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Dieser Universal-Blog ist aus einer Seite für Geschichte, Politik und Realienkunde hervorgegangen und wurde in Richtung Humanwissenschaften weiterentwickelt.
Sprachen: Englisch, Französisch, Spanisch; Latein, (Alt-)Griechisch; Russisch; Chinesisch, Japanisch; Arabisch; Mittelägyptisch; Hindi (Sanskrit) etc.
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Donnerstag, 28. August 2025

EMPIRE - DIE NEUE WELTORDNUNG

28.08.2025


"Empire - die neue Weltordnung" ("Empire. Globalization as a new Roman order, awaiting its early Christians") ist ein 2000 (dt. 2002) erschienenes Buch von Michael Hardt und Antonio Negri, das die Weltordnung zu Beginn des 21. Jhd.s beschreiben möchte.
Das Werk beschäftigt sich mit den Auswirkungen der (angeblichen) Globalisierung und postuliert, dass es auf der Welt die Tendenz gäbe, dass sich statt mehrerer Imperien (Großreiche) ein einziges Imperium, dass Empire, bilde. Souverän seien dann nicht mehr die Nationalstaaten, sondern das Kapital selber.

Diese Grundthese, die von Philosophen wie Slavoj Žižek gelobt wurde, wurde auch von einigen Intellektuellen kritisiert. Zum einen ist strittig, auf welche Aspekte der Gesellschaft sich überhaupt Globalisierungstendenzen beziehen - denn weltweite Handelsbeziehungen gab es schon zur Zeit der Entdeckungen seit dem späten 15. Jhd. - und ob sich statt der "herkömmlichen" Imperien wirklich ein Empire bildet. 
Sicher gibt es international ähnliche Herrschafts- und Geschäftsstrukturen. Andererseits ist es aber so, dass sich klassische Imperien wie die USA, Russland, China oder künftig weitere Imperien eher auf ihre eigenen Kräfte verlassen oder sogar zueinander in Konkurrenz stehen, anstatt sich gemeinsam zu einem großen Empire zu transformieren.
Generell ist zu beobachten, dass das von einigen Forschern prognostizierte Absterben der Nationalstaaten - großen wie kleinen - nicht eingetreten ist und wahrscheinlich vorerst auch nicht eintreten wird. Inzwischen, also seit den 2010er-Jahren und spätestens seit der Ersten Präsidentschaft von Donald Trump diagnostizieren viele Analysten eher eine Re-Nationalisierung.

Inzwischen sind weitere Bände erschienen:

  • Multitude - Krieg und Demokratie im Empire
  • Common Wealth - Das Ende des Eigentums 


INHALT

Empire will die Weltordnung an der Wende vom 20. zum 21. Jhd. beschreiben und erklären.
Hardt/Negri sehen den Imperialismus als (zugespitztes) Stadium des Kapitalismus' als überwunden an. Stattdessen sei der Souverän nicht mehr die Nationalstaaten selber, sondern das Kapital. Dieses verfüge über drei Machtinstrumente:

  • die Atombombe
  • das Geld
  • den "Äther" (transnationale Kommunikationssysteme) 
Die Macht hat jetzt angeblich kein eindeutiges Zentrum mehr. Sie ist überall.

Die Macht herrscht jetzt auf eine andere Art und Weise:
  • die Macht durchzieht das Leben mit Biomacht (Michel Foucault, Giorgio Agamben)
  • die Nationalstaaten verlieren an Bedeutung
  • Kriege werden zu Polizeiaktionen
  • es wird immateriell und vernetzt produziert (immaterielle Arbeit)
  • Institutionen der Disziplinargesellschaft nach wie Schule, Gefängnis, Klinik (vgl. Louis Althusser, Michel Foucault) verlieren ihre Begrenzung und werden über die ganze Gesellschaft ausgedehnt 
Es entsteht eine allgemeine und ubiquitäre Kontrollgesellschaft:
  • Sprachverhältnisse
  • militärische Einheiten
  • Muster der Migration
  • soziale Bewegungen
  • Firmen
  • physiologische Strukturen
  • persönliche Beziehungen 
Das Empire umfasst die ganze Welt, das ganze Leben und kennt kein Außen mehr.

Es kennt verschiedene Subjektformen, flache Hierarchien und einen extremen Austausch in Computernetzwerken.
 
Negri/Hardt sehen aber auch Begrenzungen: Das Empire sei gezwungen, auf Aktionen der "Multitude" (Vielheit, Menge; lat. multitudo) zu reagieren. Sie erschaffe es erst durch ihre Kreativität und Produktivität, so dass es von ihr abhängig sei.

Der Begriff Multitude ist im Buch Empire nicht ganz präzise definiert. Im Buch "Multitude - Krieg und Demokratie im Empire" wird dies genauer ausgeführt.
Historisch zurückführen lässt sich der Begriff Multitude (multitudo) auf Cicero (De re publica), Spinoza (Multitudo) und Gilles Deleuze (Rhizom). 


