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Dieser Universal-Blog ist aus einer Seite für Geschichte, Politik und Realienkunde hervorgegangen und wurde in Richtung Humanwissenschaften weiterentwickelt.
Sprachen: Englisch, Französisch, Spanisch; Latein, (Alt-)Griechisch; Russisch; Chinesisch, Japanisch; Arabisch; Mittelägyptisch; Hindi (Sanskrit) etc.
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Donnerstag, 28. August 2025

EMPIRE - DIE NEUE WELTORDNUNG

28.08.2025


"Empire - die neue Weltordnung" ("Empire. Globalization as a new Roman order, awaiting its early Christians") ist ein 2000 (dt. 2002) erschienenes Buch von Michael Hardt und Antonio Negri, das die Weltordnung zu Beginn des 21. Jhd.s beschreiben möchte.
Das Werk beschäftigt sich mit den Auswirkungen der (angeblichen) Globalisierung und postuliert, dass es auf der Welt die Tendenz gäbe, dass sich statt mehrerer Imperien (Großreiche) ein einziges Imperium, dass Empire, bilde. Souverän seien dann nicht mehr die Nationalstaaten, sondern das Kapital selber.

Diese Grundthese, die von Philosophen wie Slavoj Žižek gelobt wurde, wurde auch von einigen Intellektuellen kritisiert. Zum einen ist strittig, auf welche Aspekte der Gesellschaft sich überhaupt Globalisierungstendenzen beziehen - denn weltweite Handelsbeziehungen gab es schon zur Zeit der Entdeckungen seit dem späten 15. Jhd. - und ob sich statt der "herkömmlichen" Imperien wirklich ein Empire bildet. 
Sicher gibt es international ähnliche Herrschafts- und Geschäftsstrukturen. Andererseits ist es aber so, dass sich klassische Imperien wie die USA, Russland, China oder künftig weitere Imperien eher auf ihre eigenen Kräfte verlassen oder sogar zueinander in Konkurrenz stehen, anstatt sich gemeinsam zu einem großen Empire zu transformieren.
Generell ist zu beobachten, dass das von einigen Forschern prognostizierte Absterben der Nationalstaaten - großen wie kleinen - nicht eingetreten ist und wahrscheinlich vorerst auch nicht eintreten wird. Inzwischen, also seit den 2010er-Jahren und spätestens seit der Ersten Präsidentschaft von Donald Trump diagnostizieren viele Analysten eher eine Re-Nationalisierung.

Inzwischen sind weitere Bände erschienen:

  • Multitude - Krieg und Demokratie im Empire
  • Common Wealth - Das Ende des Eigentums 


INHALT

Empire will die Weltordnung an der Wende vom 20. zum 21. Jhd. beschreiben und erklären.
Hardt/Negri sehen den Imperialismus als (zugespitztes) Stadium des Kapitalismus' als überwunden an. Stattdessen sei der Souverän nicht mehr die Nationalstaaten selber, sondern das Kapital. Dieses verfüge über drei Machtinstrumente:

  • die Atombombe
  • das Geld
  • den "Äther" (transnationale Kommunikationssysteme) 
Die Macht hat jetzt angeblich kein eindeutiges Zentrum mehr. Sie ist überall.

Die Macht herrscht jetzt auf eine andere Art und Weise:
  • die Macht durchzieht das Leben mit Biomacht (Michel Foucault, Giorgio Agamben)
  • die Nationalstaaten verlieren an Bedeutung
  • Kriege werden zu Polizeiaktionen
  • es wird immateriell und vernetzt produziert (immaterielle Arbeit)
  • Institutionen der Disziplinargesellschaft nach wie Schule, Gefängnis, Klinik (vgl. Louis Althusser, Michel Foucault) verlieren ihre Begrenzung und werden über die ganze Gesellschaft ausgedehnt 
Es entsteht eine allgemeine und ubiquitäre Kontrollgesellschaft:
  • Sprachverhältnisse
  • militärische Einheiten
  • Muster der Migration
  • soziale Bewegungen
  • Firmen
  • physiologische Strukturen
  • persönliche Beziehungen 
Das Empire umfasst die ganze Welt, das ganze Leben und kennt kein Außen mehr.

Es kennt verschiedene Subjektformen, flache Hierarchien und einen extremen Austausch in Computernetzwerken.
 
Negri/Hardt sehen aber auch Begrenzungen: Das Empire sei gezwungen, auf Aktionen der "Multitude" (Vielheit, Menge; lat. multitudo) zu reagieren. Sie erschaffe es erst durch ihre Kreativität und Produktivität, so dass es von ihr abhängig sei.

Der Begriff Multitude ist im Buch Empire nicht ganz präzise definiert. Im Buch "Multitude - Krieg und Demokratie im Empire" wird dies genauer ausgeführt.
Historisch zurückführen lässt sich der Begriff Multitude (multitudo) auf Cicero (De re publica), Spinoza (Multitudo) und Gilles Deleuze (Rhizom). 


GEGENMAẞNAHMEN

  • da das Empire problematische Züge trägt, sind Gegnmaßnahmen sinnvoll
  • da es kein Außen mehr gibt, sollte man sich auch auf keinen Standpunkt außerhalb des Empires beziehen (sondern aus seinem Inneren heraus agieren)
  • die Multitude sollte zu sich selbst kommen und das (parasitäre) Empire abwerfen
  • Hardt/Negri halten aber das Ziel eines (positiv gesehenen) Kommunismus' für erreichbar
  • es müssen drei Rechte durchgesetzt werden:
    • Weltbürgerschaft
    • sozialer Lohn
    • Wiederaneignung 
  • Hardt/Negri entwerfen die Utopie eines "Gegen-Empires":
    in diesem sei ein "neuer Mensch" möglich und die ges. Zustände seien besser;
    körperliche Transformationen wie Piercings und Tätowierungen seien hierfür bereits erste Vorboten


REZEPTION


Die Rezeption des Buches war stark divergierend.
Zum einen schlug es mit seiner Thematik auf dem Büchermarkt und in öffentlichen und akademischen Diskussionen ein.

Slavoj Žižek lobte es als "Kommunistisches Manifest des 21. Jahrhunderts". In der damaligen Anti-Globalisierungsbewegung galt es vielen als "Bibel der Globalisierungskritik".
Das Buch erschien immerhin rund 10 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges und technisch zu einer Zeit, in der sich das 1993 für die Allgemeinheit freigegebene WWW weltweit durchsetzte. Smartphones benötigten aber noch ein knappes Jahrzehnt, um aufzutrumpfen.

Es gab aber auch eine Reihe von Kritikern.
Jörg Lau monierte in der ZEIT das "pseudowissenschaftliche Gedröhne" und ein Übermaß an Pathos (zuviel Nietzscheanismus, zuviel Befreiungskitsch). Nach Lau gehe es auch darum, nicht eingetroffene marxistische Prognosen mit dem Befund eines real weiter existierenden Kapitalismus' zu versöhnen.
Der US-Historiker Matthew Connolly bezeichnete das Buch 2006 als "413 Seiten voller Plattitüden".

In der deutschen Linken Presse wie "konkret" oder "Jungle World" wurde das Buch Empire auch tendenziell negativ dargestellt. Aus Sicht der Autoren bediene und schaffe es zum einen eine Mode und zum anderen habe sich empirisch gesehen gar nicht so viel am herrschenden System geändert.
Andreas Benl leitet seinen Artikel in der Jungle World im September 2002 ein:
"Mit ihrem Buch »Empire« haben Antonio Negri und Michael Hardt anscheinend ein Standardwerk für die Antiglobalisierungsbewegung geschrieben. Das Buch erfüllt ein linkes Bedürfnis. Schließlich gibt es kaum noch Wälzer, die den Anspruch einer globalen Kapitalismuskritik erheben. Außerdem erscheint Hardt/Negris Beschreibung der »Neuen Weltordnung« origineller als das, was auf diesem Gebiet üblicherweise noch geboten wird."
Und weiter:
Nach einem vierhundertseitigen Durchgang durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts, nach dem Lob der kapitalistischen »Deterritorialisierung« und der Kritik des linken Antiimperialismus sind Hardt/Negri schließlich bei einer philosophischen Begründung der Forderung angekommen, die Attac im Namen trägt. Damit die Wertproduktion gerecht weitergehen kann, müssen Korruption und Spekulation bekämpft werden. Hardt/Negris Kommunismus entpuppt sich als religiös inspirierter Kommunitarismus.

Unabhängig von diesen scharfen Polemiken kann man aber gegen das Werk einwenden, dass es zwar gewisse Entwicklungen hin zu einem von Hardt/Negri beschriebenen Empire geben mag - oder um 2000 gegeben hat, dass aber die Stärke und Souveränität der Nationalstaaten und insbesondere der Imperien (Großreiche) keinen wirklichen Dämpfer erhalten hat. Gerade die USA, Russland und China treten seit dem frühen 21. Jhd. immer nationalistischer und imperialistischer auf.


QUELLEN/LITERATUR:

Wikipedia
-
Benl, Andreas: Ein Reich komme. "Empire" befriedigt das Bedürfnis nach linker Welterklärung, erklärt aber wenig; in: Jungle World, 04.09.2002
Hardt, Michael/Antonio Negri: Empire. Globalization as a new Roman order, awaiting its early Christians; 2000
Hardt, Michael/Antonio Negri: Empire. Die neue Weltordnung; Frankfurt/Main 2002 (Campus)
Hardt, Michael/Antonio Negri: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire; Frankfurt/Main 2004 (Campus)
Hardt, Michael/Antionio Negri: Common Wealth. Das Ende des Eigentums; Frankfurt/Main 2010 (Campus)




Dienstag, 26. August 2025

MICHAEL BAIGENT

26.08.2025 (...)

Baigent, Michael und Leigh, Richard: Verschlusssache Jesus. Die  Qumranrollen und die Wahrhei ... - Versand-Antiquariat  www.buecher-boerse.com
Verschlussache Jesus.
Die Qumranrollen und die Wahrheit über das frühe Christentum
(1991)




* 27.02.1948 in Nelson, Neuseeland
+ 17.06.2013 in Brighton, England

Michael Baigent war ein britisch-neuseeländischer Autor.
Seine Bücher beschäftigten sich oft mit historisch-mythologischen Themen wie dem frühen Christentum, den Templern, den Freimaurern, dem Zweiten Weltkrieg oder Machtkämpfen innerhalb der katholischen Kirchen. Er schrieb oft mit Koautoren.
Gegnern werfen Baigent Effekthascherei, Pseudohistorismus oder einen Hang zu Verschwörungstheorien vor.

-

JUGEND

Michael Feran Meritxell Baigent wuchs in Neuseeland in einer religiösen Familie auf. Baigent wurde in Nelson geboren, wuchs dann aber in der Nähe in Motueka und Wakefield auf.
Da seine Eltern aber verschiedenen Konfessionen angehörten, verglich er die Atmosphäre mit Nordirland, wo es früher (z. T. noch heute) zu schweren religiösen aber auch ethnischen Kämpfen kam.
Baigents Vater war ein überzeugter Katholik und indoktrinierte seinen Sohn, seit er fünf wurde. Trotzdem verließ er die Familie, als Michael acht war.
Dann kam Baigent in die Obhut seines Großvaters mütterlicherseits, Lewis Baigent. Sein Ur-Großvater Henry Baigent war Bürgermeister und hatte einen Forstbetrieb gegründet.


