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Freitag, 1. Mai 2015

THOMAS BORN


Thomas Born in der guten NDR-Doku "Als die Killer auf den Kiez kamen" (2012)

Crime-Pool


* 23.10.1951
+ 01.05.2015


Thomas Born wuchs in Berlin auf und interessierte sich früh für Kampfsport. Mit 13 Jahren (Quelle Wikipedia) trat er in die Judo-Abteilung des Polizeisportvereins Berlin ein. Später trainierte er Karate, danach kam Kickboxen. Kickboxen kam damals erst in Mode (u. a. durch Chuck Norris). Es wurde geschaffen, um die zerfaserten Budo-Sporten mit ihren vielen Schulen und Unterschulen untereinander vergleichbar zu machen und um Elemente europäischer Kampfsportarten wie z. B. Boxen zu integrieren.
Borns Eltern zogen derweil nach Hamburg um.

Thomas Born war in der Schule kein besonders motivierter Schüler, galt aber laut Aussagen von Lehrern als sehr zweikampfstark. Das Abitur schaffte er nur knapp. Danach war er nicht motiviert, Medizin zu studieren.
Born ging zunächst zur Fallschirmjägertruppe der Bundeswehr. Er erwies sich dort zwar als Kampfsau, hatte aber Schwierigkeiten, sich unterzuordnen. Als er sich dann noch mit einem Offizier prügelte, war der Dienst für ihn gelaufen. Hier zeigen sich schon Parallelen zum späteren Zuhälter Stefan Hentschel, der einen Ausbilder, der ihn mit Toilettensteinen (Duftsteinen) bewarf, zusammenschlug.

Diese Persönlichkeitsstruktur Borns kam nicht von ungefähr. Seine Eltern waren, was damals nicht unüblich war, dem "Vorgängersystem" der Bundesrepublik Deutschland nicht gerade abhold. Sein Vater war ein Kampffliegertyp und seine Mutter begeisterte sich für die damaligen NS-Sportideale.
Born beschrieb diese Situation Jahre später in den 90ern in einer Talkshow von Jürgen Fliege. Dort erläuterte er auch seine späteren Kiez-Auseinandersetzungen und seine Filmprojekte. Interessant ist die Passage, wo er erzählt, dass sein Vater, der seine Kiez-"Karriere" nicht so gut fand, in einem Fall von Finanzstreitigkeiten gerne auf seine (Gewalt-)Hilfe zurückgriff.

Born errang den Schwarzen Gürtel in Judo und Karate und nahm erfolgreich an Meisterschaften Teil. In Judo soll er sogar zum Olympiakader gehört haben (Qu: Wikipedia). Sein Name ist auch in Kampfsportfibeln zu finden.

Da Thomas Born keine Lust hatte, Arzt zu werden, eröffnete er in Hamburg 1976 eine Kampfsportschule (ähnlich wie Stefan Hentschel im Bereich Boxen). Hierbei kam, wie Born in einem Interview sagte, nicht er zum Kiez sondern der Kiez zu ihm (Qu: Als die Killer auf den Kiez kamen, NDR 2012).
Aus Thomas Born wurde "Karate-Tommy"!
Borns Kampfsportschule war zwar nicht die größte, aber eine der besten. Er wurde dadurch regional berühmt. Eine Zeit lang war er mit der Schlagersängerin Elke Best liiert, die mehrere Auftritte in der ZDF-Hitparade bei Dieter Thomas Heck hatte.

Mit dem Übergang zu den 80er-Jahren wurde das Auftreten auf dem Kiez generell anders. Man trug nicht mehr enganliegende 70er-Jahre-Klamotten, sondern trat gerne luftig, unbescheiden und mit den heute belächelten Föhnfrisuren auf. Deutlich erkennbar ist der Einfluss von Filmen und Serien wie Miami Vice, Rocky, Rambo, Cobra (dt. Die City-Cobra) mit Schauspielern wie Don Johnson, Silvester Stallone, Jean-Claude van Damme, Dolph Lundgren, Chuck Norris und Michael Dudikoff. Nicht selten wurde dieser aufgekratzten Stimmung mit Nasenpuder (Kokain) nachgeholfen!
Dieses an sich sehr dynamische und "berufsjugendliche" Auftreten barg jedoch Gefahren: Wenn man die Actionfilmrollen in die Realität umsetzt, entwickeln sich schnell gewaltsame und oft bewaffnete und tödliche Machtkämpfe um Geld, Frauen und Einfluss.