GEGENMAẞNAHMEN

  • da das Empire problematische Züge trägt, sind Gegnmaßnahmen sinnvoll
  • da es kein Außen mehr gibt, sollte man sich auch auf keinen Standpunkt außerhalb des Empires beziehen (sondern aus seinem Inneren heraus agieren)
  • die Multitude sollte zu sich selbst kommen und das (parasitäre) Empire abwerfen
  • Hardt/Negri halten aber das Ziel eines (positiv gesehenen) Kommunismus' für erreichbar
  • es müssen drei Rechte durchgesetzt werden:
    • Weltbürgerschaft
    • sozialer Lohn
    • Wiederaneignung 
  • Hardt/Negri entwerfen die Utopie eines "Gegen-Empires":
    in diesem sei ein "neuer Mensch" möglich und die ges. Zustände seien besser;
    körperliche Transformationen wie Piercings und Tätowierungen seien hierfür bereits erste Vorboten


REZEPTION


Die Rezeption des Buches war stark divergierend.
Zum einen schlug es mit seiner Thematik auf dem Büchermarkt und in öffentlichen und akademischen Diskussionen ein.

Slavoj Žižek lobte es als "Kommunistisches Manifest des 21. Jahrhunderts". In der damaligen Anti-Globalisierungsbewegung galt es vielen als "Bibel der Globalisierungskritik".
Das Buch erschien immerhin rund 10 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges und technisch zu einer Zeit, in der sich das 1993 für die Allgemeinheit freigegebene WWW weltweit durchsetzte. Smartphones benötigten aber noch ein knappes Jahrzehnt, um aufzutrumpfen.

Es gab aber auch eine Reihe von Kritikern.
Jörg Lau monierte in der ZEIT das "pseudowissenschaftliche Gedröhne" und ein Übermaß an Pathos (zuviel Nietzscheanismus, zuviel Befreiungskitsch). Nach Lau gehe es auch darum, nicht eingetroffene marxistische Prognosen mit dem Befund eines real weiter existierenden Kapitalismus' zu versöhnen.
Der US-Historiker Matthew Connolly bezeichnete das Buch 2006 als "413 Seiten voller Plattitüden".

In der deutschen Linken Presse wie "konkret" oder "Jungle World" wurde das Buch Empire auch tendenziell negativ dargestellt. Aus Sicht der Autoren bediene und schaffe es zum einen eine Mode und zum anderen habe sich empirisch gesehen gar nicht so viel am herrschenden System geändert.
Andreas Benl leitet seinen Artikel in der Jungle World im September 2002 ein:
"Mit ihrem Buch »Empire« haben Antonio Negri und Michael Hardt anscheinend ein Standardwerk für die Antiglobalisierungsbewegung geschrieben. Das Buch erfüllt ein linkes Bedürfnis. Schließlich gibt es kaum noch Wälzer, die den Anspruch einer globalen Kapitalismuskritik erheben. Außerdem erscheint Hardt/Negris Beschreibung der »Neuen Weltordnung« origineller als das, was auf diesem Gebiet üblicherweise noch geboten wird."
Und weiter:
Nach einem vierhundertseitigen Durchgang durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts, nach dem Lob der kapitalistischen »Deterritorialisierung« und der Kritik des linken Antiimperialismus sind Hardt/Negri schließlich bei einer philosophischen Begründung der Forderung angekommen, die Attac im Namen trägt. Damit die Wertproduktion gerecht weitergehen kann, müssen Korruption und Spekulation bekämpft werden. Hardt/Negris Kommunismus entpuppt sich als religiös inspirierter Kommunitarismus.

Unabhängig von diesen scharfen Polemiken kann man aber gegen das Werk einwenden, dass es zwar gewisse Entwicklungen hin zu einem von Hardt/Negri beschriebenen Empire geben mag - oder um 2000 gegeben hat, dass aber die Stärke und Souveränität der Nationalstaaten und insbesondere der Imperien (Großreiche) keinen wirklichen Dämpfer erhalten hat. Gerade die USA, Russland und China treten seit dem frühen 21. Jhd. immer nationalistischer und imperialistischer auf.


QUELLEN/LITERATUR:

Wikipedia
-
Benl, Andreas: Ein Reich komme. "Empire" befriedigt das Bedürfnis nach linker Welterklärung, erklärt aber wenig; in: Jungle World, 04.09.2002
Hardt, Michael/Antonio Negri: Empire. Globalization as a new Roman order, awaiting its early Christians; 2000
Hardt, Michael/Antonio Negri: Empire. Die neue Weltordnung; Frankfurt/Main 2002 (Campus)
Hardt, Michael/Antonio Negri: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire; Frankfurt/Main 2004 (Campus)
Hardt, Michael/Antionio Negri: Common Wealth. Das Ende des Eigentums; Frankfurt/Main 2010 (Campus)




Dienstag, 26. August 2025

MICHAEL BAIGENT

26.08.2025 (...)

Baigent, Michael und Leigh, Richard: Verschlusssache Jesus. Die  Qumranrollen und die Wahrhei ... - Versand-Antiquariat  www.buecher-boerse.com
Verschlussache Jesus.
Die Qumranrollen und die Wahrheit über das frühe Christentum
(1991)




* 27.02.1948 in Nelson, Neuseeland
+ 17.06.2013 in Brighton, England

Michael Baigent war ein britisch-neuseeländischer Autor.
Seine Bücher beschäftigten sich oft mit historisch-mythologischen Themen wie dem frühen Christentum, den Templern, den Freimaurern, dem Zweiten Weltkrieg oder Machtkämpfen innerhalb der katholischen Kirchen. Er schrieb oft mit Koautoren.
Gegnern werfen Baigent Effekthascherei, Pseudohistorismus oder einen Hang zu Verschwörungstheorien vor.

