusammensetzung der Wählerschaft "abgewählt" werden könnte
  • nominell anti-westlich
  • außenpolitisch expansionistisch hin zu einem Großisrael
Der Kahanismus war und ist nationalistisch und zugleich ultrareligiös. Er hat aber nichts mit den antizionistischen Ultraorthodoxen zu tun, die den Staat Israel ablehnen, weil sie meinen, so ein Staat könne nur von Gott errichtet/wiederhergestellt werden.
Der Kahanismus war antidemokratisch und verfolgte das Ideal einer Theokratie. Als 1978/79 im Iran die Islamische Revolution unter Chomeini stattfand, empfand Kahane für deren Methoden und Vorgehensweise durchaus Sympathien. Nur war er eben Jude und kein Moslem. Das brachte ihm den Spitznamen "Israel's Ayatollah" ein.
Nach außen hin war der Kahanismus expansionistisch. Man wollte ein Großisrael errichten, das mindestens auch das Ostjordanland umfasste, wenn nicht sogar den Sinai und Teile Mesopotamiens. Dies war durchaus eine Anlehung an radikalzionistische Ansichten aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und der israelischen Staatsgründung.
Meir Kahane war streng genommen auch anti-westlich, obwohl er in den USA Unterstützer hatte. Er sah das Judentum als eine östliche Religion an und wandte sich - in Anlehnung an die Antike - gegen den "Hellenismus". Damit meinte er nicht die gleichnamige nachklassische Epoche der antiken griechischen Geschichte, sondern die hellenisierten Juden dieser Zeit, die ihre eigene Tradition aufgrund ihrer Anpassung an den hellenistischen Zeitgeist vernachlässigten.

Konkret forderte Kahane vom Staat Israel eine harte Haltung gegenüber seinen Nachbarn und im Inneren eine Politik, die unbedingt verhindern sollte, dass die Juden ihre Majorität (Mehrheitsrolle) gegenüber den Palästinensern/Arabern (je nach Sichtweise) verlören.
Dementsprechend forderte er Gefängnisstrafe für Liebesbeziehungen zwischen Juden und Nichtjuden und gleichzeitig den Ausbau jüdischer Siedlung und die Vertreibung oder zumindest Entrechtung der in Kernisrael und den 1967 besetzten Gebieten lebenden Palästinenser/Araber.

Viele etablierte Politiker warfen der Partei Rassismus vor, was durchaus nicht unberechtigt ist.
Kahane betrachtete Araber als minderwertig. Es kam deshalb und wegen diverser Gewaltakte zu Gerichtsprozessen.

Als Hardliner bekämpfte Kahane Ende der 1970er-Jahre auch das Camp-David-Abkommen, dessen Zustandekommen am 17.09.1978 er aber nicht verhindern konnte. Am 26.03.1979 kam sogar ein Israelisch-Ägyptischer Friedensvertrag zustande.
Ägyptens Präsident Anwar as-Sadat, der später von islamischen Extremisten im eigenen Land ermordet wurde, erhoffte sich durch die Annäherung an den einstigen Feind Israel einmal die Rückgewinnung der im Krieg verlorenen Halbinsel Sinai, generell mehr politische Stabilität und nicht zuletzt Waffenlieferungen aus den USA statt aus der Sowjetunion.
Kahane und seine Anhänger sahen aber die Aufgabe der inzwischen auf dem Sinai aufgebauten jüdischen Siedlungen als Verrat an. Sie waren viel zu wenige, um den Lauf der Dinge aufzuhalten, aber ihre Aktionen waren medial wirksam.
Der Abzug Israels von der Sinai-Halbinsel dauerte bis in die frühen 1980er-Jahre. Aus Protest dagegen haben sich Anhänger Kahanes in der jüdischen Siedlung Yamit in einem Bunker verschanzt und mit kollektivem Selbstmord im Stile Massadas (in der Antike eine hart umkämpfte Stadt im Krieg mit den Römern) gedroht. Als sich die Kahanisten auch von israelischen Oberrabinern nicht zum Abzug überreden ließen, ließ die israelische Regierung Kahane (für ihn) publikumswirksam aus den USA einfliegen, damit er seine Anhänger zur Aufgabe überredete.