STUDIUM UND JOURNALISTISCHE ANFÄNGE

Nach der Schule studierte Michael Baigent an der University of Canterbury in Christchurch Vergleichende Religionswissenschaft, Philosophie und Psychologie und schloss 1972 mit einem B. A. in Psychologie ab (hierzu gibt es verschiedene/abweichende Darstellungen).
Anfangs wollte oder sollte er ein naturwissenschaftliches Studium absolvieren, um später auch in die Forstwirtschaft einsteigen zu können.
Nach seinem Abschluss bereiste er die Welt und versuchte sich als Journalist. In Laos war er Kriegsphotograph und in Spanien Modephotograph.
Schließlich zog er 1976 mit seiner Familie nach England. Dort arbeitete er für die BBC als Photograph und arbeitete zusätzlich in einer Softdrinkfabrik auf Nachtschicht.
Baigent lernte bei der BBC Richard Leigh kennen, der gerade an einer Dokumentation über die Tempelritter arbeitete. Später sollten beide des öfteren kooperieren.
Baigent und Leigh trafen sich außerdem noch mit Henry Lincoln (Soskin).


WERKE MIT RICHARD LEIGH UND HENRY LINCOLN

The Holy Blood and the Holy Grail (Der Heilige Gral und seine Erben)

Das Autorentrio Baigent/Leigh/Lincoln fuhr nach Frankreich und recherchierte zu der Rennes-le-Château-Sage. In dem 1982 veröffentlichten Buch "The Holy Blood and the Holy Grail" ("Der Heilige Gral und seine Erben") arbeiteten sie diese Sage für ein Massenpublikum auf. Nachdem das Werk in den 1980ern einigen Erfolg erzielt hatte, wurde den Autoren aber bald vorgeworfen, es aus lauter Sensationslust mit den Fakten nicht so genau zu nehmen.

Die Kernthese war, dass die Suche (quest) nach dem Heiligen Gral daher komme, dass Jesus und Maria Magdalena miteinander ein Kind hatten, dessen Nachfahren später in die fränkische Königsdynastie der Merowinger einheirateten.
Gleichzeitig sollen die Nachfahren mit der (Geheim-)Gesellschaft der "Prieuré de Sion" verbunden gewesen sein.
Die Theorie, dass Jesus und Maria Magdalena eine körperliche Beziehung hatten, beruht auf Baigents Interpretation des "heilgen Kusses" auf seinen Mund, der im Frühchristentum nur unter Männern üblich war und einer behaupteten "spirituellen Ehe", wie sie im Evangelium des Philip beschrieben wurde.
Diese These wurde aber schon vorher von Laurence Gardner und Margaret Starbird vertreten.


The Messianic Legacy

1986 veröffentlichten Michael Baigent, Richard Leigh und Henry Lincoln "The Messianic Legacy".


WERKE MIT RICHARD LEIGH


Ab dem Jahre 1989 publizierten Baigent und Leigh mehrere Bücher als Autorenduo.


The Temple and the Lodge

In diesem Werk von 1989 behaupten Baigent Leigh, dass der Templer-Orden nicht einfach im Mittelalter ungegangen sei, sondern in einigen Elementen in die Freimaurerei eingegangen sei.

Nach dem Versuch des Französischen Königs, den Templerorden zu zerschlagen, seien einige Templer nach Schottland geflohen und hätten dort die Unabhängigkeitsbewegung unterstützt.

Außerdem hätten sie mit Hilfe freimaurerischer Bünde überlebt, und zwar:

  • Jacobite Freemasonry to Strict Observance
  • Grand Orient of France.

Des weiteren behaupten die Autoren, die Freimaurerei habe den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg unterstützt - und zwar nicht nur auf US-amerikanischer Seite, sondern auch dadurch, dass sie auf britischer Seite schlechte militärische Entscheidungen getroffen hätten wie Howe und Cornwallis.


The Dead Sea Scrolls Deception
(Verschlusssache Jesus)



Anfang der 1990er-Jahre war das Thema der "Qumran-Rollen" vom Toten Mehr wieder en vogue.

Der Hintergrund: Zwischen 1947 und 1956 wurden in elf Felshöhlen in der Nähe von Khirbet Qumran am Nord-West-Ufer des Toten Meeres (Westjordanland) die weltbekannten Schriftrollen von Qumran entdeckt. Der Fund umfasste Fragmente von ungefähr 900 Schriftrollen aus dem antiken Judentum. Zeitlich wird der Fund zwischen dem 3. Jhd. v. Chr. und dem 1. Jhd. n. Chr. eingeordnet.
Unter diesen Texten befinden sich etwa 200 Abschriften alttestamentlicher Bücher, die seitdem als bislang älteste bekannte Bibelhandschriften gelten.
Später fand man noch weitere antike Schriftrollen in Höhlen in der Nähe des Westufers des Toten Meeres.

Zu diesem Thema publizierte das Autorenduo Baigent/Leigh 1991 "The Dead Sea Scrolls Deception", das auf deutsch "Verschlusssache Jesus" hieß.
Das Werk verfehlte seine Wirkung nicht. Aber gerade in Deutschland schlug es ein wie eine Bombe. Hinzu kam noch, dass 1992 das "Jahr der Bibel" war!
Mit "Verschlusssache Jesus" von 1991 führte das Autorenduo Baigent/Leigh von Dezember 1991 bis November 1992 die Spiegel-Bestsellerlisten (oder deren Vorläufer) an. In damaligen Buchläden sah man das Werk fast überall in der Auslage (wenn es keine theologischen Bedenken gab).
 
In dem Werk vertreten die Autoren abweichende Thesen zu den Qumran-Rollen, stützen sich aber ihrerseits bereits auf früher geäußerte Thesen, insbesondere von Robert Eisenman & Co.
So haben Robert Eisenman und Michael Wise ähnliche Thesen bereits früher vertreten, aber erst 1993 mit "Jesus und die Urchristen" in Deutschland publiziert.
In beiden Werken ging es um angeblich sensationelle Enthüllungen zu den Qumran-Rollen. 
Michael Baigent und Richard Leigh vertreten zum einen die These, Paulus habe die Botschaft Jesu verfälscht. Die angeblich wahre christliche "Urgemeinde" sei aber in den Qumran-Rollen beschrieben, die Baigent/Leigh dafür extra anders (später) datierten.
Zum anderen behaupteten sie, unter der Führung des Vatikans gäbe es eine Verschwörung, die Schriftrollen im eigenen Sinne "gefärbt" herauszugeben und einige der Öffentlichkeit ganz vorzuenthalten.
Eisenman und Wise veröffentlichten in "Jesus und die Urchristen" 1993 mehrere kaum bekannte Texte aus Höhle IV und wollten beweisen, dass der "Lehrer der Gerechtigkeit" aus den Qumran-Rollen identisch mit Jakobus, dem Verfasser des Jakobusbriefes (und angeblichen Bruder Jesu) sei.
(Robert Eisenman ist Professor für Religion und Archäologie des Nahen Ostens und Bruder des weltbekannten dekonstruktivistischen Architekten Peter Eisenman.)
In diese Diskussion Anfang der 1990er-Jahre griff auch die australische Theologin und Feministin Barbara Thiering mit dem Werk "Jesus von Qumran" ein.

Die Thesen von Baigent/Leigh (die sich ihrerseits z. T. auf Eisenman/Wise stützten) wurden in der Fachwelt stark angegriffen. Als Beispiel seien hier Otto Betz und Rainer Riesner genannt, die in "Jesus, Qumran and The Vatican: Clarifications" von 1994 viele der zum Thema gemachten Thesen aus ihrer Sicht richtig stellten.


Secret Germany: Claus Von Stauffenberg and the true story of Operation Valkyrie, 1994


The Elixir and the Stone: The Tradition of Magic and Alchemy, 1997



The Inquisition, 1999




WEITERES VORGEHEN

Man erkannte mit der Zeit die Stoßrichtung von Baigents Werken:
Es ging um historisch-mythologische Themen wie das frühen Christentum, die Templer, die Freimaurer, der Zweiten Weltkrieg, die katholische Kirche und andere Glaubensgemeinschaften.
Immer wieder ging es auch um Machtkämpfe innerhalb von Netzwerken und um deren verschwörerische Wirkung nach außen.
Neben Büchern arbeitete Baigent an Fernsehdokumentationen.

Im Jahre 1999 oder 2000 erwarb Michael Baigent noch einen M. A.-Abschluss in "Mystizismus und Religiöser Erfahrung" an der University of Kent. Seine Arbeit lautete "A Renaissance symbol: the meaning of the triangle containing the Hebrew name of God." 

Danach trat er selber Netzwerken bei und wurde als Freimaurer 2005 "Grand Officer of the United Grand Lodge of England". Gleichzeitig gab er das Magazin "Freemasonry Today" von 2001 - 2011 heraus, setzte sich aber für Liberalisierungen in der Freimaurerei ein.

Gleichzeitig warnte Baigent in den letzten Jahren seines Lebens vor dem (Wieder-)Erstarken einer zu fundamentalistisch interpretierten Religiosität.


PROZESS GEGEN DAN BROWN

Einige der Ideen aus "The Holy Blood and the Holy Grail" wurden später in Dan Browns Bestseller "Der Da Vinci Code" verwendet.

Dan Brown nannte einen führenden Akteur im Buch "Sir Leigh Teabing", der Königlich-Britischer Historiker und Mitglied mächtiger Gesellschaften war.
Teabing ist ein Anagram von (Michael) Baigent und Leigh der Nachname von (Richard) Leigh.

Baigent und Leigh zogen im März 2006 im Vereinigten Königreich vor Gericht und gingen insbesondere gegen Random House vor.
Zeitgleich veröffentlichte Baigent das Werk "The Jesus Papers", dem aber vorgeworfen wurde, dass es erstens nur die schon vorgebrachten Thesen von "The Holy Blood and the Holy Grail" wieder aufwärme und zweitens die Publicity des Gerichtsprozesses gegen Brown nutze.
(Baigent behauptete dagegen im Nachwort des Buches, die Veröffentlichung sei schon viel früher geplant gewesen.)

Am 07.04.2006 wies der Richter des High Court, Peter Smith, den Vorwurf der Urheberrechtsverletzung von Baigent und Leigh zurück. Am 28.03.2007 verloren beide auch noch in der Berufung und mussten ungefähr 3 Mio. £ an Gerichtskosten zahlen.


PRIVATLEBEN

Baigent heiratete 1983 seine Frau Jane. Mit ihr hatte er zwei Töchter.
Aus einer vorherigen Ehe seiner Frau hatte er einen Stiefsohn und eine Stieftochter.

Im Juni 2013 starb Baigent mit 65 Jahren an einer Hirnblutung.