-

JUGEND

Michael Feran Meritxell Baigent wuchs in Neuseeland in einer religiösen Familie auf. Baigent wurde in Nelson geboren, wuchs dann aber in der Nähe in Motueka und Wakefield auf.
Da seine Eltern aber verschiedenen Konfessionen angehörten, verglich er die Atmosphäre mit Nordirland, wo es früher (z. T. noch heute) zu schweren religiösen aber auch ethnischen Kämpfen kam.
Baigents Vater war ein überzeugter Katholik und indoktrinierte seinen Sohn, seit er fünf wurde. Trotzdem verließ er die Familie, als Michael acht war.
Dann kam Baigent in die Obhut seines Großvaters mütterlicherseits, Lewis Baigent. Sein Ur-Großvater Henry Baigent war Bürgermeister und hatte einen Forstbetrieb gegründet.


STUDIUM UND JOURNALISTISCHE ANFÄNGE

Nach der Schule studierte Michael Baigent an der University of Canterbury in Christchurch Vergleichende Religionswissenschaft, Philosophie und Psychologie und schloss 1972 mit einem B. A. in Psychologie ab (hierzu gibt es verschiedene/abweichende Darstellungen).
Anfangs wollte oder sollte er ein naturwissenschaftliches Studium absolvieren, um später auch in die Forstwirtschaft einsteigen zu können.
Nach seinem Abschluss bereiste er die Welt und versuchte sich als Journalist. In Laos war er Kriegsphotograph und in Spanien Modephotograph.
Schließlich zog er 1976 mit seiner Familie nach England. Dort arbeitete er für die BBC als Photograph und arbeitete zusätzlich in einer Softdrinkfabrik auf Nachtschicht.
Baigent lernte bei der BBC Richard Leigh kennen, der gerade an einer Dokumentation über die Tempelritter arbeitete. Später sollten beide des öfteren kooperieren.
Baigent und Leigh trafen sich außerdem noch mit Henry Lincoln (Soskin).


WERKE MIT RICHARD LEIGH UND HENRY LINCOLN

The Holy Blood and the Holy Grail (Der Heilige Gral und seine Erben)

Das Autorentrio Baigent/Leigh/Lincoln fuhr nach Frankreich und recherchierte zu der Rennes-le-Château-Sage. In dem 1982 veröffentlichten Buch "The Holy Blood and the Holy Grail" ("Der Heilige Gral und seine Erben") arbeiteten sie diese Sage für ein Massenpublikum auf. Nachdem das Werk in den 1980ern einigen Erfolg erzielt hatte, wurde den Autoren aber bald vorgeworfen, es aus lauter Sensationslust mit den Fakten nicht so genau zu nehmen.

Die Kernthese war, dass die Suche (quest) nach dem Heiligen Gral daher komme, dass Jesus und Maria Magdalena miteinander ein Kind hatten, dessen Nachfahren später in die fränkische Königsdynastie der Merowinger einheirateten.
Gleichzeitig sollen die Nachfahren mit der (Geheim-)Gesellschaft der "Prieuré de Sion" verbunden gewesen sein.
Die Theorie, dass Jesus und Maria Magdalena eine körperliche Beziehung hatten, beruht auf Baigents Interpretation des "heilgen Kusses" auf seinen Mund, der im Frühchristentum nur unter Männern üblich war und einer behaupteten "spirituellen Ehe", wie sie im Evangelium des Philip beschrieben wurde.
Diese These wurde aber schon vorher von Laurence Gardner und Margaret Starbird vertreten.


The Messianic Legacy

1986 veröffentlichten Michael Baigent, Richard Leigh und Henry Lincoln "The Messianic Legacy".


WERKE MIT RICHARD LEIGH


Ab dem Jahre 1989 publizierten Baigent und Leigh mehrere Bücher als Autorenduo.


The Temple and the Lodge

In diesem Werk von 1989 behaupten Baigent Leigh, dass der Templer-Orden nicht einfach im Mittelalter ungegangen sei, sondern in einigen Elementen in die Freimaurerei eingegangen sei.

Nach dem Versuch des Französischen Königs, den Templerorden zu zerschlagen, seien einige Templer nach Schottland geflohen und hätten dort die Unabhängigkeitsbewegung unterstützt.

Außerdem hätten sie mit Hilfe freimaurerischer Bünde überlebt, und zwar:

  • Jacobite Freemasonry to Strict Observance
  • Grand Orient of France.

Des weiteren behaupten die Autoren, die Freimaurerei habe den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg unterstützt - und zwar nicht nur auf US-amerikanischer Seite, sondern auch dadurch, dass sie auf britischer Seite schlechte militärische Entscheidungen getroffen hätten wie Howe und Cornwallis.


The Dead Sea Scrolls Deception
(Verschlusssache Jesus)



Anfang der 1990er-Jahre war das Thema der "Qumran-Rollen" vom Toten Mehr wieder en vogue.

Der Hintergrund: Zwischen 1947 und 1956 wurden in elf Felshöhlen in der Nähe von Khirbet Qumran am Nord-West-Ufer des Toten Meeres (Westjordanland) die weltbekannten Schriftrollen von Qumran entdeckt. Der Fund umfasste Fragmente von ungefähr 900 Schriftrollen aus dem antiken Judentum. Zeitlich wird der Fund zwischen dem 3. Jhd. v. Chr. und dem 1. Jhd. n. Chr. eingeordnet.
Unter diesen Texten befinden sich etwa 200 Abschriften alttestamentlicher Bücher, die seitdem als bislang älteste bekannte Bibelhandschriften gelten.
Später fand man noch weitere antike Schriftrollen in Höhlen in der Nähe des Westufers des Toten Meeres.