Auf dem Kiez war die Situation verfahren. In den 60er-Jahren hatte sich der Boxer und Hafenarbeiter (Kistenträger) Wilfrid "Frieda" Schulz zum Paten von St. Pauli emporgearbeitet. In den 70er-Jahren entstanden neue Zuhältergruppen wie die GMBH und später die Nutella-Bande und das Chikago. Die GMBH hatte sich nach ihren Chefs Gerd, Mischa, Beatle, Harry benannt, die Nutella bestand aus aufsteigenden Jungluden, die amerikanische Schlitten den traditionellen deutschen Karossen gegenüber bevorzugten und von Klaus Barkowsky angeführt wurden, das Chikago (Hans-Albers-Platz-Gruppe) war benannt nach einem Musikladen und "Eis-Café" am Hans-Albers-Platz, das von Leuten gegründet wurde, die z. T. noch im Windschatten von Wilfried Schulz groß geworden waren. Anfangs wurde es von Gustav "Jonny" Burger, Janny Gakomiros und Reinhard "Ringo" Klemm geführt, aber Burger starb 1972 bei einem Unfall auf der regennassen Autobahn und Gakomiros zog sich später aus den Hamburger Geschäften nach Bayern zurück.
Thomas Born hatte sich in dieser Situation der Nutella-Gang angeschlossen und war dort zuständig für die "Abteilung Stress". Luden-Gangs müssen - wie in der "normalen" Betriebswirtschaftslehre - bei wachsendem Erfolg immer arbeitsteiliger vorgehen und über eine klare Kompetenzenverteilung in den Bereichen Anwerbung/Personal, Organisation, Buchhaltung und Sicherheit/Gefahrenabwehr verfügen.
Born hatte dabei viel zu tun: Er bekämpfte konkurrierende deutsche Gruppen wie zugewanderte Süditaliener bzw. Sizilianer und hielt die Nutten auf Linie. Born konnte bzw. musste auch hier wieder muskulös auftreten und stürmte den einen oder anderen Laden!
Die GMBH und die Nutella waren sehr auf ihr Auftreten bedacht. In renommierten Diskotheken hatten beide Gruppen ihren "Stammtisch", von dem aus sie die Szene und den jeweiligen Gegner beobachten und gegebenenfalls neue Prostituierte anwerben konnten.

Besonders heikel war dabei der 22.10.1982. Zwischen den Gruppen GMBH und Nutella deutete sich ein größerer Konflikt an, der dann durch die Schlägerei zweier Nutten am Eros-Center (um Standplätze) eskalierte. Born, der gelegentlich schon vorher Konkurrenten mal am Telefon bedroht hatte, stürmte nun mit zwei Kollegen los, um den Konkurrenten im Salon Bel-Ami im Eros Center bescheidzustossen - es ist unklar, ob er noch weitere Männer in Reserve hatte. An seiner Seite waren damals "Angie" Becker und Klaus "SS-Klaus" Breitenreicher. Doch diese Aktion war nicht unproblematisch.
Auf der gegnerischen Seite waren nämlich drei nicht weniger entschlossene Luden, die ihrerseits Geschäftspartner von Stefan Hentschel waren (Salon Mademoiselle, Bel-Ami u. a.) und lose im Umfeld der GMBH operierten. Hentschel, der später durch seine TV-Ohrfeige auf der Großen Freiheit weltberühmt wurde (Qu: Der Boxprinz, Youtube) und Born hatten in dieser Zeit einige Reibereien, später versöhnten sie sich. Zum Zeitpunkt des Überfalls war Hentschel aber nicht zugegen. 
Eskalierend wirkte, dass die Angreifer der Nutella die Herren des Bel-Ami schon im Vorfeld mit Ansage bedroht haben. Als nun die Nutella-Männer angriffen, wurden sie sofort mit mehreren Pistolensalven empfangen. Dabei starben Angie Becker und SS-Klaus sofort. Möglicherweise war auch Kokain im Spiel, das gierig macht und zu Selbstüberschätzung und Kontrollverlust führt.
Thomas Born war zwar in den Bel-Ami-Puff eingedrungen, stand jetzt aber ohne seine beiden Flügelmänner da und befand sich in einer noch schwierigeren Situation weil er aufgrund des Tür-Buzzers nicht direkt entkommen konnte (damals war in vielen Bordellen der Schutz gegen Eindringlinge und Abhauer verstärkt worden). Als Karate-Tommy nun die Streifschüsse spürte, die er gefangen hatte, ging er in Deckung, so dass weitere Schüsse ihr Personenziel verfehlten, und merkte dann, dass ein Lude gerade seine Pistole nachlud. Jetzt nutzte er die Chance und sprang direkt durch die verschlossene Tür. Mit den Wunden des Sprunges und durch vorausgegangene Unterarm- und Bauchschüsse rannte er zurück in die Garage und fuhr zum Krankenhaus, wo er gerettet werden konnte. Diese Schießerei fiel ungefähr in die Zeit des Todes von Michael Luchting, des "M" der GMBM, der bei einem Hochsitz erhängt aufgefunden wurde. Es ist bis heute unklar, ob es Mord oder Selbstmord war. Auch wenn die beiden Taten nicht direkt zusammenhingen, war klar, dass auf dem Kiez verschärfte Verteilungskämpfe anstanden. In der Folge sollten gedungene Mörder wie Werner Pinzner mehrere Milieubosse "wegräumen".