QUELLEN/LITERATUR:

Wikipedia
-
mit Richard Leigh, Henry Lincoln: Der Heilige Gral und seine Erben. Ursprung und Gegenwart eines geheimen Ordens. Sein Wissen und seine Macht. Lübbe, Bergisch Gladbach 1984

mit Richard Leigh, Henry Lincoln: Das Vermächtnis des Messias. Auftrag und geheimes Wirken der Bruderschaft vom Heiligen Gral. Lübbe, Bergisch Gladbach 1987

mit Richard Leigh: Der Tempel und die Loge. Das geheime Erbe der Templer in der Freimaurerei. Lübbe, Bergisch Gladbach 1990

mit Richard Leigh: Verschlußsache Jesus. Die Qumranrollen und die Wahrheit über das frühe Christentum. Droemer Knaur, München 1991

mit Richard Leigh: Geheimes Deutschland. Stauffenberg und die Hintergründe des Attentats vom 20. Juli 1944. Droemer Knaur, München 1994

Das Rätsel der Sphinx. Sensationelle Spuren einer Zivilisation zwei Millionen Jahre vor unserer Zeit. Droemer Knaur, München 1998

Das Geheimnis der Templer. Droemer Knaur, München 2000 (Roman)
mit Richard Leigh: Verschlußsache Magie. Der Einfluß von Mythen und Mysterien auf unser Leben. Droemer Knaur, München 2000

Spiegelbild der Sterne. Das Universum jenseits der sichtbaren Welt. Droemer Knaur, München 2001

mit Richard Leigh: Als die Kirche Gott verriet. Die Schreckensherrschaft der Inquisition von ihren Ursprüngen bis in die Gegenwart. 3. Auflage. Lübbe, Bergisch Gladbach 2002

Die Gottes-Macher. Die Wahrheit über Jesus von Nazareth und das geheime Erbe der Kirche. Lübbe, Bergisch Gladbach 2006
-
https://www.fbibel.de/verschlusssache-jesus-a10910.html
https://www.geistlicher-felsen.de/die-qumran-rollen-schriftrollen-vom-toten-meer


Sonntag, 24. August 2025

PIER PAOLO PASOLINI

17.08.2025 - 24.08.2025

Pier Paolo Pasolini (Quelle: pixabay.com; hafteh7)

Pier Paolo Pasolini war ein italienischer Regisseur von Weltruhm und gleichzeitig investigativer Journalist und Gesellschaftskritiker.
Er fand unter mysteriösen Umständen in Ostia den Tod.

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JUGEND IN BOLOGNA

Pier Paolo Pasolini wurde 1922 in Bologna geboren.
Zu seinem Vater, einem italienischen Offizier, hatte er kein gutes Verhältnis. Zu seiner künstlerisch interessierten Mutter schon eher.

Pasolini wuchs in Bologna in einer Stadt voller Bildung und Kunst auf.

Pasolini interessierte sich früh für Kunstgeschichte und schrieb sich nach der Schule für dieses Fach ein. Sehr früh betätigte er sich auch als Journalist und Schriftsteller.
Die Filmemacherei, für die er später berühmt werden sollte, wurde erst spät sein Metier.


ERSTE SCHRIFTSTELLERISCHE WERKE

Pasolini dichtete schon in den 1940er-Jahren Gedichte im friaulischen Dialekt (publiziert 1954 als "La meglio gioventù"/"Die beste Jugend").
1950 siedelte er nach Rom über und veröffentlichte den Gedichtband "Le ceneri die Gramsci"/"Gramsci's Asche" (1957).
1955 veröffentlichte Pasolini den erfolgreichen Roman "Ragazzi di vita" (auf dt. bei Wagenbach). Der auch sprachlich experimentelle Roman enthält Erzählungen über Jugendliche aus dem römischen Subproletariat. Der Nachfolgeroman über diese Schicht von 1959 hieß "La vita violenta".
Der archaische Kampf ums Überleben dieser subalternen Klassen, in denen Pasolini aber auch sprachliche und körperliche Vitalität erkennen wollte, faszinierte den Autor. Er beschrieb den Kampf vor den Kulissen des traditionellen wie auch des modernen Roms. Die "ewige Stadt" wird als Metropole wahrgenommen, die aber auch mit ihrer Peripherie kommuniziert.
Pasolini sah diese Welt nicht nur aus seiner eigenen subjektiven Erfahrung, sondern auch durch das Schema eines Marxismus und Neorealismus.


EINSTIEG IN DIE FILMBRANCHE

Anfang der 1960er-Jahre geriet Pasolini jedoch in eine Schaffenskrise. Viele schriftstellerischen Ansätze waren erschöpft. Die Lösung des Problems bestand für ihn in der Hinwendung zum Film.
Er wollte jetzt "Die Realität mit der Realität ausdrücken". 1961 drehte er den Film "Accattone". Pasolini ging autodidaktisch vor. Er hatte wertvolle Ideen, musste sich die Beherrschung der Filmtechnik aber erst aneignen. Accattone war ein Überraschungserfolg.
1962 folgte "Mamma Roma" (mit Anna Magnani), 1964 "Das 1. Evangelium - Matthäus" und 1967 "Edipo Re - Bett der Gewalt" (mit Silvana Mangano). Daneben entstanden weitere kleine Produktionen.

In der 2. Hälfte der 1960er-Jahre veränderte sich allmählich Pasolinis Betrachtungsschwerpunkt: Er sah, dass sich die italinische Gesellschaft von einer Agargesellschaft zu einer "neokapitalistischen" Industriegesellschaft verändert hat.
Pasolini bekannte eine bourgeoisen Vereinheitlichung hin zu einer modernen Arbeits- und Konsumgesellschaft. Auch althergebrachte politische Gegensätze sah er zunehmend vor diesem Hintergrund: Neofaschisten wie junge Antifaschisten schienen beide im Konsumismus vereint zu sein. Es ging nicht mehr wirklich darum, ob man zu Mussolinis Zeiten zurückkehren wollte oder nicht.
1968 erschien "Teorema" ("Teorema - Geometrie der Liebe"), 1969 "Porcile" ("Der Schweinestall"), 1970 - 1974  die "Trilogie des Lebens" und 1975 der hochumstrittene Film "Salò - oder die 120 Tage von Sodom". Mit Salò war die Republik von Salò gemeint, ein umgangssprachlicher Begriff für die Italienische Sozialrepublik (RSI) in Norditalien. Im Jahre 1943 wurde Diktator Mussolini von seinem eigenen Rat für abgesetzt erklärt und auf dem Gran Sasso festgesetzt. Dort wurde er durch ein Kommanduunternehmen der SS befreit und zum Staatsoberhaupt der RSI in Norditalien erklärt. Süditalien war schrittweise von den Alliierten erobert worden. Die Führung des Deutschen Reichs und der mit ihr noch verbündete Teil der italienischen Faschisten hofften so - letztendlich vergeblich - das Vordringen der Alliierten aufhalten zu können.


HÖHEPUNKT DES SCHAFFENS UND TOD

Der Film "Salò - oder die 120 Tage von Sodom" beschriebt verschiedene Formen des menschlichen Sadismus und der Repression:
Einmal den Sadismus der bereits erwähnten Republik von Salò (RSI).
Dann den Sadismus, wie er im Werk "Die 120 Tage von Sodom" von Marquis de Sade beschrieben wird.
Und drittens den Sadismus der bereits aufziehenden modernen Konsumgesellschaft.
Pasolini greift besonders die Bourgeoisie an, der er die Verwirklichung eines neuen Systems der Repression und die Vernichtung soziokultureller Vielfalt vorwirft.

Es ist wahrscheinlich, dass dieser Film zusammen mit Pasolinis neu erwachter Begeisterung für den politisch-kritischen Journalismus sein Ende besiegelte.

Pasolini veröffnete in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre eine Reihe hochbrisanter Schriften, von denen einige aber erst nach seinem Tod erschienen sind:

  • Scritti corsari (Freibeuterschriften), 1975 (dt. bei Wagenbach)
  • Lettere Luterane (Lutherbriefe), 1976 posthum
  • Petrolio, 1976 zur Veröffentlichung angedacht, unvollendet 

Besonders mit seinem letzten Film und mit der geplanten Schrift "Petrolio" verärgerte Pasolini die Mächtigen Italiens. Die Werke zielten auf die Bourgeoisie, aber damit auch auf ihr willfährige Politiker und beider Netzwerkbeziehungen zum Sicherheitsapparat und zur Mafia.
Petrolio sollte die genauen Beziehungen der italienischen Energiewirtschaft zu anderen mächtigen und oft kriminellen Akteuren aufzeigen.


Pasolini starb in der Nacht vom 1. auf den 2.11.1975 in Ostia. Er wurde körperlich angegriffen und wohl mehrfach mit einem Auto angefahren. Zuerst vermutete man entweder einen Unfall oder einen Streit im Strichermilieu. Ein junger Mann bekannte sich der Tat bald schuldig.
Es deutet aber vieles darauf hin, dass Pasolini in Ostia in eine Falle gelockt und dann von mehreren Männern getötet wurde. Im Auto fand man auch später diverse Genspuren, als die entsprechenden Tests dafür zur Verfügung standen.

QUELLEN UND LITERATUR:

Wikipedia
-
Naldini, Nico: Pier Paolo Pasolini. Eine Biographie; 2012 (Wagenbach)
Pasolini, Pier Paolo: Freibeuterschriften: Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft; 1998 (Wagenbach)
de Sade, Marquis Donatien-Alphonse-Francois: Die 120 Tage von Sodom oder die Schule der Libertinage/Ausschweifung
Schweitzer, Otto: Pier Paolo Pasolini; Rowohlts Monographien
-
Galerie der abseitigen Künste - https://www.interview-mit-pasolini.de/pasolini

 

Sonntag, 17. August 2025

METALLICA

17.08.2025

Metallica (Kirk Hammett, Lars Ulrich, Robert Trujillo, James Hetfield; 2024)

Metallica ist eine US-amerikanische Metal-Band.

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GRÜNDUNG UND ZUSAMMENSETZUNG DER BAND

Metallica wurde 1981 in Los Angeles gegründet und ist seit 1982 in San Francisco ansässig. Zu Beginn schaltete der aus Dänemark stammende Schlagzeuger Lars Ulrich eine Anzeige im südkalifornischen „The Recycler“, in der er Metalmusicer zum Jammen suchte. Als Vorbilder nannte er Tygers of Pan Tang, Diamond Head und Iron Maiden.
Ulrich hatte außerdem Kontakte zu Brian Slagel.
Bis zur Gründung der Band und ihren ersten Erfolgen dauerte es aber noch einige Zeit.
Doch schon in den 1980ern gelang Metallica der Durchbruch.
Es kam aber immer wieder zu personellen Veränderungen. Der Gitarrist Dave Mustaine stieß 1982 zur Band, wurde aber bereits 1983 wieder entlassen und startete mit Megadeth durch. Der Bassist Cliff Burton trat ebenfalls 1982 der Band bei, starb aber 1986 bei einem Busunfall. Sein Nachfolger am Bass wurde bis 2001 Jason Newsted.
Länger bei der Band blieb Kirk Hammett (seit 1983). Auch Robert Trujillo, der erst 2003 zur Band kam, blieb ihr erhalten.

