28.08.2025
"Empire - die neue Weltordnung" ("Empire. Globalization as a new Roman order, awaiting its early Christians") ist ein 2000 (dt. 2002) erschienenes Buch von Michael Hardt und Antonio Negri, das die Weltordnung zu Beginn des 21. Jhd.s beschreiben möchte.
Das Werk beschäftigt sich mit den Auswirkungen der (angeblichen) Globalisierung und postuliert, dass es auf der Welt die Tendenz gäbe, dass sich statt mehrerer Imperien (Großreiche) ein einziges Imperium, dass Empire, bilde. Souverän seien dann nicht mehr die Nationalstaaten, sondern das Kapital selber.
Diese Grundthese, die von Philosophen wie Slavoj Žižek gelobt wurde, wurde auch von einigen Intellektuellen kritisiert. Zum einen ist strittig, auf welche Aspekte der Gesellschaft sich überhaupt Globalisierungstendenzen beziehen - denn weltweite Handelsbeziehungen gab es schon zur Zeit der Entdeckungen seit dem späten 15. Jhd. - und ob sich statt der "herkömmlichen" Imperien wirklich ein Empire bildet.
Sicher gibt es international ähnliche Herrschafts- und Geschäftsstrukturen. Andererseits ist es aber so, dass sich klassische Imperien wie die USA, Russland, China oder künftig weitere Imperien eher auf ihre eigenen Kräfte verlassen oder sogar zueinander in Konkurrenz stehen, anstatt sich gemeinsam zu einem großen Empire zu transformieren.
Generell ist zu beobachten, dass das von einigen Forschern prognostizierte Absterben der Nationalstaaten - großen wie kleinen - nicht eingetreten ist und wahrscheinlich vorerst auch nicht eintreten wird. Inzwischen, also seit den 2010er-Jahren und spätestens seit der Ersten Präsidentschaft von Donald Trump diagnostizieren viele Analysten eher eine Re-Nationalisierung.
Inzwischen sind weitere Bände erschienen:
- Multitude - Krieg und Demokratie im Empire
- Common Wealth - Das Ende des Eigentums
INHALT
Empire will die Weltordnung an der Wende vom 20. zum 21. Jhd. beschreiben und erklären.
Hardt/Negri sehen den Imperialismus als (zugespitztes) Stadium des Kapitalismus' als überwunden an. Stattdessen sei der Souverän nicht mehr die Nationalstaaten selber, sondern das Kapital. Dieses verfüge über drei Machtinstrumente:
- die Atombombe
- das Geld
- den "Äther" (transnationale Kommunikationssysteme)
Die Macht herrscht jetzt auf eine andere Art und Weise:
- die Macht durchzieht das Leben mit Biomacht (Michel Foucault, Giorgio Agamben)
- die Nationalstaaten verlieren an Bedeutung
- Kriege werden zu Polizeiaktionen
- es wird immateriell und vernetzt produziert (immaterielle Arbeit)
- Institutionen der Disziplinargesellschaft nach wie Schule, Gefängnis, Klinik (vgl. Louis Althusser, Michel Foucault) verlieren ihre Begrenzung und werden über die ganze Gesellschaft ausgedehnt
- Sprachverhältnisse
- militärische Einheiten
- Muster der Migration
- soziale Bewegungen
- Firmen
- physiologische Strukturen
- persönliche Beziehungen
Es kennt verschiedene Subjektformen, flache Hierarchien und einen extremen Austausch in Computernetzwerken.
Der Begriff Multitude ist im Buch Empire nicht ganz präzise definiert. Im Buch "Multitude - Krieg und Demokratie im Empire" wird dies genauer ausgeführt.
Historisch zurückführen lässt sich der Begriff Multitude (multitudo) auf Cicero (De re publica), Spinoza (Multitudo) und Gilles Deleuze (Rhizom).
GEGENMAẞNAHMEN
- da das Empire problematische Züge trägt, sind Gegnmaßnahmen sinnvoll
- da es kein Außen mehr gibt, sollte man sich auch auf keinen Standpunkt außerhalb des Empires beziehen (sondern aus seinem Inneren heraus agieren)
- die Multitude sollte zu sich selbst kommen und das (parasitäre) Empire abwerfen
- Hardt/Negri halten aber das Ziel eines (positiv gesehenen) Kommunismus' für erreichbar
- es müssen drei Rechte durchgesetzt werden:
- Weltbürgerschaft
- sozialer Lohn
- Wiederaneignung
- Hardt/Negri entwerfen die Utopie eines "Gegen-Empires":
in diesem sei ein "neuer Mensch" möglich und die ges. Zustände seien besser;
körperliche Transformationen wie Piercings und Tätowierungen seien hierfür bereits erste Vorboten
REZEPTION
Die Rezeption des Buches war stark divergierend.