Zu diesem Thema publizierte das Autorenduo Baigent/Leigh 1991 "The Dead Sea Scrolls Deception", das auf deutsch "Verschlusssache Jesus" hieß.
Das Werk verfehlte seine Wirkung nicht. Aber gerade in Deutschland schlug es ein wie eine Bombe. Hinzu kam noch, dass 1992 das "Jahr der Bibel" war!
Mit "Verschlusssache Jesus" von 1991 führte das Autorenduo Baigent/Leigh von Dezember 1991 bis November 1992 die Spiegel-Bestsellerlisten (oder deren Vorläufer) an. In damaligen Buchläden sah man das Werk fast überall in der Auslage (wenn es keine theologischen Bedenken gab).
 
In dem Werk vertreten die Autoren abweichende Thesen zu den Qumran-Rollen, stützen sich aber ihrerseits bereits auf früher geäußerte Thesen, insbesondere von Robert Eisenman & Co.
So haben Robert Eisenman und Michael Wise ähnliche Thesen bereits früher vertreten, aber erst 1993 mit "Jesus und die Urchristen" in Deutschland publiziert.
In beiden Werken ging es um angeblich sensationelle Enthüllungen zu den Qumran-Rollen. 
Michael Baigent und Richard Leigh vertreten zum einen die These, Paulus habe die Botschaft Jesu verfälscht. Die angeblich wahre christliche "Urgemeinde" sei aber in den Qumran-Rollen beschrieben, die Baigent/Leigh dafür extra anders (später) datierten.
Zum anderen behaupteten sie, unter der Führung des Vatikans gäbe es eine Verschwörung, die Schriftrollen im eigenen Sinne "gefärbt" herauszugeben und einige der Öffentlichkeit ganz vorzuenthalten.
Eisenman und Wise veröffentlichten in "Jesus und die Urchristen" 1993 mehrere kaum bekannte Texte aus Höhle IV und wollten beweisen, dass der "Lehrer der Gerechtigkeit" aus den Qumran-Rollen identisch mit Jakobus, dem Verfasser des Jakobusbriefes (und angeblichen Bruder Jesu) sei.
(Robert Eisenman ist Professor für Religion und Archäologie des Nahen Ostens und Bruder des weltbekannten dekonstruktivistischen Architekten Peter Eisenman.)
In diese Diskussion Anfang der 1990er-Jahre griff auch die australische Theologin und Feministin Barbara Thiering mit dem Werk "Jesus von Qumran" ein.

Die Thesen von Baigent/Leigh (die sich ihrerseits z. T. auf Eisenman/Wise stützten) wurden in der Fachwelt stark angegriffen. Als Beispiel seien hier Otto Betz und Rainer Riesner genannt, die in "Jesus, Qumran and The Vatican: Clarifications" von 1994 viele der zum Thema gemachten Thesen aus ihrer Sicht richtig stellten.


Secret Germany: Claus Von Stauffenberg and the true story of Operation Valkyrie, 1994


The Elixir and the Stone: The Tradition of Magic and Alchemy, 1997



The Inquisition, 1999




WEITERES VORGEHEN

Man erkannte mit der Zeit die Stoßrichtung von Baigents Werken:
Es ging um historisch-mythologische Themen wie das frühen Christentum, die Templer, die Freimaurer, der Zweiten Weltkrieg, die katholische Kirche und andere Glaubensgemeinschaften.
Immer wieder ging es auch um Machtkämpfe innerhalb von Netzwerken und um deren verschwörerische Wirkung nach außen.
Neben Büchern arbeitete Baigent an Fernsehdokumentationen.

Im Jahre 1999 oder 2000 erwarb Michael Baigent noch einen M. A.-Abschluss in "Mystizismus und Religiöser Erfahrung" an der University of Kent. Seine Arbeit lautete "A Renaissance symbol: the meaning of the triangle containing the Hebrew name of God." 

Danach trat er selber Netzwerken bei und wurde als Freimaurer 2005 "Grand Officer of the United Grand Lodge of England". Gleichzeitig gab er das Magazin "Freemasonry Today" von 2001 - 2011 heraus, setzte sich aber für Liberalisierungen in der Freimaurerei ein.

Gleichzeitig warnte Baigent in den letzten Jahren seines Lebens vor dem (Wieder-)Erstarken einer zu fundamentalistisch interpretierten Religiosität.


PROZESS GEGEN DAN BROWN

Einige der Ideen aus "The Holy Blood and the Holy Grail" wurden später in Dan Browns Bestseller "Der Da Vinci Code" verwendet.

Dan Brown nannte einen führenden Akteur im Buch "Sir Leigh Teabing", der Königlich-Britischer Historiker und Mitglied mächtiger Gesellschaften war.
Teabing ist ein Anagram von (Michael) Baigent und Leigh der Nachname von (Richard) Leigh.

Baigent und Leigh zogen im März 2006 im Vereinigten Königreich vor Gericht und gingen insbesondere gegen Random House vor.
Zeitgleich veröffentlichte Baigent das Werk "The Jesus Papers", dem aber vorgeworfen wurde, dass es erstens nur die schon vorgebrachten Thesen von "The Holy Blood and the Holy Grail" wieder aufwärme und zweitens die Publicity des Gerichtsprozesses gegen Brown nutze.
(Baigent behauptete dagegen im Nachwort des Buches, die Veröffentlichung sei schon viel früher geplant gewesen.)