Metallica ist heute eine der erfolgreichsten Metalbands der Welt und hat bis 2025 über 100 Millionen Alben verkauft. Die Band wurde zehn Mal mit dem Grammy Award ausgezeichnet.


ENTWICKLUNG DES MUSIKSTILS

In ihren Anfängen in den 1980er-Jahren war Metallica bekannt für ihren harten Musikstil und galt neben Slayer, Megadeth und Anthrax als eine der "großen Vier" des Thrash Metal.
In dieser Zeit entstanden Alben wie:

  • Kill ’Em All (1983)

    • Whiplash

    • Jump in the Fire,
      später als klassisch angesehene Titel wie "Enter Sandman", "Master of Puppets" und "One"

  • Ride the Lightning (1984)

    • Creeping Death

  • Master of Puppets (1986)

    • Master of Puppets

  • … And Justice for All (1988)

    • Harvester of Sorrow

    • Eye of the Beholder

    • One

Anfang der 1990er-Jahre spielte Metallica neben Titel im klassisch-harten Stil auch ruhigere Titel. Davon zeugt das 1991 erschienene Album "Metallica", auch „The Black Album“ genannt.
Der Titel war einmal eine Anspielung auf das schwarze Cover und andererseits auf das Album "The Beatles/The White Album“ von 1968.

Single-Auskopplungen des Black Albums waren "Enter Sandman", "The Unforgiven", "Wherever I May Roam", "Sad but True" und das 'ruhigere' Lied "And Nothing Else Matters.
Diese ruhigeren Songs wurden auf M.TV und sogar im "regulären Rundfunk" gespielt - anders als Titel von Bands wie Iron Maiden, die kaum im Rundfunk und nur in speziellen Formaten im Musikfernsehen gespielt wurden.
Metallica öffnete sich auch neuen musikalischen Einflüssen wie dem Bluesrock.

1996 erschien das Album „Load“ und 1997 „ReLoad“.

Neben viel Zuspruch traf Metallica auch Widerspruch von „Puristen“. Nach 2000 kehrte die Band wieder zu ihren Wurzeln zurück. 2003 erschien ihr Album „St. Anger“.

2008 erschien „Death Magnetic“, 2016 „Hardwired … to Self-Destruct“ und 2023 „72 Seasons“.



DIE BARRACKEN-ANARCHISTEN (ANARCHICI DELLA BARACCA)

16.08.2025 

ἀναρχία | anarchía (pixabay.com)

Die "Baracken-Anarchisten" (Anarchici della Baracca; Barracks Anarchists) waren eine Gruppe aus fünf jungen Erwachsenen, die ihr Leben in einem Autounfall in der Nacht das 26.09.1970 verloren haben.
Der Unfall ereignete sich auf ihrem Weg nach Rom.
Die Umstände des Unfalls sind äußerst verdächtig. Die Anarchisten waren gerade dabei, Dokumente, die die Kollaboration von italienischen Spitzenpolitikern mit Neofaschisten und mit der Organisierten Kriminalität belegen sollten, abzuliefern.
Insbesondere ging es um das Gioia-Tauro-Massaker vom 22.07.1970 und um die Reggio-Revolte.

Der Name der Gruppe stammt von der Freiheitsvilla ("Baracca") bei Reggio Calabria, bei der sich seit den 1960er-Jahren alternative und anarchistische Jugendliche trafen.
Die Freiheitsvilla wurde 1908 nach dem Erdbeben von Messina erbaut.

Die Opfer des Autounfalls waren:

  1. Gianni Arico (22)
  2. Annelise Borth (18)
  3. Angelo Casile (20)
  4. Franco Scordo (18)
  5. Luigi Lo Celso (26) 


HINTERGRUND

Gianni Aricò, seine deutsche Freundin Annelise "Muki" Borth, Angelo Casile, Franco Scordo und Luigi Lo Celso hatten sich zum Ziel gesetzt, zwei Ereignisse zu dokumentieren, die beide  im Sommer 1970 stattfanden:

  • die Reggio-Revolte
  • die Entgleisung des "Sonnenzugs" am 22.07.1970 


Ihre Vermutung war, dass Neofaschisten vom Ordine Nuovo (Neue Ordnung) und von der Avanguardia Nazionale die Ereignisse der Reggio-Revolte infiltriert hatten und darauf aus waren, diese für subversive Zwecke zu nutzen.

Sie gingen außerdem davon aus, dass die Entgleisung des "Sonnenzugs" am 22.07.1970 in Gioia Tauro durch eine Sprengladung verursacht wurde, die von Neofaschisten in Zusammenarbeit mit der 'Ndrangheta verursacht wurden.

Die Gruppe unternahm eigene Recherchen zu diesem Thema. Sie operierte dabei in der Nähe der "Italienischen Anarchisten-Föderation" (FAI) und galt als "Bruno-Misefari-Gruppe".

Als die Gruppe in ihren Recherchen weit gekommen war, wollte sie nach Rom fahren, um das Material dort der "Umanità Nova" zu übergeben und den Rechtsanwalt Di Giovanni zu treffen, der sich bereits mit den Untersuchungen zum Bombenanschlag auf der Piazza Fontana befasste.

Insbesondere Gianni Aricò hatte im Vorfeld seiner Mutter gesagt, dass er Sachen entdeckt habe, "die Italien erschüttern werden".
Möglicherweise hatte die Gruppe aber nicht konspirativ genug agiert, denn am Ende kam es nicht zur Veröffentlichung des Materials.


DER AUTOUNFALL

Die Fahrt, die mit der Ankunft von US-Präsident Richard Nixon in Rom und geplanten Gegenprotesten zusammenfallen sollte (27.09.1970), endete 58 km vor Rom.

Zwischen Ferentino und Frosinone kollidierte ihr Mini mit einem Lkw und wurde unter diesen geschoben. Angelo Casile, Franco Scordo und Luigi Lo Celso waren auf der Stellt tot. Gianni Arico und Annelise Borth starben kurze Zeit später.

Am Dienstag, den 29.09.1970 fanden die Beerdigungen von Angelo Casile, Francesco Scordo und Gianni Aricò in Reggio Calabria statt, während Luigi Celsos Beerdigung zeitgleich in Cosenza stattfand.


UNTERSUCHUNGEN

Am 28.01.1971 verwies die Öffentliche Strafverfolgungsbehörde von Rom die Untersuchungen zum Fall zurück an die Strafverfolgungsbehörde von Frosinone. Der Untersuchungsrichter entschied per Dekret, dass der Fall als Unfall im Straßenverkehr zu betrachten sei.

Viele Menschen waren mit dieser "offiziellen Version" der Ereignisse nicht einverstanden.
Private Ermittlungen brachten zu Tage, dass der von zwei Männern gesteuerte Lkw für eine Firma fuhr, die "Prinz" Junio Valerio Borghese gehörte. Genau dieser Borghese galt als rechtsextrem und wollte wenige Wochen darauf einen Staatsstreich starten, der aber kurz nach dem Beginn aus bis heute ungeklärten Gründen abgeblasen wurde.

Borghese stammte aus einer angesehenen Familie und war im faschistischen Italien ein hoher Marineoffizier. Nach dem Sturz Mussolinis 1943, seiner anschließenden Befreiung durch die Nazis und seiner Einsetzung als Oberhaupt der "Republik von Salò" (Repubblica Sociale ItalianaRSI) arbeitete Borghese mit Feuereifer für die RSI. Auch nach dem Krieg bereute er nichts und hielt an seinem Kurs fest.
Zuerst engagierte er sich im politisch organisierten und mit der Zeit etablierten Neofaschismus. Allerdings war er so rechts, aktivistisch und antidemokratisch, dass er sogar diesen etablierten Neofaschisten zu rechts war.

Der Staatsstreich namens "Golpe Borghese" sollte wahrscheinlich in der Nacht vom 07. auf den 08.12.2025 durchgeführt werden (Pearl Harbor!). Gerüchte besagen, dass die Haltung der USA - insbesondere von Akteuren aus Politik, Militär und CIA - nicht einheitlich war. Für einen wirksamen Putsch hätte Borghese auch der NATO unterstellte Verbände benötigt, was eine Zustimmung oder wenigstens Duldung aus Washington vorausgesetzt hätte.
Man darf jedoch nicht vergessen, dass damals die NATO-Mitglieder Spanien, Portugal und Griechenland bereits Militärdiktaturen waren. Und in der Türkei griff das Militär wiederholt in die Politik ein, und zwar als Folge von wirklichen oder inszenierten Bedrohungen durch linke Kräfte innerhalb der Türkei. Insofern sahen sich die italienischen Putschisten "im Trend".

Veröffentlicht wurde der geplante Staatsstreich erst am 18.03.1971 in der "Paese Sera", der Nachmittagsausgabe der/des eher linken "Il Paese".

Junio Borghese floh mit einigen Verbündeten nach Spanien. Dort herrschte noch Diktator Franco. Auffälligerweise starb Borghese bereits im August 1974 in seinem Exil an einem Herzinfarkt. Gerüchte reißen nicht ab, dass er von rechten Kameraden vergiftet wurde.
Aber wenn es so war, was war dann das Motiv?

  • allgemeine Machtkämpfe unter Rechtsextremen
  • "Bestrafung" für die Unentschlossenheit beim Putsch
  • Borghese wusste zuviel
  • eine Mischung verschiedener Faktoren

 

 



PIERRE DRIEU LA ROCHELLE

16./17.08.2025; 23.08.2025

 

Pierre Drieu la Rochelle (1938)

* 03.01.1893 in Paris
+ 15.03.1945 in Paris 

Pierre Eugène Drieu la Rochelle war ein französischer Schriftsteller.
Er stammte aus einer bürgerlichen Familie, mit deren Doppelmoral er nicht zufrieden war. Mit 21 Jahren nahm er am Ersten Weltkrieg teil und wurde dadurch wie viele desillusioniert.
Nach abgebrochenem Jurastudium wurde er Schriftsteller und flirtete zuerst mit der extremen Linken und dann mit der extremen Rechten, was sich gegen Ende der deutschen Besatzungszeit und mit dem Sieg der Gaullisten für ihn als fatal erweisen sollte.
Drieu La Rochelle galt als Dandy par excellence.

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JUGEND

Pierre Drieu la Rochelle war der Sohn eines Rechtsanwaltes aus einer alten normannischen Familie und der Tochter eines Architekten. Der Namenszusatz "La Rochelle" geht auf den militärischen Spitznamen eines Vorfahrens (Pierre Drieu) aus der Zeit der Revolutionskriege zurück. Obwohl die Familie als angesehen galt, war die Ehe der Eltern Drieus instabil. Der Vater galt außerdem als verschwenderisch. Drieu erhielt dann emotionale Zuflucht bei seinem Großvater mütterlicherseits, Eugène Lefebvre.