1980 wurde Kahane zu 6 Monaten Haft verurteilt, weil er angeblich die Al-Aksa-Moschee und den Felsendom, beides islamische Heiligtümer auf dem Tempelberg, sprengen wollte.
Bis heute beharren radikale Zionisten darauf, dass auf dem Tempelberg der "Dritte Tempel" errichtet werden soll.

Meir Kahane (mit Bart) spricht 1984 in Tel Aviv vor seinen Anhängern


Doch Kahane kämpfte in der politischen Arena weiter. 1984 erreichte seine Kach-Partei einen Sitz im israelischen Parlament, der Knesset.
Dabei erhielt er nicht nur Unterstützung von radikalen Siedlern mit "Frontbewusstsein", sondern erkannte auch, dass nicht-aschkenasische Juden sich vom aschkenasischen Establishment deutlich diskriminiert fühlten, aber ihren Hass auch an Arabern ausließen.
Außerdem spielten wachsende soziale Ungerechtigkeiten durch "neoliberalistische"/wirtschaftsliberalistische Entwicklungen eine Rolle, gegen die es nicht nur linken, sondern zunehmend auch rechten Protest gab.
Nach dem Sieg 1984 organisierten die Kahanisten der Kach-Partei eine große Siegesfeier, bei der ein arabischer Markt und andere Einrichtungen überfallen wurden.
Kahane wurde Abgeordneter der Knesset und erklärte, er werde keine Regierung unterstützen, die nicht bereit sei, die Araber aus den besetzten Gebieten (für ihn ein Teil Israels) zu vertreiben.

1988 wurde Kahanes Wahlliste wegen Verstößen gegen das neu erlassene Wahlgesetz mit antirassistischen Klauseln icht mehr zugelassen. Ein Staatsanwalt plädierte vor dem obersten Gericht in Jerusalem, dass Kahane ein Nazi sei und seine Ideen und Taten Parallelen zu denen Adolf Hitlers hätten.
Der deutschstämmige israelische Publizist Uri Avnery bezeichnete Kahane als "jüdischen Nazi" und die Kach-Partei als "Nazipartei". Er griff Kahane auch in DER SPIEGEL an und warf ihm vor, sein Aktivismus sei der Tatsache geschuldet, dass sein Berufsleben in den USA nicht vorangegangen sei, sein Hebräisch klänge für einen Nationalisten erstaunlich amerikanisch und gerade im israelischen Schicksalsjahr 1967 sei er in den USA geblieben.

Wie dem auch sei: Auf längere Sicht war Kahanes Ideologie durchaus erfolgreich.
Er selbst sollte dies aber nicht mehr mitbekommen.


TOD DURCH EIN ATTENTAT


Meir Kahane kam 1990 in Manhatten bei einem Attentat ums Leben. Der Hauptverdächtige war El Sayyid Nosair, der nach einem Schusswechsel mit der Polizei festgenommen wurde. 
Später wurde er zwar vom Mordvorwurf freigesprochen, war aber 1993 in den ersten Anschlag auf das World Trade Center involviert
(26.02.1993). Der Anschlag mit einer Autobombe wurde von einer Gruppe um Ramzi Yousef ausgeführt wurde. Die Gruppe hatte dabei einen FBI-Informanten namens Emad Salem unter sich, der später als Zeuge aussagen, aber auch behaupten sollte, das FBI habe nicht entschieden genug reagiert.
Das Attentat auf Kahane wird auch in "Bombenattentat auf das World Trade Center" (1997) dargestellt.

Der Verlauf des Attentats war wie folgt:
Am Abend des 05.11.1990 hielt Meir Kahane eine Rede im zweiten Stock des New York Marriott East Side-Hotels in Manhattan (525 Lexington Avenue). Die Zuhörer waren meist orthodoxe Juden.
Nach der Rede beantwortete Kahane Fragen und nahm Glückwünsche entgegen. Kurz nach 21:00 Uhr näherte sich ihm ein Mann in jüdisch-orthodoxer Kleidung. Doch statt zu gratulieren schoss er ihm aus kurzer Distanz mit einer Pistole vom Kaliber .357 (9,07 mm) in den Hals. Kahane sank zusammen und starb kurz darauf.
Der Täter floh aus dem Hotel auf die Lexington Avenue und versuchte, vor einem Postbüro ein Taxi mit der Waffe zu hijacken. 
Carlos Acosta von der Postpolizei zog auch seine Waffe und wies den Täter an, sich nicht zu bewegen. Doch der Täter drehte sich plötzlich um und schoss Acosta in die Brust. Acosta erwiderte das Feuer und traf den Attentäter ins Kinn. Danach nahm der Postpolizist ihn fest.