Zum einen schlug es mit seiner Thematik auf dem Büchermarkt und in öffentlichen und akademischen Diskussionen ein.
Slavoj Žižek lobte es als "Kommunistisches Manifest des 21. Jahrhunderts". In der damaligen Anti-Globalisierungsbewegung galt es vielen als "Bibel der Globalisierungskritik".
Das Buch erschien immerhin rund 10 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges und technisch zu einer Zeit, in der sich das 1993 für die Allgemeinheit freigegebene WWW weltweit durchsetzte. Smartphones benötigten aber noch ein knappes Jahrzehnt, um aufzutrumpfen.
Es gab aber auch eine Reihe von Kritikern.
Jörg Lau monierte in der ZEIT das "pseudowissenschaftliche Gedröhne" und ein Übermaß an Pathos (zuviel Nietzscheanismus, zuviel Befreiungskitsch). Nach Lau gehe es auch darum, nicht eingetroffene marxistische Prognosen mit dem Befund eines real weiter existierenden Kapitalismus' zu versöhnen.
Der US-Historiker Matthew Connolly bezeichnete das Buch 2006 als "413 Seiten voller Plattitüden".
In der deutschen Linken Presse wie "konkret" oder "Jungle World" wurde das Buch Empire auch tendenziell negativ dargestellt. Aus Sicht der Autoren bediene und schaffe es zum einen eine Mode und zum anderen habe sich empirisch gesehen gar nicht so viel am herrschenden System geändert.
Andreas Benl leitet seinen Artikel in der Jungle World im September 2002 ein:
"Mit ihrem Buch »Empire« haben Antonio Negri und Michael
Hardt anscheinend ein Standardwerk für die Antiglobalisierungsbewegung
geschrieben. Das Buch erfüllt ein linkes Bedürfnis. Schließlich gibt es
kaum noch Wälzer, die den Anspruch einer globalen Kapitalismuskritik
erheben. Außerdem erscheint Hardt/Negris Beschreibung der »Neuen
Weltordnung« origineller als das, was auf diesem Gebiet üblicherweise
noch geboten wird."
Und weiter:
Nach einem vierhundertseitigen Durchgang durch die
Geschichte des 20. Jahrhunderts, nach dem Lob der kapitalistischen
»Deterritorialisierung« und der Kritik des linken Antiimperialismus sind
Hardt/Negri schließlich bei einer philosophischen Begründung der
Forderung angekommen, die Attac im Namen trägt. Damit die Wertproduktion
gerecht weitergehen kann, müssen Korruption und Spekulation bekämpft
werden. Hardt/Negris Kommunismus entpuppt sich als religiös inspirierter
Kommunitarismus.
Unabhängig von diesen scharfen Polemiken kann man aber gegen das Werk einwenden, dass es zwar gewisse Entwicklungen hin zu einem von Hardt/Negri beschriebenen Empire geben mag - oder um 2000 gegeben hat, dass aber die Stärke und Souveränität der Nationalstaaten und insbesondere der Imperien (Großreiche) keinen wirklichen Dämpfer erhalten hat. Gerade die USA, Russland und China treten seit dem frühen 21. Jhd. immer nationalistischer und imperialistischer auf.
QUELLEN/LITERATUR:
Wikipedia
-
Benl, Andreas: Ein Reich komme. "Empire" befriedigt das Bedürfnis nach linker Welterklärung, erklärt aber wenig; in: Jungle World, 04.09.2002
Hardt, Michael/Antonio Negri: Empire. Globalization as a new Roman order, awaiting its early Christians; 2000
Hardt, Michael/Antonio Negri: Empire. Die neue Weltordnung; Frankfurt/Main 2002 (Campus)
Hardt, Michael/Antonio Negri: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire; Frankfurt/Main 2004 (Campus)
Hardt, Michael/Antionio Negri: Common Wealth. Das Ende des Eigentums; Frankfurt/Main 2010 (Campus)
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