Drieu la Rochelle wurde von seinen Eltern auf eine katholische Knabenschule geschickt. Dort kam er mit idealistischen und mit altsprachlich-humanistischen Gedanken in Berührung. Nach eigener Darstellung wurde er jedoch schon mit 14 Atheist, wobei er sich an Friedrich Nietzsches "Zarathustra" orientierte. 

Nach der Schule begann Drieu la Rochelle schon vor dem Ersten Weltkrieg ein Jurastudium. Bei den Prüfungen konnte er sich jedoch nicht bewähren.

DER ERSTE WELTKRIEG

Dafür meldete er sich freiwillig als Soldat für den Ersten Weltkrieg. Ohne den übertriebenen Enthusiasmus manch anderer empfand er dennoch die Strukturiertheit des Soldatenlebens als positiv. Drieu bemerkte eher kühl, dass er sich den Deutschen entgegenstellen wolle.

Drieu la Rochelle diente in der Infanterie und in der Artillerie, neben französischen Kriegsschauplätzen wie Verdun auch auf den Dardanellen, wurde mehrfach verwundet und stieg bis 09.1918 zum Adjutanten (Hauptfeldwebel) auf.
Ähnlich wie deutsche Kriegsautoren wie Ernst Jünger verarbeitete auch Drieu la Rochelle seine Kriegserlebnisse in Büchern, z. B. der "Comédie de Charleroi". 
Das Ende des I. Weltkrieges stürzte ihn in eine Sinnkrise.


ZWISCHENKRIEGSZEIT UND POLITISCHE SUCHE

Zuerst flirtete Drieu la Rochelle mit dem Trotzkismus, wandte sich aber dann einer chauvinistischen Lebenseinstellung zu, was der autobiographisch inspirierte Roman Gilles (die Unzulänglichen) darlegt.

Drieu La Rochelle arbeitete für André Gides Literaturzeitschrift "Nouvelle Revue Francaise" (NRF), die später unter der deutschen Besatzungszeit eine unrühmliche Rolle spielen sollte. Auch hatte er Kontakte zum Surrealismus. Seine Freunde waren André Malraux, Louis Aragon und Antoine de Staint-Exupéry.

Von 1917 bis 1925 war er mit der Jüdin Colette Jéramec verheiratet. Später retterte er sie und ihre beiden Kinder aus zweiter Ehe aus dem Sammellager Drancy.
Danach hatte er zahlreiche Affähren, u. a. mit Victoria Ocampo und Christiane Renault (der Ehefrau von Louis Renault).

Drieu galt im Politischen wie im Privaten als sehr wankelmütig. Sein Schreibstil war aber präzise und beschrieb und enttarnte genau das menschliche Verhalten.
Zwischen den Weltkriegen schrieb Drieu in seinen Werken über die Dekadenz der französischen Oberschicht. Ein Klassiker aus dieser Zeit war "Rêveuse bourgeoisie", auf Deutsch: "Die verträumte Bourgeoisie". Gemeint war mit Bourgoisie das als dekadent geltende (Groß-)Bürgertum. Auch im Deutschen verwendete man oft den französischen Begriff. Man denke nur an die Werke von Karl Marx und Friedrich Engels.

Drieu la Rochelle knüpfte Kontakte zu Schriftstellerkollegen wie Jacques Rigaut. Dessen Suizid traf ihn schwer und beeinflusste das Buch "Le Feu follet" bzw. "Das Irrlicht". Noch heute gilt die Erzählung Literaturwissenschaftlern als eine eindringliche Schilderung menschlichen Scheiterns.

Drieu gilt außerdem als früher Entdecker des Werkes von Jorge Luis Borges, der als Mitbegründer des Magischen Realismus' gilt. Drieu besuchte Anfang der 1930er Borges sogar in Buenos Aires.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Borges auch für seine Konkurrenz und gleichzeitig für seine Gespräche mit Ernst Jünger bekannt.


WACHSENDER FLIRT MIT DEM FASCHISMUS

Politisch flirtete Drieu la Rochelle weiter mit diversen Tendenzen.
Der Antibourgois intensivierte in der 2. Hälfte der 1920er seine Kontakte zum Industriellen Ernest Mercier und seiner konservativ-antiparlamentarischen Bewegung "Redressement francois".
Anfang der 1930er-Jahre unterhielt er dagegen Kontakte zum linksliberalen Parti radical.
Ab etwa 1934 freundete er sich zunehmend mit dem französischen Faschismus an.
Man muss dazu wissen, dass 1933 Hitler in Deutschland an die Macht kam und 1934 ein halbherziger Putschversuch rechter Gruppen in Paris scheiterte.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Frankreich noch eher patriotisch-konservativ gestimmt. Nach verschiedenen politischen Skandalen und sozialen Spannungen kam es dagegen immer mehr zu einer politischen Polarisierung zwischen Links und Rechts.
Drieu entschied sich immer mehr für die revolutionäre Rechte und trat 1936 der Parti Populaire Francais von Jacques Doriot bei, der übrigens selber früher Kommunist war, dann aber in der eigenen Partei in Ungnade geraten ist.
In der Zeit der deutschen Besatzung von 1940 - 1944 sollte sich der PPF zu einer radikalen Kollaborationspartei entwickeln. Aber Drieu fand ihn schon vorher gut.
Drieus Faschismus trug jedoch eigene Züge. Er mochte den Radikalismus und auch Nationalismus in Italien und im Deutschen Reich, hatte aber weniger pangermanische oder wie in Italien auf eine Wiedererrichtung des Römischen Reiches ausgerichtete Phantasien.
Er setzte auch weniger auf Biologismus und Rassismus, Antisemit war er jedoch schon.
Stattdessen setzte er verstärkt auf einen "Euronationalismus" und eine Positionierung eines autoritär geführten Europas zwischen den Machtblöcken von Washington und Moskau - oder New York und Moskau, wenn man seine kapitalismuskritische und gleichzeitig antisemitische Betrachtung der global aktiven Geschäftsstadt New York bedenkt.


DER ZWEITE WELTKRIEG

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs griff Hitler zunächst Polen an und teilte es mit der verspätet von Osten einmarschierenden Sowjetunion auf.

Die Beistandserklärungen von Großbritannien und Frankreich für Polen waren nur halbherzig und in dieser frühen Epoche des Krieges nicht kriegsentscheidend.
In Frankreich gab es eine - gerade auch durch die Rechte entfachte - Skepsis, ob man "für Danzig sterben" solle. Es gab in Frankreich nämlich auch starke Bedenken gegenüber der Sowjetunion und deren Verhalten gegenüber Polen, dem Baltikum und Finnland.
Außerdem war das Bündnis mit England zwar dann en vogue, wenn es darum ging, ein zu stark gewordenes Deutsches Reich einzuhegen, aber historisch waren Frankreich und England bzw. Großbritannien oft eher Gegner als Verbündete. Man denke nur an den äußerst brutal geführten Hundertjährigen Krieg im 14. und 15. Jhd., auch wenn dieser schon längere Zeit zurücklag.

Nach dem Deutschen Angriff auf Polen erklärten zwar Großbritannien und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg, unternahmen aber fast nichts.
Dies gab der Deutschen Armee die Gelegenheit, erst Polen militärisch zu besiegen und dann seine Kräfte neu zu bündeln, um nun auch gegen den Westen zu ziehen. Man darf nicht vergessen, dass Deutschland unter Hitler (und z. T. schon davor) enorme Rüstungsangstrengungen unternommen hatte, es dem Land jedoch an einer wirklichen Tiefenrüstung fehlte und die Deutschen selber noch aus dem Ersten Weltkrieg wussten, dass militärische Anfangserfolge bei gleichzeitiger Einkreisung und Nachschubmangel am Ende die Niederlage bringen konnten.

Hitler setzte deshalb bei der Auswahl seines Angriffsplans gegen Westeuropa auf eine schnelle Strategie und Taktik, die später als Blitzkrieg-Doktrin in die Geschichte eingehen sollte. Hierfür nutze man die neuen Möglichkeiten einer flexibel eingesetzten, durch Funk vernetzten und mit Luftnahunterstützung (z. B. durch "Stukas" bzw. Sturzkampfbomber) verstärkten Panzerwaffe.
Beispielhaft seien für diese neue Angriffsweise die Namen von Manstein, Guderian und Rommel genannt.

Ein so geführter Angriff konnte einen schnellen Erfolg bringen - musste es aber auch, weil ihm die Reserven fehlten.
Auf den im Mai 1940 beginnenden deutschen Angriff war die französische Armee überhaupt nicht eingestellt. Sie hatte zwar ähnlich viele Panzer, war aber bei weitem nicht so flexibel wie die deutsche Armee und vertraute zu sehr der starren Maginot-Linie, die in Rückgriff auf die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges gebaut worden war und nicht einmal durchgehend fertiggestellt war. Man unterschätzte auch den deutschen Durchbruchswillen im bewaldeten Ardennengebirge.
Insgesamt erschien die französische Armee auch zu sehr durch überkommenen Standesdünkel und traditionelle Rituale erstarrt und konnte so nicht schnell genug reagieren. Nur einige wenige Militärs wie Charles de Gaulle hatten vor der Gefahr gewarnt. Er alleine und ein paar Verbündete konnten aber 1940 wenig ausrichten.
Ein weiterer Faktor war aber, dass das, was man später Heimatfront nennen sollte, nicht stand.
Die inneren Rechts-Links-Kämpfe hatten Frankreichs Abwehrwillen schwer zugesetzt. Das erkannten nicht nur weise französische Analysten, sondern auch US-Strategen.

Das Ergebnis des deutschen Siegs innerhalb von nur 6 Wochen war, dass ein Teil Frankreichs um einen Waffenstillstand ersuchen wollte, dafür stand Pétain. Er sollte später sogar zu einer begrenzten Kollaboration mit den Deutschen übergehen. Und ein weiterer Teil um Charles de Gaulle floh mit seinen Truppen und britischen Verbündeten ins britische Exil, um weiter gegen Deutschland zu kämpfen.
Bemerkenswert ist, dass zunächst ein erheblicher Teil der französischen Bevölkerung und auch des Sicherheitsapparates für die "révolution nationale" von Pétain war und nur ein kleiner Teil für den noch kaum bekannten de Gaulle. Als sich aber spätestens ab 1944 die Machtverhältnisse änderten, tat nun ein Großteil der Bevölkerung so, als ob er immer schon im Widerstand gegen Pétain und die NS-Besatzer und für das "Freie Frankreich" de Gaulles gewesen sei.

Es war fast so wie in Deutschland, wo die Begeisterung für Hitler mindestens von 1938 - 1942 (wenn nicht deutlich länger) kaum Grenzen kannte, während dann ab 1945 kaum mehr jemand ein Nazi gewesen sein wollte.

Für Drieu La Rochelle wurde diese Kollaborationszeit jedoch zum Verhängnis.

Drieu wurde einer der Wortführer der Kollaboration mit den deutschen Nationalsozialisten. Er wollte ein antikommunistisches und antisemitisches starkes Europa zwischen den Machtblöcken im Westen und Osten.
Mit Gerhard Heller, einem Vertreter der Besatzungsmacht, gründete Drieu im Verlag Gallimard die im Juni 1940 eingestellte NRF im Dezuember neu. Drieu wurde ihr Chefredakteur bis zur Einstellung der Zeitschrift im Juli 1943. Gernard Heller sollte nach dem Krieg fünf Bücher von Drieu la Rochelle ins Deutsche übersetzen.