Der Täter entpuppte sich als El Sayyid Nosair, ein Ägypter mit US-amerikanischen Pass und Wohnsitz in Jersey City (NJ). 
Später kam heraus, dass der Blinde Scheich, Omar Abdel-Rahman, der später eine führende Rolle im Anschlag auf das World Trade Center von 1993 haben würde, auch einen Plan entwickelt hat, El Sayyid Nosair aus der Attica Correctional Facility in New York zu befreien. Man überwachte das Gefängnis und plante einen bewaffneten Überfall und das Zünden einer Lkw-Bombe.

El Sayyid Nosair gab erst Jahre später seiner Tat  gegenüber Bundesagenten zu. Laut Artikeln im Playboy und in der Jerusalem Post hatte Nosair zuerst vor, Premierminister Ariel Sharon zu töten. Dabei soll er zwei Komplizen gehabt haben: Bilal al-Kaisi (Jordanien) und Mohammed A. Salameh (Palästina), die beide 1993 in den ersten WTC-Anschlag verwickelt waren. 



DER KAHANISMUS NACH KAHANE

Baruch Meir Marzel

Binyamin Ze'ev Kahane



Nach dem Tod Meir Kahanes lebte er der Kahanismus weiter.
Den Streit um die Nachfolge Kahanes an der Parteispitze gewann Baruch Meir Marzel gegen Kahanes Sohn Binyamin Ze'ev Kahane.
Dieser gründete darauf eine eigene Partei, Kahane Chai (Kahane lebt). Inhaltlich war diese Partei ähnlich wie die Kach-Partei gestrickt.

In den 1990ern mobilisierten die Nachfolgeparteien aufgrund von zwei Faktoren:



  • es gab immer wieder schwere Zusammenstöße zwischen Israelis und Palästinensern
  • US-Präsident Bill Clinton wollte die ursprünglichen Hardliner Yitzhak Rabin und Yasir Arafat dazu drängen, ein Friedensabkommen zu schließen;
    man sprach vom "Oslo-Friedensprozess", der 1993 in Oslo begann
    => für die Kahanisten war das Verrat
In diesem Jahrzehnt waren 2 Anschläge sinnbildlich für das Aggressionspotenzial des Kahanismus, obwohl es noch viel mehr Anschläge gab.


Baruch Goldstein


Am 25.02.1994 tötete Baruch Kappel Goldstein (Benjamin Carl; 1956 - 1994), ein Arzt und Sanitätsoffizier der IDF in der Ibrahimiyya-Moschee in Hebron (Teil des "Patriarchengrabs") 29 Menschen und verletzte rund 150 weitere. Seine Anhänger behaupteten, er sei im Vorfeld provoziert worden.
Als ihm die Munition ausging, wurde er von der Menschenmenge gelyncht.
Goldstein war in den USA aufgewachsen, hatte früh Kontakt zum Haus der Kachanes, studierte am Albert Einstein College of Medicine und war Mitglieder der Jewish Defense League.
Einigen Kahanisten gilt Goldstein bis heute als Idol.
Das offizielle Israel lehnte dagegen Goldsteins Vorgehen ab und stufte die kahanistischen Parteien Kach und Kahane Chai als terroristische Vereinigungen ein. Es soll aber noch gewisse Untergrundstrukturen geben.