Am 07.04.2006 wies der Richter des High Court, Peter Smith, den Vorwurf der Urheberrechtsverletzung von Baigent und Leigh zurück. Am 28.03.2007 verloren beide auch noch in der Berufung und mussten ungefähr 3 Mio. £ an Gerichtskosten zahlen.


PRIVATLEBEN

Baigent heiratete 1983 seine Frau Jane. Mit ihr hatte er zwei Töchter.
Aus einer vorherigen Ehe seiner Frau hatte er einen Stiefsohn und eine Stieftochter.

Im Juni 2013 starb Baigent mit 65 Jahren an einer Hirnblutung.


QUELLEN/LITERATUR:

Wikipedia
-
mit Richard Leigh, Henry Lincoln: Der Heilige Gral und seine Erben. Ursprung und Gegenwart eines geheimen Ordens. Sein Wissen und seine Macht. Lübbe, Bergisch Gladbach 1984

mit Richard Leigh, Henry Lincoln: Das Vermächtnis des Messias. Auftrag und geheimes Wirken der Bruderschaft vom Heiligen Gral. Lübbe, Bergisch Gladbach 1987

mit Richard Leigh: Der Tempel und die Loge. Das geheime Erbe der Templer in der Freimaurerei. Lübbe, Bergisch Gladbach 1990

mit Richard Leigh: Verschlußsache Jesus. Die Qumranrollen und die Wahrheit über das frühe Christentum. Droemer Knaur, München 1991

mit Richard Leigh: Geheimes Deutschland. Stauffenberg und die Hintergründe des Attentats vom 20. Juli 1944. Droemer Knaur, München 1994

Das Rätsel der Sphinx. Sensationelle Spuren einer Zivilisation zwei Millionen Jahre vor unserer Zeit. Droemer Knaur, München 1998

Das Geheimnis der Templer. Droemer Knaur, München 2000 (Roman)
mit Richard Leigh: Verschlußsache Magie. Der Einfluß von Mythen und Mysterien auf unser Leben. Droemer Knaur, München 2000

Spiegelbild der Sterne. Das Universum jenseits der sichtbaren Welt. Droemer Knaur, München 2001

mit Richard Leigh: Als die Kirche Gott verriet. Die Schreckensherrschaft der Inquisition von ihren Ursprüngen bis in die Gegenwart. 3. Auflage. Lübbe, Bergisch Gladbach 2002

Die Gottes-Macher. Die Wahrheit über Jesus von Nazareth und das geheime Erbe der Kirche. Lübbe, Bergisch Gladbach 2006
-
https://www.fbibel.de/verschlusssache-jesus-a10910.html
https://www.geistlicher-felsen.de/die-qumran-rollen-schriftrollen-vom-toten-meer


Sonntag, 24. August 2025

PIER PAOLO PASOLINI

17.08.2025 - 24.08.2025

Pier Paolo Pasolini (Quelle: pixabay.com; hafteh7)

Pier Paolo Pasolini war ein italienischer Regisseur von Weltruhm und gleichzeitig investigativer Journalist und Gesellschaftskritiker.
Er fand unter mysteriösen Umständen in Ostia den Tod.

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JUGEND IN BOLOGNA

Pier Paolo Pasolini wurde 1922 in Bologna geboren.
Zu seinem Vater, einem italienischen Offizier, hatte er kein gutes Verhältnis. Zu seiner künstlerisch interessierten Mutter schon eher.

Pasolini wuchs in Bologna in einer Stadt voller Bildung und Kunst auf.

Pasolini interessierte sich früh für Kunstgeschichte und schrieb sich nach der Schule für dieses Fach ein. Sehr früh betätigte er sich auch als Journalist und Schriftsteller.
Die Filmemacherei, für die er später berühmt werden sollte, wurde erst spät sein Metier.


ERSTE SCHRIFTSTELLERISCHE WERKE

Pasolini dichtete schon in den 1940er-Jahren Gedichte im friaulischen Dialekt (publiziert 1954 als "La meglio gioventù"/"Die beste Jugend").
1950 siedelte er nach Rom über und veröffentlichte den Gedichtband "Le ceneri die Gramsci"/"Gramsci's Asche" (1957).
1955 veröffentlichte Pasolini den erfolgreichen Roman "Ragazzi di vita" (auf dt. bei Wagenbach). Der auch sprachlich experimentelle Roman enthält Erzählungen über Jugendliche aus dem römischen Subproletariat. Der Nachfolgeroman über diese Schicht von 1959 hieß "La vita violenta".
Der archaische Kampf ums Überleben dieser subalternen Klassen, in denen Pasolini aber auch sprachliche und körperliche Vitalität erkennen wollte, faszinierte den Autor. Er beschrieb den Kampf vor den Kulissen des traditionellen wie auch des modernen Roms. Die "ewige Stadt" wird als Metropole wahrgenommen, die aber auch mit ihrer Peripherie kommuniziert.
Pasolini sah diese Welt nicht nur aus seiner eigenen subjektiven Erfahrung, sondern auch durch das Schema eines Marxismus und Neorealismus.