In den Jahren 1941 und 1942 besuchte Drieu mit anderen kollaborationistischen Autoren in Weimar das "Europäische Dichtertreffen". Im Nachhinein sollte dies vielen Autoren zum Verhängnis werden.
Das Europäische Dichtertreffen wurde von der von Joseph Goebbels initiierten und anfangs von Hans Carossa geleiteten "Europäischen Schriftstellervereinigung" organisiert. Federführend bei der Organisation war der Generalsekretär der Vereinigung, Carl Rothe.
Viele Intellektuelle ließen sich von der anfänglichen Begeisterung treiben und blenden. Bei der Reise durch das siegreiche Deutschland waren sie verwundert, dass ein gerade militärisch besiegtes Land, dass noch vor kurzem an wirtschaftlichen Problemen und innerer Uneinigkeit litt, zu einer solchen Stärke gelangt war.
Was sie nicht wussten, weil viele Wirtschaftskennzahlen geheim waren, war, dass der scheinbare Erfolg der Nazis auf Pump (i. e. Schulden) aufgebaut war und dem Reich die Tiefenrüstung fehlte. Zumindest kam es nicht gegen die 1941 neu hinzugekommenen Kriegsgegner Sowjetunion und USA gleichzeitig an.

Mit der Zeit war aber Drieu zunehmend enttäuscht, dass bei den Nazis der Deutsche Nationalismus stärker war als der Europäische. 1944 und 1945 bekannte Drieu in seinem "Récit secret" (Geheimen Bericht), dass er von Hitlers Politik enttäuscht war.
Drieu setzte allerdings nicht auf eine Redemokratisierung Frankreichs im Falle eines Sieges der Westmächte, sondern dachte eher an einen Sieg des autoritären Stalin.

Drieu erkannte, dass er bei den vorrückenden Truppen der Westmächte in der Falle saß und ihm mindestens die Verhaftung, wenn nicht sogar die Todesstrafe, drohte. Nach mindestens zwei Selbstmordversuchen nahm er sich am 15.03.1945 mit Gas das Leben.

In der Nachkriegszeit war Drieu in Frankreich zunächst aufgrund seiner Kollaboration bei der Mehrheit verhasst. Mit der Zeit beschäftigten sich aber wieder einige Literaturfreunde mit seinen Werken und es kam zu einer Teilrehabilitierung, wozu auch der Récit secret beitrug.

Einige Werke von ihm wurden auch verfilmt:
  • Das Irrlicht; 1963; Regie: Louis Malle
  • Die Frau am Fenster; 1976; Regie: Pierre Granier-Deferre
  • Oslo, 31. August; 2011; Regie: Joachim Trier

 
 

MEINUNG/KOMMENTAR: HISTORIA PERPETUA

Meinung (pixabay.com)


In der Antike gab es das Ideal der Historia perpetua, der ununterbrochenen Geschichte bzw. Geschichtsschreibung.

Eigentlich ist das ein guter Ansatz. Allerdings passt die Schreibart der verschiedenen Historiker oft nicht ganz zueinander.

Außerdem kann es sein, dass entweder Lücken entstehen oder bestimmte Zeitabschnitte mehrfach (und unterschiedlich) beschrieben werden.

Heute konzentriert man sich eher auf isolierte Themenbereiche, auch wenn manchmal gesagt wird, man müsse "ganzheitlich" denken und die "Interdependenz" sehen.

Ein Beispiel für Historia perpetua ist der Übergang der Beschreibung des Peloponnesischen Krieges von Thukydides auf Xenophon.
(Der Originaltitel des Peloponnesischen Krieges von Thukydides ist nicht überliefert, Xenophons Werk wird "Hellenika" genannt.)


 

Freitag, 1. August 2025

RAYMOND BOUDON

01.08.2025 

Raymond Boudon (2008)


* 27.01.1934 in Paris

+ 10.04.2013

Raymond Boudon war ein französischer Soziologe und Philosoph.

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LEBEN

Raymond Boudon studierte ab 1954 Philosophie an der Ecole Normale Supérieur (Paris) und wandte sich dann immer mehr den Sozialwissenschaften zu.

Von 1961 - 62 hatte Boudon einen Gastaufenthalt an der Columbia University (New York). Dort traf er die Forscher Paul F(elix) Lazarsfeld (1901 - 1976 und Robert K(ing) Merton (1910 - 2003).
Paul Lazarsfeld war ein österreichischer Jude, der sich in Studien und Aktionen sehr genau mit dem Schicksal der Arbeiterklasse auseinandersetzte.
1933 ging er in die USA und 1935 beschloss er, dort zu bleiben. Lazarsfeld nannte sich danach "Marxist on leave", was mit Marxist auf Urlaub übersetzt wird. Nicht ganz klar ist, ob er damit den Umzug in die USA meinte oder den Wegzug von den marxistischen Dogmen seines früheren Lebens.
Boudon arbeitete von 1962 bis 1964 am Centre d'Études Sociologiques (Paris) an seiner These für ein "doctorat d'état" (in etwa eine Habilitation).
Noch 1964 wurde er an der Universität Bordeaux Professor.
1967 übernahm Boudon die neue Professur für Methodologie der Sozialwissenschaften an der Universität Parix IV (Paris-Sorbonne). Hier blieb er bis zum Ende seiner akademischen Laufbahn.


WISSENSCHAFT UND METHODIK

Raymond Boudon war ein Pionier der mathematischen Modellierung innerhalb der französischen Soziologie. Er griff hier auch angelsächsische Ideen auf.
Es ging Boudon neben statistischen Analysen auch um eine "generative" Theoriebildung.

Boudons Forschungsinteresse galt dabei v. a. sozialer Mobilität und ungleichen Bildungschancen.
In "L'inégalité des chances" von 1973 ("Education, Opportunity, and Social Inequality"; 1974, überarbeitet) setzt Boudon bei der Erforschung sozialer Mobilität und Ungleichheit auf einen handlungstheoretischen Ansatz (h. Perspektive) statt auf die damals übliche Variablen-Soziologie (Otis Duncan; Robert Hauser).

Boudon vertrat einen methodologischen Individualismus, der soziale Phänomene durch Annahmen über das Handeln von Individuen erklären wollte.

Durch die Erklärung makrosoziologischer Tatbestände durch mikrosoziologische Handlungsmodelle entwickelte Boudon die Theorie der rationalen Entscheidung (Rational-Choice-Theorie) weiter.

Seit den 1980ern setzte sich Boudon auch verstärkt mit dem Begriff Ideologie auseinander.
Für ihn ist aber Ideologie nicht einfach nur "falsches Bewusstsein", sondern kann viele Bedeutungen haben.
1986 erschien sein Buch "L'ideologie. L'origine des idée récues", 1988 die deutsche Version "Ideologie. Geschichte und Kritik eines Begriffs".

Boudon erläuterte darin sein Ideologieverständnis anhand einer 2 x 2 - Tabelle.

Definitionen von Ideologie und Arten ihrer Erklärung



MITGLIEDSCHAFTEN

Raymond Boudon war gut vernetzt und entsprechend Mitglied in vielen Gesellschaften:

  • Académie des sciences morales et politiques
  • Academia Europaea
  • British Academy
  • American Academy of Arts and Sciences
  • International Academy for the Human Sciences of St. Petersburg
  • Royal Society of Canada (Société Royale du Canada)
  • Argentinische Akademie für die Sozialwissenschaften

1995 erhielt Boudon den Amalfi-Preis, mit vollem Namen "Premio Europeo Amalfi per la Sociologia e le Scienze Sociali".


VERÖFFENTLICHUNGEN (AUSWAHL)
  • À quoi sert la notion de structure?, 1968
    (D: Strukturalismus - Methode und Kritik, 1973)
  • La crise de la sociologie, 1971
  • L'Inégalité des chances, 1973
    (GB: "Education, Opportunity, and Social Inequality"; 1974, überarbeitet)
  • Mathematical Structures of Social Mobility, 1973
  • Effets pervers et ordre social, 1977
  • La Logique du social, 1979
    (D: Die Logik des gesellschaftlichen Handelns, 1980)
  • La Place du désordre, 1984
  • L'ideologie. L'origine des idée récus, 1986
    (D: Ideologie. Geschichte und Kritik eines Begriffs")
  • Dictionnaire critique de la sociologie, 1990
  • Déclin de la morale, déclin des valeurs, 2002
  • Tocqueville aujourd'hui, 2005
  • Renouveler la démocratie: éloge du sens commun, 2006
  • The Origin of Values, 2001
  • The Poverty of Relativism, 2004
  • Contributions to the General Theory of Rationality, 2013
    (D: Beiträge zur allgemeinen Theorie der Rationalität, 2015)

LITERATUR (KLEINE AUSWAHL)
  • Parsons, Talcott/Edward Shils/Paul F. Lazarsfeld: Soziologie - autobiographisch. Drei kritische Berichte zur Entwicklung einer Wissenschaft; Stuttgart 1975 (dtv)
  • Goblot, Edmond: Klasse und Differenz. Soziologische Studie zur modernen französischen Bourgeoisie; Konstanz 1994 (Univ.-Verlag Konstanz)
  • Jean-Michel Morin: Boudon, un sociologue classique. Paris 2006 (L’Harmattan)
  • John Goldthorpe: Pioneers of Sociological Science: Statistical Foundations and the Theory of Action; Cambridge 2021 (Cambridge University Press), S. 177–189
  • Viktoria Jung: Soziale Herkunft als Ursache für Bildungsungleichheit und Bildungsentscheidungen: Ein Theorievergleich der Ansätze von Pierre Bourdieu und Raymond Boudon; Bachelorarbeit 2020
  • Robert Leroux: Penser avec Raymond Boudon; PUF 2022
  • Yasin Özden: Die Entstehung und Reproduktion von sozialer Bildungsungleichheit nach Pierre Bourdieu und Raymond Boudon: Wie entstehen Bildungsungleichheiten in der Schule und welche Rolle spielt das kulturelle Kapital dabei?; Studienarbeit 2022


Dienstag, 22. Juli 2025

MEIR KAHANE UND DER KAHANISMUS

22.07.2025

Meir Kahane, 1975

* 01.08.1932 in Brooklyn (New York City)
+ 05.11.1990 in Manhattan (New York City)

Meir Kahane, der als Martin David Kahane geboren wurde, war ein orthodoxer Rabbiner, religiöser Zionist, und weit rechter Politaktivist in den USA und Israel.
Nach ihm ist der Kahanismus benannt, der bis heute die zionistische und israelische radikale Rechte bestimmt.

JUGEND

Meir Kahane wurde als Martin David Kahane geboren. Schon sein Vater, Charles Kahane, war orthodoxer Rabiner und radikaler Zionist. Charles Kahane prägte das Weltbild seines Sohnes nachhaltig. Im Haus der Kahanes gingen rechte und insbesondere revisionistische Zionisten ein und aus. Charles Kahane unterstützte auch die terroristische Irgun.