Dieser Höhepunkt der Auseinandersetzungen war aber nicht allzuweit vom Ende der GMBH und der Nutella entfernt. Beide Banden wurden schon bald von der Polizei vom Markt genommen, einige Rockergruppen folgten. Dabei konnte die Polizei den Gruppen einige Gewalttaten nachweisen, musste aber auch den Weg des Finanzstrafrechtes gehen.
Die Chikago-Bande überlebte noch etwas länger und soll auch den "St.-Pauli-Killer" Werner Pinzner eingesetzt haben. Nach den Pinzner-Prozessen, die für das Chikago mangels noch lebender Zeugen noch recht glimpflich abgelaufen waren, wurde die Bande dann in den 90ern endgültig durch Vorwürfe des Drogenhandels und die allgemeine Yuppisierung des Kiezes mit steigenden Kosten vom Markt gefegt.

Thomas Born selbst wurde durch diese Aufräumaktionen der Polizei in seinen Geschäften stark beeinträchtigt. Er stieg später in das Sicherheitsgewerbe ein. Auch gab es immer wieder Vorwürfe von Geldeintreiber-Geschäften.

Wie dem auch sei: 1987 musste Born ins Gefängnis Fuhlsbüttel (Stanta Fu) ein-/umziehen. Als er 1989 freikam und wieder im Milieu mitmischen wollte, kam angeblich ein rettender Anruf aus Los Angeles von Burkhard Driest. Der Künstler und ehemalige Bankräuber arbeitete an Büchern und Filmen über das Milieu. Da war Born gerade richtig und flog in die USA. Wie die Hamburger Morgenpost berichtet, traf Karate-Tommy da sogar Madonna, die er aber nicht sofort erkannte. Sie griff ihm in einem Supermarkt in Malibu an die Arme und sagte "Big Muscles" und er griff ihr an die Brüste und meinte "Big Tits"!
Was Burkhard Driest anbelangt, so wuchs er nach dem Krieg in einer gewalttätigen Familie auf und wollte danach Jura studieren. Doch da kam er in die 68er-Krawalle, in denen eine Auflehnung gegen das Establishment als "cool" bzw. "hip" galt. Dieses Underground-Gehabe führte bei einigen Aktivisten auch zu einem Flirt mit dem Organisierten Verbrechen. Driest räumte so zwei Banken aus (zuerst nur eine nachgewiesen) und fuhr dafür schließlich in den Knast ein. Er trat später auch in Talkshows auf, wo er Romy Schneider kennenlernte ("Je später der Abend", 1974), mit der ihm auch eine Affäre nachgesagt wurde. Danach beschloss Driest, in die Kulturszene zu gehen. Er schrieb Bücher und produzierte Filme.


Born rundete auch nach der Rückkehr nach Deutschland seine Kiez-Geschäfte dadurch ab, dass er von Zeit zu Zeit an einem Film mitwirkte oder am Theater (Thalia) oder in diversen Talkshows auftret.
Bei Jürgen Fliege erzählte er in der Talkshow "Fliege" (1994 - 2005) nicht nur biographische Episoden aus seinem Kiezleben (s. o.), sondern erklärte auch, dass die Dialoge in Milieufilmen oft zu gesteltzt seien. Ansagen seien auf dem Kiez kürzer, statt "Gib mir mal die Knarre!" sagte man "Gib'n Eisen!"
Besonders berühmt wurde Born für seine beratende Funktion bei dem Sechsteiler von Dieter Wedel "Der König von St. Pauli" (1997, ausgestrahlt 1998). Sein Kiez-Kollege und ehemaliger Kontrahent Stefan Hentschel sah den Film dagegen kritischer, wie er in einem Spiegel-Interview mitteilte (03/98).

Neben Sicherheits-Gewerbe, Medienberatung und Talkshowauftritten wurde es zwischendurch immer mal wieder still um Thomas Born. Das änderte sich nach dem 19.12.2011 schlagartig, als Born vom Zuhälter Maik G. in der Talstraße auf St. Pauli mit einer Machete angegriffen wurde. Der Mann wurde danach "Macheten-Maik" genannt. Born kam ins Krankenhaus und trug seinen Arm in einer Binde, seine Verletzungen konnten aber ausheilen.

Im Mai 2013 stand er vor Gericht, weil er die Wirtin der Kiez Kneipe "Zur Ritze" beleidigt hatte. 

Ein schwererer Schlag ereilte Born am Sonntag, dem 26.04.2015, als er am Abend in seiner Wohnung in der Talstrasse zusammengebrochen war. Die Ambulanz brachte ihn in die Intensivstation. Zur Zeit der Abfassung dieses Artikels lag er bereits im Koma und am 01.05.2015 verstarb er im Krankenhaus.


QUELLEN:

Wikipedia
Eigenrecherche
Hamburger Morgenpost
NDR
- Als die Killer auf den Kiez kamen (2012)
Quick 
Spiegel
Schöne alte Unterwelt (03/98)
- Schafskopf vor der Tür (50/98)
stern








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