EINSTIEG IN DIE FILMBRANCHE

Anfang der 1960er-Jahre geriet Pasolini jedoch in eine Schaffenskrise. Viele schriftstellerischen Ansätze waren erschöpft. Die Lösung des Problems bestand für ihn in der Hinwendung zum Film.
Er wollte jetzt "Die Realität mit der Realität ausdrücken". 1961 drehte er den Film "Accattone". Pasolini ging autodidaktisch vor. Er hatte wertvolle Ideen, musste sich die Beherrschung der Filmtechnik aber erst aneignen. Accattone war ein Überraschungserfolg.
1962 folgte "Mamma Roma" (mit Anna Magnani), 1964 "Das 1. Evangelium - Matthäus" und 1967 "Edipo Re - Bett der Gewalt" (mit Silvana Mangano). Daneben entstanden weitere kleine Produktionen.

In der 2. Hälfte der 1960er-Jahre veränderte sich allmählich Pasolinis Betrachtungsschwerpunkt: Er sah, dass sich die italinische Gesellschaft von einer Agargesellschaft zu einer "neokapitalistischen" Industriegesellschaft verändert hat.
Pasolini bekannte eine bourgeoisen Vereinheitlichung hin zu einer modernen Arbeits- und Konsumgesellschaft. Auch althergebrachte politische Gegensätze sah er zunehmend vor diesem Hintergrund: Neofaschisten wie junge Antifaschisten schienen beide im Konsumismus vereint zu sein. Es ging nicht mehr wirklich darum, ob man zu Mussolinis Zeiten zurückkehren wollte oder nicht.
1968 erschien "Teorema" ("Teorema - Geometrie der Liebe"), 1969 "Porcile" ("Der Schweinestall"), 1970 - 1974  die "Trilogie des Lebens" und 1975 der hochumstrittene Film "Salò - oder die 120 Tage von Sodom". Mit Salò war die Republik von Salò gemeint, ein umgangssprachlicher Begriff für die Italienische Sozialrepublik (RSI) in Norditalien. Im Jahre 1943 wurde Diktator Mussolini von seinem eigenen Rat für abgesetzt erklärt und auf dem Gran Sasso festgesetzt. Dort wurde er durch ein Kommanduunternehmen der SS befreit und zum Staatsoberhaupt der RSI in Norditalien erklärt. Süditalien war schrittweise von den Alliierten erobert worden. Die Führung des Deutschen Reichs und der mit ihr noch verbündete Teil der italienischen Faschisten hofften so - letztendlich vergeblich - das Vordringen der Alliierten aufhalten zu können.


HÖHEPUNKT DES SCHAFFENS UND TOD

Der Film "Salò - oder die 120 Tage von Sodom" beschriebt verschiedene Formen des menschlichen Sadismus und der Repression:
Einmal den Sadismus der bereits erwähnten Republik von Salò (RSI).
Dann den Sadismus, wie er im Werk "Die 120 Tage von Sodom" von Marquis de Sade beschrieben wird.
Und drittens den Sadismus der bereits aufziehenden modernen Konsumgesellschaft.
Pasolini greift besonders die Bourgeoisie an, der er die Verwirklichung eines neuen Systems der Repression und die Vernichtung soziokultureller Vielfalt vorwirft.

Es ist wahrscheinlich, dass dieser Film zusammen mit Pasolinis neu erwachter Begeisterung für den politisch-kritischen Journalismus sein Ende besiegelte.

Pasolini veröffnete in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre eine Reihe hochbrisanter Schriften, von denen einige aber erst nach seinem Tod erschienen sind:

  • Scritti corsari (Freibeuterschriften), 1975 (dt. bei Wagenbach)
  • Lettere Luterane (Lutherbriefe), 1976 posthum
  • Petrolio, 1976 zur Veröffentlichung angedacht, unvollendet 

Besonders mit seinem letzten Film und mit der geplanten Schrift "Petrolio" verärgerte Pasolini die Mächtigen Italiens. Die Werke zielten auf die Bourgeoisie, aber damit auch auf ihr willfährige Politiker und beider Netzwerkbeziehungen zum Sicherheitsapparat und zur Mafia.
Petrolio sollte die genauen Beziehungen der italienischen Energiewirtschaft zu anderen mächtigen und oft kriminellen Akteuren aufzeigen.


Pasolini starb in der Nacht vom 1. auf den 2.11.1975 in Ostia. Er wurde körperlich angegriffen und wohl mehrfach mit einem Auto angefahren. Zuerst vermutete man entweder einen Unfall oder einen Streit im Strichermilieu. Ein junger Mann bekannte sich der Tat bald schuldig.
Es deutet aber vieles darauf hin, dass Pasolini in Ostia in eine Falle gelockt und dann von mehreren Männern getötet wurde. Im Auto fand man auch später diverse Genspuren, als die entsprechenden Tests dafür zur Verfügung standen.

QUELLEN UND LITERATUR:

Wikipedia
-
Naldini, Nico: Pier Paolo Pasolini. Eine Biographie; 2012 (Wagenbach)
Pasolini, Pier Paolo: Freibeuterschriften: Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft; 1998 (Wagenbach)
de Sade, Marquis Donatien-Alphonse-Francois: Die 120 Tage von Sodom oder die Schule der Libertinage/Ausschweifung
Schweitzer, Otto: Pier Paolo Pasolini; Rowohlts Monographien
-
Galerie der abseitigen Künste - https://www.interview-mit-pasolini.de/pasolini

 

Sonntag, 17. August 2025

METALLICA

17.08.2025

Metallica (Kirk Hammett, Lars Ulrich, Robert Trujillo, James Hetfield; 2024)

Metallica ist eine US-amerikanische Metal-Band.