In den 1930er- und 1940er-Jahren, also noch vor der Gründung des Staates Israel, orteten rechte Zionisten in den USA verschiedene Feinde:

  • die britische Mandatsmacht in Palästina, die der Gründung eines jüdischen Staates im Wege stand (abhängig von jeweils mächtigen Politikern in GB)
  • die Araber und speziell palästinensischen Araber/Palästinenser, die sich vor Ort durch einen geplanten Judenstaat bedroht fühlten
  • den 1933 in Deutschland an die Macht gekommenen Nationalsozialismus
  • in geringerem Ausmaß der italienische Faschismus (für einige Zionisten war er methodisch auch ein Vorbild)
  • weiße, christliche Rassisten in den USA
  • Schwarze in den USA, die die oft wirtschaftlich erfolgreichen Juden als Provokation empfanden
  • nach Stalins Wende in den späten 1940er-Jahren vom Pro-Linkszionismus zum Antisemitismus und Antizionismus auch die Sowjetunion


Meir Kahane besuchte auf Wunsch des Vaters die rechtszionistische Betar-Jugend. Diese war von Wladimir Zeev Jabotinsky gegründet worden. Sein dortiger Jugendführer war Mosche Arens, der später israelischer Verteidigungsminister wurde.
1952 trat Kahane der noch radikaleren Bne Akiwa bei. In der Schule war Kahane sowohl akademisch als auch sportlich gut. Damals gab es im Zionismus die Vorstellung, dass Juden aus ihrem rein geistigen Image herausgehen müssten und zusätzlich (kampf-)sportliche Kompetenzen lernen sollten, um ihre Interessen in einem aggressiven Umfeld durchzusetzen.
Kahane spielte in der Schule Baseball. Er traf in seiner Nachbarschaft, in der wenig Juden wohnten, auf Antisemitismus.


AKTIVISMUS IN DEN USA

Als Erwachsener wurde Kahane zum orthodoxen Rabbiner ordiniert und nannte sich Meir (der Erleuchtete). 1956 heiratete er Libby und zeugte mit ihr 4 Kinder.
1958 wurde er Rabbiner des Howard Beach Jewish Center in Queens.
Die Gemeinde war ihm aber zu liberal und trug seine Idee der Mechiza (Trennung von Männern und Frauen in der Synagoge) nicht mit.
Darüber publizierte er in der jüdisch-orthodoxen Jewish Press den Artikel "End of The Miracle of Howard Beach". Er blieb der Jewish Press bis zum Lebensende treu.

Am Übergang zu den 1960er-Jahren soll Meir Kahane im Auftrag des FBI als Michael King und Christ die rechtsradikale John-Birch-Society ausspioniert haben.
In den 1960ern soll Kahane außerdem ein außereheliches Verhältnis zu Gloria Jean D'Argenio, einer Christin, gehabt haben, die sich nach der Trennung das Leben nahm (Quelle: Michael T. Kaufman).

Im "Umbruchsjahr" 1968 gründete Meir Kahane die Jewish Defense League (JDL), die sich als paramilitärische Organisation gegen Nazis, schwarze Antisemiten und Einrichtungen und Vertreter der Sowjetunion richtete. Damals war es in den USA ein großes Politikum, ob die sowjetischen Juden eine Auswanderungsfreiheit bekommen könnten oder nicht.
Die JDL wird manchmal mit der Anti-Defamation League (ADL) verwechselt, will aber bewusst schärfer als die ADL gegen Antisemitismus vorgehen.
Als Symbol für die JDL wählte Kahane - ähnlich wie bei später von ihm oder seinen Anhängern gegründeten Organisationen - die Faust vor dem Davidstern. Angeblich soll das ein Symbol samt Racheaufforderung von Juden in Konzentrationslagern gewesen sein.
Anfangs wählte er als Farbkombination Blau-Weiß, ähnlich der Flagge Israels, weil diese Farben traditionell mit dem Judentum verbunden wurden.
Interessanterweise wählte er später für seine Kach-Partei aber die Grundfarbe Gelb (!), die im Mittelalter oft zur Stigmatisierung der Juden verwendet wurde.

Die JDL beging nach US-amerikanischem Recht schwere Straftaten - im Namen ihrer Ideale.
Trotzdem wurden ihre Mitglieder einschließlich Meir Kahane nur mild bestraft.
Kahane wurde 18-mal verhaftet, kam aber oft gegen Kaution frei, die ihm auch noch von Joseph Columbo bezahlt wurde, der Boss und Namensgeber einer der Fünf Familien der Mafia bzw. der Cosa Nostra.
Inmitten dieser Auseinandersetzungen ging/floh Kahane im Jahre 1971 nach Israel. Einige warfen ihm vor, dass er nicht 1967 zum Sechs-Tage-Krieg dorthin gegangen sei.


AKTIVISMUS IN ISRAEL

In Israel angekommen gründete Kahane gleich 1971 die Kach-Partei. Ihr Symbol war wieder eine Faust vor dem Davidstern, diesmal aber in Schwarz-Gelb, obwohl (weil?) Gelb im europäischen Mittelalter als antisemitische bzw. antijüdische Farbe galt.

Die Kach-Partei war am Anfang nur eine Splitterpartei, fiel aber medial mit radikalen Forderungen auf. Kahane legte damit in Israel die Grundlage für die Ideologie des Kahanismus, die aus zahlenmäßig kleinen Anfängen heraus immer stärker werden und für die kommenden Jahrzehnte die israelische Politik formen sollte. Der Kahanismus war auch die treibende Kraft hinter vielen Gewalttaten.

Der Kahanismus war:

  • nationalistisch (religiös wie ethnisch => Rassismusvorwurf)
  • ultrareligiös
  • antidemokratisch, pro-theokratisch
  • Israel kann nicht demokratisch sein, weil dann seine Identität bei veränderter ethnischer Zusammensetzung der Wählerschaft "abgewählt" werden könnte
  • nominell anti-westlich
  • außenpolitisch expansionistisch hin zu einem Großisrael
Der Kahanismus war und ist nationalistisch und zugleich ultrareligiös. Er hat aber nichts mit den antizionistischen Ultraorthodoxen zu tun, die den Staat Israel ablehnen, weil sie meinen, so ein Staat könne nur von Gott errichtet/wiederhergestellt werden.
Der Kahanismus war antidemokratisch und verfolgte das Ideal einer Theokratie. Als 1978/79 im Iran die Islamische Revolution unter Chomeini stattfand, empfand Kahane für deren Methoden und Vorgehensweise durchaus Sympathien. Nur war er eben Jude und kein Moslem. Das brachte ihm den Spitznamen "Israel's Ayatollah" ein.
Nach außen hin war der Kahanismus expansionistisch. Man wollte ein Großisrael errichten, das mindestens auch das Ostjordanland umfasste, wenn nicht sogar den Sinai und Teile Mesopotamiens. Dies war durchaus eine Anlehung an radikalzionistische Ansichten aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und der israelischen Staatsgründung.
Meir Kahane war streng genommen auch anti-westlich, obwohl er in den USA Unterstützer hatte. Er sah das Judentum als eine östliche Religion an und wandte sich - in Anlehnung an die Antike - gegen den "Hellenismus". Damit meinte er nicht die gleichnamige nachklassische Epoche der antiken griechischen Geschichte, sondern die hellenisierten Juden dieser Zeit, die ihre eigene Tradition aufgrund ihrer Anpassung an den hellenistischen Zeitgeist vernachlässigten.

Konkret forderte Kahane vom Staat Israel eine harte Haltung gegenüber seinen Nachbarn und im Inneren eine Politik, die unbedingt verhindern sollte, dass die Juden ihre Majorität (Mehrheitsrolle) gegenüber den Palästinensern/Arabern (je nach Sichtweise) verlören.
Dementsprechend forderte er Gefängnisstrafe für Liebesbeziehungen zwischen Juden und Nichtjuden und gleichzeitig den Ausbau jüdischer Siedlung und die Vertreibung oder zumindest Entrechtung der in Kernisrael und den 1967 besetzten Gebieten lebenden Palästinenser/Araber.

Viele etablierte Politiker warfen der Partei Rassismus vor, was durchaus nicht unberechtigt ist.
Kahane betrachtete Araber als minderwertig. Es kam deshalb und wegen diverser Gewaltakte zu Gerichtsprozessen.

Als Hardliner bekämpfte Kahane Ende der 1970er-Jahre auch das Camp-David-Abkommen, dessen Zustandekommen am 17.09.1978 er aber nicht verhindern konnte. Am 26.03.1979 kam sogar ein Israelisch-Ägyptischer Friedensvertrag zustande.
Ägyptens Präsident Anwar as-Sadat, der später von islamischen Extremisten im eigenen Land ermordet wurde, erhoffte sich durch die Annäherung an den einstigen Feind Israel einmal die Rückgewinnung der im Krieg verlorenen Halbinsel Sinai, generell mehr politische Stabilität und nicht zuletzt Waffenlieferungen aus den USA statt aus der Sowjetunion.
Kahane und seine Anhänger sahen aber die Aufgabe der inzwischen auf dem Sinai aufgebauten jüdischen Siedlungen als Verrat an. Sie waren viel zu wenige, um den Lauf der Dinge aufzuhalten, aber ihre Aktionen waren medial wirksam.
Der Abzug Israels von der Sinai-Halbinsel dauerte bis in die frühen 1980er-Jahre. Aus Protest dagegen haben sich Anhänger Kahanes in der jüdischen Siedlung Yamit in einem Bunker verschanzt und mit kollektivem Selbstmord im Stile Massadas (in der Antike eine hart umkämpfte Stadt im Krieg mit den Römern) gedroht. Als sich die Kahanisten auch von israelischen Oberrabinern nicht zum Abzug überreden ließen, ließ die israelische Regierung Kahane (für ihn) publikumswirksam aus den USA einfliegen, damit er seine Anhänger zur Aufgabe überredete.

1980 wurde Kahane zu 6 Monaten Haft verurteilt, weil er angeblich die Al-Aksa-Moschee und den Felsendom, beides islamische Heiligtümer auf dem Tempelberg, sprengen wollte.
Bis heute beharren radikale Zionisten darauf, dass auf dem Tempelberg der "Dritte Tempel" errichtet werden soll.

Meir Kahane (mit Bart) spricht 1984 in Tel Aviv vor seinen Anhängern


Doch Kahane kämpfte in der politischen Arena weiter. 1984 erreichte seine Kach-Partei einen Sitz im israelischen Parlament, der Knesset.
Dabei erhielt er nicht nur Unterstützung von radikalen Siedlern mit "Frontbewusstsein", sondern erkannte auch, dass nicht-aschkenasische Juden sich vom aschkenasischen Establishment deutlich diskriminiert fühlten, aber ihren Hass auch an Arabern ausließen.
Außerdem spielten wachsende soziale Ungerechtigkeiten durch "neoliberalistische"/wirtschaftsliberalistische Entwicklungen eine Rolle, gegen die es nicht nur linken, sondern zunehmend auch rechten Protest gab.
Nach dem Sieg 1984 organisierten die Kahanisten der Kach-Partei eine große Siegesfeier, bei der ein arabischer Markt und andere Einrichtungen überfallen wurden.
Kahane wurde Abgeordneter der Knesset und erklärte, er werde keine Regierung unterstützen, die nicht bereit sei, die Araber aus den besetzten Gebieten (für ihn ein Teil Israels) zu vertreiben.