Jigal Amir


Am 04.11.1995 tötete Jigal Amir (* 1970) in Tel Aviv den israelischen Premierminister Jitzchak Rabin, weil er die Friedenspolitik des ehemaligen Falkens Rabin als Verrat ansah. Rabin wurde dabei zum Verhängnis, dass seine Sicherheitskräfte eine mögliche Gefahr v. a. von Arabern und/oder Moslems sehen und nicht aus den eigenen Reihen.
Die Tat brauchte Amir eine lebenslange Freiheitsstrafe ein. Seine Tat bereut er dennoch nicht.
Genauere Nachforschungen haben ergeben, dass auch Amir im Umfeld des Kahanismus aktiv war. Amir soll auch von 
Rabbi Schlomo Aviner aufgehetzt worden sein. Vom Untersuchungsbericht der Schamgar-Kommission durfte zunächst fast die Hälfe des Textes nicht veröffentlicht werden. Die Verbindungen des Attentäters waren offenbar zu heikel.

Am 31.12.2000 wurde auch der Sohn Meir Kahanes, Binyamin Ze'ev Kahane mitsamt seiner Frau Talya bei einem Attentat ermordet. Sie fuhren in einem Kleintransporter auf dem Rückweg von Jerusalem und wurden in Kfar Tapuach erschossen, wobei 5 ihrer 6 Kinder schwer verletzt wurden. Ihr Fahrzeug wurde dabei von Kugeln durchsiebt.

Auch die Gewalt durch die Kahanisten ging weiter.
Am 04.08.2005 erschoss der 19-jährige Eden Natan-Zada, ein Mitglied der inzwischen verbotenen Kach-Bewegung, in einem Bus in Schefer'am 4 Araber und verletzte 22 weitere, bis er von der aufgebrachten Menge gelyncht wurde.

Der israelische Likud-Politiker Benjamin Netanjahu bediente sich zum Machterhalt immer wieder rechtsradikaler Verbündeter. Avigdor Lieberman war Mitglied der Kach-Partei und wurde später Verteidigungsminister unter Netanjahu.

2012 wurde die Partei Otzma Jehudit (Jüdische Stärke) von Arieh Eldad und Michael Ben-Ari gegründet, als deren starker Mann sich Itamar Ben-Gvir herausstellte. Ben-Gvir gehörte früher der Jugendorganisation der Kach and und hatte lange Zeit ein Bild von Baruch Goldstein in seinem Wohnzimmer. Im Dezember 2022 wurde er israelischer Minister für öffentliche Sicherheit, auch wenn er diesen Posten später wieder aufgab, weil ihm Netanjahus militärisches Vorgehen gegen den Gaza-Streifen infolge des Angriffs vom 07.10.2023 und gegen den Iran zu gemäßigt erschien.

Itamar Ben-Gvir

Der Kahanismus läuft auch in der Familie von Meir Kahane weiter.

Ein Enkel von ihm, Meir Ettinger (* 1991) ist in Israel ein kahanistischer Aktivist, der die extremistische "Hilltop Youth" anführt. Seine Eltern sind Mordechai und Tova Ettinger(-Kahane).
Die Hilltop Youth setzt auf die weitere Expansion israelischer Siedlungen im Westjordanland (West Bank). Sie geht dabei auch gewalttätig gegen palästinensische Siedlungen, Einrichtungen, Moscheen und Einzelpersonen vor. Lkws werden die Reifen zerstochen, um den palästinensischen Handel zu erschweren und Hirten werden abgedrängt.
Meir Ettinger ist dabei nicht nur anti-islamisch sondern auch anti-christlich motiviert.
Den säkularen Staat Israel lehnt er ebenso ab wie demokratische Institutionen generell und möchte ihn durch eine religiöse Gesellschaft auf der Grundlage der religiösen Schriften ersetzen. Manche nennen ihn "ghost of Meir Kahane".
Ideologisch ist Ettinger auch von Rabbi Yitzhak Feivisch Ginsburg (* 1944) beeinflusst, der die Vorstellung der Überlegenheit von Juden gegenüber Nicht-Juden vertritt, aber die rohe Gewalt Ettingers und der Hilltop Youth offiziell ablehnt.


ÜBERSICHT ÜBER DIE OPFER DES KAHANISMUS

Die Opfer des Kahanismus von den 1970ern bis in die 2010er.
Quelle: David Sheen


QUELLEN UND LITERATUR:

Wikipedia
-
www.spiegel.de
www.focus.de
www.youtube.com (z. B. David Sheen)