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GRÜNDUNG UND ZUSAMMENSETZUNG DER BAND

Metallica wurde 1981 in Los Angeles gegründet und ist seit 1982 in San Francisco ansässig. Zu Beginn schaltete der aus Dänemark stammende Schlagzeuger Lars Ulrich eine Anzeige im südkalifornischen „The Recycler“, in der er Metalmusicer zum Jammen suchte. Als Vorbilder nannte er Tygers of Pan Tang, Diamond Head und Iron Maiden.
Ulrich hatte außerdem Kontakte zu Brian Slagel.
Bis zur Gründung der Band und ihren ersten Erfolgen dauerte es aber noch einige Zeit.
Doch schon in den 1980ern gelang Metallica der Durchbruch.
Es kam aber immer wieder zu personellen Veränderungen. Der Gitarrist Dave Mustaine stieß 1982 zur Band, wurde aber bereits 1983 wieder entlassen und startete mit Megadeth durch. Der Bassist Cliff Burton trat ebenfalls 1982 der Band bei, starb aber 1986 bei einem Busunfall. Sein Nachfolger am Bass wurde bis 2001 Jason Newsted.
Länger bei der Band blieb Kirk Hammett (seit 1983). Auch Robert Trujillo, der erst 2003 zur Band kam, blieb ihr erhalten.

Metallica ist heute eine der erfolgreichsten Metalbands der Welt und hat bis 2025 über 100 Millionen Alben verkauft. Die Band wurde zehn Mal mit dem Grammy Award ausgezeichnet.


ENTWICKLUNG DES MUSIKSTILS

In ihren Anfängen in den 1980er-Jahren war Metallica bekannt für ihren harten Musikstil und galt neben Slayer, Megadeth und Anthrax als eine der "großen Vier" des Thrash Metal.
In dieser Zeit entstanden Alben wie:

  • Kill ’Em All (1983)

    • Whiplash

    • Jump in the Fire,
      später als klassisch angesehene Titel wie "Enter Sandman", "Master of Puppets" und "One"

  • Ride the Lightning (1984)

    • Creeping Death

  • Master of Puppets (1986)

    • Master of Puppets

  • … And Justice for All (1988)

    • Harvester of Sorrow

    • Eye of the Beholder

    • One

Anfang der 1990er-Jahre spielte Metallica neben Titel im klassisch-harten Stil auch ruhigere Titel. Davon zeugt das 1991 erschienene Album "Metallica", auch „The Black Album“ genannt.
Der Titel war einmal eine Anspielung auf das schwarze Cover und andererseits auf das Album "The Beatles/The White Album“ von 1968.

Single-Auskopplungen des Black Albums waren "Enter Sandman", "The Unforgiven", "Wherever I May Roam", "Sad but True" und das 'ruhigere' Lied "And Nothing Else Matters.
Diese ruhigeren Songs wurden auf M.TV und sogar im "regulären Rundfunk" gespielt - anders als Titel von Bands wie Iron Maiden, die kaum im Rundfunk und nur in speziellen Formaten im Musikfernsehen gespielt wurden.
Metallica öffnete sich auch neuen musikalischen Einflüssen wie dem Bluesrock.

1996 erschien das Album „Load“ und 1997 „ReLoad“.

Neben viel Zuspruch traf Metallica auch Widerspruch von „Puristen“. Nach 2000 kehrte die Band wieder zu ihren Wurzeln zurück. 2003 erschien ihr Album „St. Anger“.

2008 erschien „Death Magnetic“, 2016 „Hardwired … to Self-Destruct“ und 2023 „72 Seasons“.



DIE BARRACKEN-ANARCHISTEN (ANARCHICI DELLA BARACCA)

16.08.2025 

ἀναρχία | anarchía (pixabay.com)

Die "Baracken-Anarchisten" (Anarchici della Baracca; Barracks Anarchists) waren eine Gruppe aus fünf jungen Erwachsenen, die ihr Leben in einem Autounfall in der Nacht das 26.09.1970 verloren haben.
Der Unfall ereignete sich auf ihrem Weg nach Rom.
Die Umstände des Unfalls sind äußerst verdächtig. Die Anarchisten waren gerade dabei, Dokumente, die die Kollaboration von italienischen Spitzenpolitikern mit Neofaschisten und mit der Organisierten Kriminalität belegen sollten, abzuliefern.
Insbesondere ging es um das Gioia-Tauro-Massaker vom 22.07.1970 und um die Reggio-Revolte.

Der Name der Gruppe stammt von der Freiheitsvilla ("Baracca") bei Reggio Calabria, bei der sich seit den 1960er-Jahren alternative und anarchistische Jugendliche trafen.
Die Freiheitsvilla wurde 1908 nach dem Erdbeben von Messina erbaut.

Die Opfer des Autounfalls waren:

  1. Gianni Arico (22)
  2. Annelise Borth (18)
  3. Angelo Casile (20)
  4. Franco Scordo (18)
  5. Luigi Lo Celso (26) 


HINTERGRUND

Gianni Aricò, seine deutsche Freundin Annelise "Muki" Borth, Angelo Casile, Franco Scordo und Luigi Lo Celso hatten sich zum Ziel gesetzt, zwei Ereignisse zu dokumentieren, die beide  im Sommer 1970 stattfanden:

  • die Reggio-Revolte
  • die Entgleisung des "Sonnenzugs" am 22.07.1970 


Ihre Vermutung war, dass Neofaschisten vom Ordine Nuovo (Neue Ordnung) und von der Avanguardia Nazionale die Ereignisse der Reggio-Revolte infiltriert hatten und darauf aus waren, diese für subversive Zwecke zu nutzen.