1988 wurde Kahanes Wahlliste wegen Verstößen gegen das neu erlassene Wahlgesetz mit antirassistischen Klauseln icht mehr zugelassen. Ein Staatsanwalt plädierte vor dem obersten Gericht in Jerusalem, dass Kahane ein Nazi sei und seine Ideen und Taten Parallelen zu denen Adolf Hitlers hätten.
Der deutschstämmige israelische Publizist Uri Avnery bezeichnete Kahane als "jüdischen Nazi" und die Kach-Partei als "Nazipartei". Er griff Kahane auch in DER SPIEGEL an und warf ihm vor, sein Aktivismus sei der Tatsache geschuldet, dass sein Berufsleben in den USA nicht vorangegangen sei, sein Hebräisch klänge für einen Nationalisten erstaunlich amerikanisch und gerade im israelischen Schicksalsjahr 1967 sei er in den USA geblieben.

Wie dem auch sei: Auf längere Sicht war Kahanes Ideologie durchaus erfolgreich.
Er selbst sollte dies aber nicht mehr mitbekommen.


TOD DURCH EIN ATTENTAT


Meir Kahane kam 1990 in Manhatten bei einem Attentat ums Leben. Der Hauptverdächtige war El Sayyid Nosair, der nach einem Schusswechsel mit der Polizei festgenommen wurde. 
Später wurde er zwar vom Mordvorwurf freigesprochen, war aber 1993 in den ersten Anschlag auf das World Trade Center involviert
(26.02.1993). Der Anschlag mit einer Autobombe wurde von einer Gruppe um Ramzi Yousef ausgeführt wurde. Die Gruppe hatte dabei einen FBI-Informanten namens Emad Salem unter sich, der später als Zeuge aussagen, aber auch behaupten sollte, das FBI habe nicht entschieden genug reagiert.
Das Attentat auf Kahane wird auch in "Bombenattentat auf das World Trade Center" (1997) dargestellt.

Der Verlauf des Attentats war wie folgt:
Am Abend des 05.11.1990 hielt Meir Kahane eine Rede im zweiten Stock des New York Marriott East Side-Hotels in Manhattan (525 Lexington Avenue). Die Zuhörer waren meist orthodoxe Juden.
Nach der Rede beantwortete Kahane Fragen und nahm Glückwünsche entgegen. Kurz nach 21:00 Uhr näherte sich ihm ein Mann in jüdisch-orthodoxer Kleidung. Doch statt zu gratulieren schoss er ihm aus kurzer Distanz mit einer Pistole vom Kaliber .357 (9,07 mm) in den Hals. Kahane sank zusammen und starb kurz darauf.
Der Täter floh aus dem Hotel auf die Lexington Avenue und versuchte, vor einem Postbüro ein Taxi mit der Waffe zu hijacken. 
Carlos Acosta von der Postpolizei zog auch seine Waffe und wies den Täter an, sich nicht zu bewegen. Doch der Täter drehte sich plötzlich um und schoss Acosta in die Brust. Acosta erwiderte das Feuer und traf den Attentäter ins Kinn. Danach nahm der Postpolizist ihn fest.

Der Täter entpuppte sich als El Sayyid Nosair, ein Ägypter mit US-amerikanischen Pass und Wohnsitz in Jersey City (NJ). 
Später kam heraus, dass der Blinde Scheich, Omar Abdel-Rahman, der später eine führende Rolle im Anschlag auf das World Trade Center von 1993 haben würde, auch einen Plan entwickelt hat, El Sayyid Nosair aus der Attica Correctional Facility in New York zu befreien. Man überwachte das Gefängnis und plante einen bewaffneten Überfall und das Zünden einer Lkw-Bombe.

El Sayyid Nosair gab erst Jahre später seiner Tat  gegenüber Bundesagenten zu. Laut Artikeln im Playboy und in der Jerusalem Post hatte Nosair zuerst vor, Premierminister Ariel Sharon zu töten. Dabei soll er zwei Komplizen gehabt haben: Bilal al-Kaisi (Jordanien) und Mohammed A. Salameh (Palästina), die beide 1993 in den ersten WTC-Anschlag verwickelt waren. 



DER KAHANISMUS NACH KAHANE

Baruch Meir Marzel

Binyamin Ze'ev Kahane



Nach dem Tod Meir Kahanes lebte er der Kahanismus weiter.
Den Streit um die Nachfolge Kahanes an der Parteispitze gewann Baruch Meir Marzel gegen Kahanes Sohn Binyamin Ze'ev Kahane.
Dieser gründete darauf eine eigene Partei, Kahane Chai (Kahane lebt). Inhaltlich war diese Partei ähnlich wie die Kach-Partei gestrickt.

In den 1990ern mobilisierten die Nachfolgeparteien aufgrund von zwei Faktoren:



  • es gab immer wieder schwere Zusammenstöße zwischen Israelis und Palästinensern
  • US-Präsident Bill Clinton wollte die ursprünglichen Hardliner Yitzhak Rabin und Yasir Arafat dazu drängen, ein Friedensabkommen zu schließen;
    man sprach vom "Oslo-Friedensprozess", der 1993 in Oslo begann
    => für die Kahanisten war das Verrat
In diesem Jahrzehnt waren 2 Anschläge sinnbildlich für das Aggressionspotenzial des Kahanismus, obwohl es noch viel mehr Anschläge gab.


Baruch Goldstein


Am 25.02.1994 tötete Baruch Kappel Goldstein (Benjamin Carl; 1956 - 1994), ein Arzt und Sanitätsoffizier der IDF in der Ibrahimiyya-Moschee in Hebron (Teil des "Patriarchengrabs") 29 Menschen und verletzte rund 150 weitere. Seine Anhänger behaupteten, er sei im Vorfeld provoziert worden.
Als ihm die Munition ausging, wurde er von der Menschenmenge gelyncht.
Goldstein war in den USA aufgewachsen, hatte früh Kontakt zum Haus der Kachanes, studierte am Albert Einstein College of Medicine und war Mitglieder der Jewish Defense League.
Einigen Kahanisten gilt Goldstein bis heute als Idol.
Das offizielle Israel lehnte dagegen Goldsteins Vorgehen ab und stufte die kahanistischen Parteien Kach und Kahane Chai als terroristische Vereinigungen ein. Es soll aber noch gewisse Untergrundstrukturen geben.

Jigal Amir


Am 04.11.1995 tötete Jigal Amir (* 1970) in Tel Aviv den israelischen Premierminister Jitzchak Rabin, weil er die Friedenspolitik des ehemaligen Falkens Rabin als Verrat ansah. Rabin wurde dabei zum Verhängnis, dass seine Sicherheitskräfte eine mögliche Gefahr v. a. von Arabern und/oder Moslems sehen und nicht aus den eigenen Reihen.
Die Tat brauchte Amir eine lebenslange Freiheitsstrafe ein. Seine Tat bereut er dennoch nicht.
Genauere Nachforschungen haben ergeben, dass auch Amir im Umfeld des Kahanismus aktiv war. Amir soll auch von 
Rabbi Schlomo Aviner aufgehetzt worden sein. Vom Untersuchungsbericht der Schamgar-Kommission durfte zunächst fast die Hälfe des Textes nicht veröffentlicht werden. Die Verbindungen des Attentäters waren offenbar zu heikel.

Am 31.12.2000 wurde auch der Sohn Meir Kahanes, Binyamin Ze'ev Kahane mitsamt seiner Frau Talya bei einem Attentat ermordet. Sie fuhren in einem Kleintransporter auf dem Rückweg von Jerusalem und wurden in Kfar Tapuach erschossen, wobei 5 ihrer 6 Kinder schwer verletzt wurden. Ihr Fahrzeug wurde dabei von Kugeln durchsiebt.

Auch die Gewalt durch die Kahanisten ging weiter.
Am 04.08.2005 erschoss der 19-jährige Eden Natan-Zada, ein Mitglied der inzwischen verbotenen Kach-Bewegung, in einem Bus in Schefer'am 4 Araber und verletzte 22 weitere, bis er von der aufgebrachten Menge gelyncht wurde.

Der israelische Likud-Politiker Benjamin Netanjahu bediente sich zum Machterhalt immer wieder rechtsradikaler Verbündeter. Avigdor Lieberman war Mitglied der Kach-Partei und wurde später Verteidigungsminister unter Netanjahu.

2012 wurde die Partei Otzma Jehudit (Jüdische Stärke) von Arieh Eldad und Michael Ben-Ari gegründet, als deren starker Mann sich Itamar Ben-Gvir herausstellte. Ben-Gvir gehörte früher der Jugendorganisation der Kach and und hatte lange Zeit ein Bild von Baruch Goldstein in seinem Wohnzimmer. Im Dezember 2022 wurde er israelischer Minister für öffentliche Sicherheit, auch wenn er diesen Posten später wieder aufgab, weil ihm Netanjahus militärisches Vorgehen gegen den Gaza-Streifen infolge des Angriffs vom 07.10.2023 und gegen den Iran zu gemäßigt erschien.

Itamar Ben-Gvir

Der Kahanismus läuft auch in der Familie von Meir Kahane weiter.

Ein Enkel von ihm, Meir Ettinger (* 1991) ist in Israel ein kahanistischer Aktivist, der die extremistische "Hilltop Youth" anführt. Seine Eltern sind Mordechai und Tova Ettinger(-Kahane).
Die Hilltop Youth setzt auf die weitere Expansion israelischer Siedlungen im Westjordanland (West Bank). Sie geht dabei auch gewalttätig gegen palästinensische Siedlungen, Einrichtungen, Moscheen und Einzelpersonen vor. Lkws werden die Reifen zerstochen, um den palästinensischen Handel zu erschweren und Hirten werden abgedrängt.
Meir Ettinger ist dabei nicht nur anti-islamisch sondern auch anti-christlich motiviert.
Den säkularen Staat Israel lehnt er ebenso ab wie demokratische Institutionen generell und möchte ihn durch eine religiöse Gesellschaft auf der Grundlage der religiösen Schriften ersetzen. Manche nennen ihn "ghost of Meir Kahane".
Ideologisch ist Ettinger auch von Rabbi Yitzhak Feivisch Ginsburg (* 1944) beeinflusst, der die Vorstellung der Überlegenheit von Juden gegenüber Nicht-Juden vertritt, aber die rohe Gewalt Ettingers und der Hilltop Youth offiziell ablehnt.


ÜBERSICHT ÜBER DIE OPFER DES KAHANISMUS

Die Opfer des Kahanismus von den 1970ern bis in die 2010er.
Quelle: David Sheen


QUELLEN UND LITERATUR:

Wikipedia
-
www.spiegel.de
www.focus.de
www.youtube.com (z. B. David Sheen)