Sie gingen außerdem davon aus, dass die Entgleisung des "Sonnenzugs" am 22.07.1970 in Gioia Tauro durch eine Sprengladung verursacht wurde, die von Neofaschisten in Zusammenarbeit mit der 'Ndrangheta verursacht wurden.

Die Gruppe unternahm eigene Recherchen zu diesem Thema. Sie operierte dabei in der Nähe der "Italienischen Anarchisten-Föderation" (FAI) und galt als "Bruno-Misefari-Gruppe".

Als die Gruppe in ihren Recherchen weit gekommen war, wollte sie nach Rom fahren, um das Material dort der "Umanità Nova" zu übergeben und den Rechtsanwalt Di Giovanni zu treffen, der sich bereits mit den Untersuchungen zum Bombenanschlag auf der Piazza Fontana befasste.

Insbesondere Gianni Aricò hatte im Vorfeld seiner Mutter gesagt, dass er Sachen entdeckt habe, "die Italien erschüttern werden".
Möglicherweise hatte die Gruppe aber nicht konspirativ genug agiert, denn am Ende kam es nicht zur Veröffentlichung des Materials.


DER AUTOUNFALL

Die Fahrt, die mit der Ankunft von US-Präsident Richard Nixon in Rom und geplanten Gegenprotesten zusammenfallen sollte (27.09.1970), endete 58 km vor Rom.

Zwischen Ferentino und Frosinone kollidierte ihr Mini mit einem Lkw und wurde unter diesen geschoben. Angelo Casile, Franco Scordo und Luigi Lo Celso waren auf der Stellt tot. Gianni Arico und Annelise Borth starben kurze Zeit später.

Am Dienstag, den 29.09.1970 fanden die Beerdigungen von Angelo Casile, Francesco Scordo und Gianni Aricò in Reggio Calabria statt, während Luigi Celsos Beerdigung zeitgleich in Cosenza stattfand.


UNTERSUCHUNGEN

Am 28.01.1971 verwies die Öffentliche Strafverfolgungsbehörde von Rom die Untersuchungen zum Fall zurück an die Strafverfolgungsbehörde von Frosinone. Der Untersuchungsrichter entschied per Dekret, dass der Fall als Unfall im Straßenverkehr zu betrachten sei.

Viele Menschen waren mit dieser "offiziellen Version" der Ereignisse nicht einverstanden.
Private Ermittlungen brachten zu Tage, dass der von zwei Männern gesteuerte Lkw für eine Firma fuhr, die "Prinz" Junio Valerio Borghese gehörte. Genau dieser Borghese galt als rechtsextrem und wollte wenige Wochen darauf einen Staatsstreich starten, der aber kurz nach dem Beginn aus bis heute ungeklärten Gründen abgeblasen wurde.

Borghese stammte aus einer angesehenen Familie und war im faschistischen Italien ein hoher Marineoffizier. Nach dem Sturz Mussolinis 1943, seiner anschließenden Befreiung durch die Nazis und seiner Einsetzung als Oberhaupt der "Republik von Salò" (Repubblica Sociale ItalianaRSI) arbeitete Borghese mit Feuereifer für die RSI. Auch nach dem Krieg bereute er nichts und hielt an seinem Kurs fest.
Zuerst engagierte er sich im politisch organisierten und mit der Zeit etablierten Neofaschismus. Allerdings war er so rechts, aktivistisch und antidemokratisch, dass er sogar diesen etablierten Neofaschisten zu rechts war.

Der Staatsstreich namens "Golpe Borghese" sollte wahrscheinlich in der Nacht vom 07. auf den 08.12.2025 durchgeführt werden (Pearl Harbor!). Gerüchte besagen, dass die Haltung der USA - insbesondere von Akteuren aus Politik, Militär und CIA - nicht einheitlich war. Für einen wirksamen Putsch hätte Borghese auch der NATO unterstellte Verbände benötigt, was eine Zustimmung oder wenigstens Duldung aus Washington vorausgesetzt hätte.
Man darf jedoch nicht vergessen, dass damals die NATO-Mitglieder Spanien, Portugal und Griechenland bereits Militärdiktaturen waren. Und in der Türkei griff das Militär wiederholt in die Politik ein, und zwar als Folge von wirklichen oder inszenierten Bedrohungen durch linke Kräfte innerhalb der Türkei. Insofern sahen sich die italienischen Putschisten "im Trend".

Veröffentlicht wurde der geplante Staatsstreich erst am 18.03.1971 in der "Paese Sera", der Nachmittagsausgabe der/des eher linken "Il Paese".

Junio Borghese floh mit einigen Verbündeten nach Spanien. Dort herrschte noch Diktator Franco. Auffälligerweise starb Borghese bereits im August 1974 in seinem Exil an einem Herzinfarkt. Gerüchte reißen nicht ab, dass er von rechten Kameraden vergiftet wurde.
Aber wenn es so war, was war dann das Motiv?

  • allgemeine Machtkämpfe unter Rechtsextremen
  • "Bestrafung" für die Unentschlossenheit beim Putsch
  • Borghese wusste zuviel
  • eine Mischung verschiedener Faktoren